Zu mehr als 50 sexuellen Kontakten soll es zwischen dem früheren Arzt der Uniklinik und seiner Patientin gekommen sein – auch in der Tübinger Psychiatrie. Die Frau erzählt detailliert.
Ob sie eine Pause machen wolle, fragt die Richterin. „Ich will es gerne hinter mich bringen“, antwortet die Frau nach mehreren Stunden mit Unterbrechungen auf dem Zeugenstuhl. Es ist die 37-jährige Patientin, die von ihrem 63-jährigen Therapeuten in 53 Fällen unter Ausnutzung des Behandlungsverhältnisses missbraucht worden sein soll – sowohl in der Tübinger Psychiatrie als auch in seiner und ihrer Privatwohnung.
Der Angeklagte ist deshalb bereits in erster Instanz zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im Berufungsprozess am Landgericht Tübingen strebt seine Verteidigerin eine Bewährungsstrafe an. Bereits am vergangenen Freitag hatte der 63-Jährige am zweiten Verhandlungstag die Vermischung von Sex und Therapie eingeräumt: „Es tut mir leid, dass ich das professionelle Verhältnis verlassen habe“, sagte er. Er habe sich mehr als Privatkontakt und Freund seiner Patientin gesehen – und nicht mehr als ihr Therapeut.
Patientin wollte Sex mit Kondom – das lehnte er ab
Am vergangenen Dienstag, es ist der dritte Verhandlungstag, schildert seine damalige Patientin detailliert das, was zwischen Oktober 2020 und Juni 2021 passiert sein soll. Der Frau mit den langen braunen Haaren und dem weißen Strickpullover versagt im Saal 107 immer wieder die Stimme, sie weint, wischt sich die Tränen mit einem Taschentuch vom Gesicht.
Als Richterin Hörmann sie am Mittag nach einer weiteren Pause fragt, berichtet die 37-Jährige gerade von ihrem Schwangerschaftsabbruch. Der Angeklagte, ein inzwischen gekündigter Arzt der Uniklinik Tübingen und zum damaligen Zeitpunkt in Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie, habe auf ihren Wunsch nach geschütztem Sex mit Kondomen entgegnet: „Ich bin Arzt, ich spüre, wann Frauen ihre fruchtbaren Tage haben“, erzählt sie. Also kam es immer wieder zum Geschlechtsverkehr ohne Verhütung – und am Ende zur Schwangerschaft.
Arzt soll „erfüllenden Orgasmus“ gegen inneren Druck empfohlen haben
Sie wollte das Kind anfangs bekommen, hatte bereits nach einer Hebamme gesucht, doch er habe davon abgeraten. Die 37-Jährige, die sich wegen ihrer psychischen Erkrankung nach eigenen Angaben seit mehr als 20 Jahren in therapeutischer Behandlung befindet, nahm den Beschuldigten anfangs als „sehr sympathisch, selbstbewusst, freundlich und souverän“ wahr, erzählt sie. Ihr gefiel das als Kontrast zu früheren, sehr jungen Psychotherapeuten.
Auch seine Art der Therapie sagte ihr zu: Sie hätten lange Spaziergänge über die Felder und am Wald entlang gemacht, über Stunden geredet – und wären oft erst im Dunkeln zurückgekehrt. Kommuniziert hätten sie meist über seine private Mail-Adresse, auch über Whatsapp. Als ihn die 37-Jährige einmal fragte, wie sie mit dem inneren Druck umgehen könne, der bei ihr zu selbstverletzendem Verhalten führe, habe er einen „erfüllenden Orgasmus“ empfohlen. Das habe sie irritiert.
Anwalt der Patientin will eine Verurteilung wegen Vergewaltigung
Ein schwieriges Gespräch mit dem Jugendamt wegen des Sorgerechts für ihre drei Kinder habe Ende September 2020 dazu geführt, dass sie sich wieder selbst verletzen wollte. „Nach so einem Tag sollten Sie sich was Gutes tun“, habe ihr der Arzt geraten und lud sie auf „einen Absacker“ in seine Tübinger Privatwohnung ein. Er habe gekocht, ihr Rotwein eingeschenkt, obwohl sie eigentlich keinen Alkohol trinke. „Ich fühlte mich, als ob ich da nicht hingehören würde“, sagt die Frau am Dienstag.
An jenem Oktoberabend 2020, für den der Anwalt der 37-Jährigen eine Verurteilung wegen Vergewaltigung anstrebt, habe der Beschuldigte in kurzer Zeit fünfmal versucht, sie zu erreichen: Auf dem Festnetz und auf dem Handy. „Er klang so komisch am Telefon“, erzählt die Frau. Ihr Therapeut wolle mit ihr reden, sie solle zu ihm in seine Wohnung kommen. Dort nahmen beide auf dem Sofa Platz, er bot er ihr das „Du“ an.
Im Schlafzimmer habe sich ihr Therapeut vor ihr entkleidet
Ihre Beine hatte sie an sich gezogen. Irgendwann habe sie seine Hand gegriffen und in ihre gesetzt. Doch dann habe er angefangen, sie zu küssen und sie mit seinen Händen unter ihrer Kleidung zu berühren. „Ich habe ihm gesagt, dass ich meine Periode habe und nicht mehr möchte, dass mir das zu viel ist“, erzählt die Frau. Doch ihr Therapeut machte weiter. Irgendwann sei er vom Sofa gerutscht, habe sie „so komisch“ von unten angeschaut. „Für einen ganz kurzen Moment habe ich mich so gefühlt, als wäre ich seine Therapeutin, er guckte mich an wie ein kleiner Junge“, erzählt sie.
Dann sei er aufgestanden, habe ihre Hand genommen und sie ins Schlafzimmer geführt. Dort habe er sich vor ihr komplett entkleidet. „Ich saß auf dem Bett und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich konnte nicht einfach gehen, er hat so viel für mich getan“, sagt sie. Sie habe aber klar gemacht, dass sie das wegen ihrer Periode „eklig“ finden würde. Er entgegnete: Das würde ihn nicht stören.
Ehefrau des Therapeuten soll mit der Scheidung gedroht haben
Ihre Beine habe sie auf dem Bett fest zusammengepresst, doch er habe sie mit seinen Knien einfach auseinandergedrückt. „Das hat wehgetan“, sagt sie. Der Angeklagte betonte am vergangenen Freitag: „Ich habe ihr zu keiner Zeit Gewalt angetan oder etwas gegen ihren Willen.“ Sie berichtet, sie wollte „auf keinen Fall was falsch machen“. Und: „Ich habe so einen tollen Therapeuten, den will ich nicht verlieren“, habe sie gedacht. Bereits am Folgeabend kam es zum nächsten Geschlechtsverkehr. Auch in den weiteren Sitzungen – insgesamt gab es laut Anklage mehr als 50 sexuelle Kontakte während des Behandlungsverhältnisses.
Weil es immer wieder zum Sex kam, besorgte sie Kondome. Doch die habe er abgelehnt: Damit würde viel an Körpernähe verloren gehen. Im November 2020 habe er sich plötzlich krankschreiben lassen und den Kontakt vorerst abgebrochen. „Er hat erzählt, dass seine Frau es rausgefunden hat und mit der Scheidung droht“, erzählt sie. Er müsse jetzt seine Ehe retten, sie mache ja bereits „super Fortschritte“ und könne das auch alleine aushalten. Aber sie solle sich auf keinen Fall an die Klinik wenden, sonst bringe sie ihn in Schwierigkeiten.
Patientin erzählt einer Oberärztin der Psychiatrie, was geschehen sei
Als er im neuen Jahr 2021 wieder zurückkehrte, kam es in seinem Behandlungszimmer in der Tübinger Psychiatrie erneut zum Sex. Er habe ihr erklärt: Die Therapie könne man ja fortsetzen, nur eben nicht bei ihm zuhause. „Ich wollte ja seine Zuwendung, aber ohne Sexualität“, sagt sie: „Ich hatte Angst, wenn die Sexualität wegfällt, dass er dann immer weniger Interesse an der Therapie hat“, sagt sie.
Im April dann der Schwangerschaftsabbruch, Anfang Juni der endgültige Kontaktabbruch. „Er meinte, ich würde ihn damit umbringen, wenn ich erzähle, was passiert ist“, erzählt sie. Dann sei er gegangen. Doch sie wusste: „Wenn ich die Klinik verlasse, überlebe ich das nicht.“ Schließlich vertraute sie sich einer Oberärztin der Psychiatrie an – und erzählte ihr, was geschehen sei.