Missbrauch in Kirche Viele Katholikinnen sind mit ihrer Geduld am Ende

Von Maria Wetzel 

Die katholische Kirche hat durch den Mißbrauchskandal  viel Vertrauen verloren. Foto: epd
Die katholische Kirche hat durch den Mißbrauchskandal viel Vertrauen verloren. Foto: epd

Durch Verschweigen und Vertuschen von Missbrauch hat die katholische Kirche viel Vertrauen eingebüßt. Das lässt sich nur wiedergewinnen, wenn die Hierarchie zu radikalen Veränderungen bereit ist, sagen viele engagierte Frauen.

Stuttgart - Wenn die katholische Kirche negative Schlagzeilen macht, spürt ­Karin Walter das schnell. Schüler und Kollegen wollen von der Religionslehrerin und Schulseelsorgerin wissen, wie es dazu kommen konnte, dass sexueller Missbrauch durch Priester und Ordensleute oft verschwiegen und vertuscht wurde und Täter teils einfach die Gemeinde wechselten. Befriedigende Antworten kann sie ihnen nicht geben. „Weil es auf diese Fragen keine befriedigende Antwort gibt“, sagt Walter. Die Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes in der Diözese Rottenburg-Stuttgart weiß, wie sehr diese Vergehen Gläubige verunsichert und das Vertrauen in die Kirche erschüttert haben. „Die Taten müssen schonungslos aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden“, fordert sie.

Frauen verlangen Reformen

Darauf drängen engagierte Katholikinnen in ganz Deutschland. „Die Zeit für entschlossenes Handeln ist jetzt“, erklärte der Katholische Frauenbund kürzlich und forderte Bischöfe und Ordensobere auf, allen Hinweisen auf Missbrauch nachzugehen, diesen anzuzeigen und überführte Priester und Ordensleute ihres Amtes zu entheben. „Den Bekundungen von Scham und Entschuldigungen gegenüber Betroffenen müssen jetzt Taten folgen, die klar erkennen lassen, dass es den Verantwortlichen in der Kirche ernst ist mit der lückenlosen Aufarbeitung begangenen Unrechts“, sagte Maria Flachsbarth, Präsidentin des Frauenbundes, dem rund 180 000 Katholikinnen angehören.

Um Vertrauen zurückzugewinnen und die Kirche zukunftsfähig zu machen, sind aus Sicht des Frauenbundes weitere Schritte nötig: der gleichberechtigte Zugang aller Getauften und Gefirmten zu den Sakramenten und Ämtern, der Abbau hierarchischer und klerikaler Strukturen sowie eine kirchliche Sexualmoral, die den vielfältigen Lebenswirklichkeiten von Menschen gerecht wird. „Wir halten es auch für wichtig, offen über die Aufhebung des Pflichtzölibats für Priester zu diskutieren und neue Zugänge zum Priesteramt zu beschreiben“, so Flachsbarth. Damit führt der Frauenbund eine Diskussion fort, die der Präfekt der Glaubenskongregation in Rom im Mai beenden wollte.

Kirchenvolksbewegung warnt vor Auszug der Frauen

Für Ruth M. ist das Beharren darauf, dass nur Männer Pfarrer oder Diakon werden können, ein Grund, warum sie sich nach mehr als 20 Jahren ehrenamtlicher Arbeit aus der Kirchengemeinde zurückzieht. Die Enttäuschung vieler Frauen über Kommunionsstreit, Ämterverweigerung und mangelnde Wertschätzung nimmt auch Verena Wodtke-Werner wahr. Die Kirche müsse sich allen schwierigen Fragen stellen, sagt die Direktorin der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Seit Bekanntwerden des Missbrauchs im Jahr 2010 ist die Zahl der Kirchenaustritte in der Diözese auf über 10 000 pro Jahr gestiegen – 42 bis 46 Prozent derer, die gingen, waren Frauen.

Auch die Kirchenvolksbewegung gibt sich mit dem Basta aus Rom nicht zufrieden. Das 42. Bundestreffen der Initiative „Wir sind Kirche“ an diesem Wochenende steht unter dem Motto „Unfehlbar daneben – ohne Frauen keine Zukunft“.

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