Auch in den Kitas sollte eine hohe Sensibilität gegen Missbrauch vorhanden sein. Foto: dpa

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart will 15 000 Mitarbeiter in einem Programm gegen Missbrauch „sensibilisieren“.

Stuttgart - Wo fängt die persönliche Grenzverletzung eigentlich an? Was tun bei gravierenden Vorfällen, wie kann man auffälliges Verhalten von Kollegen früh erkennen und es abstellen? Die Diözese Rottenburg-Stuttgart will wegen der sexuellen Missbrauchsfälle eine „Kultur der Achtsamkeit und Verantwortung“ in den eigenen Reihen und wird deshalb vom nächsten Jahr an bis 2023 laufendes Fortbildungsprogramm für alle ihre 15 000 Mitarbeiter sowie für Tausende von Ehrenamtlichen anbieten.

„Es geht um eine Sensibilisierung dafür, was sexueller Missbrauch und sexuelle Gewalt eigentlich ist“, sagt Sabine Hesse, die Präventionsbeauftragte der Diözese. Die Mitarbeiter sollten ein Gespür dafür entwickeln, wie Täter durch Manipulationen, Belohnungen oder auch Bedrohungen ihre Opfer „unter Druck“ setzen. Sie sollen aber auch lernen, wie schnell „Grenzverletzungen“ passieren können. Die Diözese definiert in einem eigenen Regelungskatalog „sexuellen Missbrauch“ als alle Handlungen, die gegen die sexuelle Selbstbestimmung von minderjährigen und erwachsenen Schutzbefohlenen verstoßen.

Es geht auch um eine „respektvolle Sprache“

Sabine Hesse bringt einige Beispiele dafür, wie rasch ein Tabu berührt oder eine Grenze überschritten sein kann: eine tröstende Umarmung, die dem Gegenüber eigentlich unangenehm ist; oder ein angeordnetes Umziehen in der Sammelumkleide, obwohl ein Mädchen oder ein Junge eine Einzelkabine bevorzugen, gehören dazu. Die Grenzen der professionellen Rolle seien überschritten, wenn ein Mitarbeiter ein Gespräch über das eigene Sexualleben führe, und ein Persönlichkeitsrecht sei verletzt, wenn Bildmaterial ungefragt übers Handy oder das Netz verbreitet werde. Hesse will auch über eine „respektvolle Sprache“ sprechen und hinterfragen, ob es in den Kindergärten nicht besser sei, die Kinder beim Namen anzusprechen und Kosenamen wie „Schätzchen“ einfach zu unterlassen. Überdies müsse das Duzen von Auszubildenden hinterfragt werden.

Alle Mitarbeiter sollten fortgebildet werden

Gehäufte Grenzverletzungen können zu sexuellen Übergriffen führen, und wie da Täter strategisch vorgehen, das sollen Diözesan-Mitarbeiter künftig leichter erkennen, sagt Hesse. Zu Übergriffen zählen das Einstellen sexualisierter Fotos ins Internet, das wiederholte vermeintlich zufällige Berühren an der Brust oder den Genitalien – was auch im Sport oder in der Pflege vorkommen kann – sowie sexistische Bemerkungen oder sexistische Spielanleitungen, etwa das Flaschendrehen, bei dem sich Spieler entkleiden müssen.

Mit einem Referentenpool aus eigenen und externen Mitarbeiten soll das 1,2 Millionen Euro teure Fortbildungsprogramm durchgeführt werden, das dosiert in Einheiten von sechs, drei oder 1,5 Stunden angeboten wird. Nicht nur Kleriker, sondern „alle“ Mitarbeiter sollten fortgebildet werden, sagt Sabine Hesse: die 8000 Erzieher und Erzieherinnen in den Kindergärten, die Kirchenmusiker und Mesner sowie die Pfarramtssekretärinnen, die durch ihre Arbeit auch viel Kontakt mit Jugendlichen haben und Auffälligkeiten leicht mitbekommen. Auch Ehrenamtliche sollen von der Fortbildung profitieren.

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