Der Täter ist verurteilt, die Opfer werden Wege finden müssen, mit dem Erlebten umzugehen. Der Fellbacher Missbrauchsfall zeigt auf, wie wichtig es ist, genau hinzusehen.
Ein am Straßenrand wartender Transporter. Ein Mann, der ein Kind mit fadenscheinigen Versprechen hineinlockt. So oder ähnlich sieht es wohl aus, das Bild, das noch immer viele Menschen von einem Kindesmissbrauch haben. Doch der Fellbacher Missbrauchsskandal, der am Donnerstag vor dem Landgericht Stuttgart sein Ende gefunden hat, zeigt einmal mehr: Die Wahrheit sieht oft ganz anders aus. Mehr als zwei Drittel der Täter kommen in solchen Fällen laut der Polizei aus dem sozialen Umfeld der Kinder. Mal ist es ein Verwandter, ein Lehrer, ein Mitschüler – oder, wie in diesem Fall, ein Sporttrainer.
Sexueller Missbrauch: Erleichterung über das Urteil überwiegt
Das Urteil des Landgerichts lautet „schuldig“, der 53 Jahre alte Ex-Handballtrainer muss für insgesamt fünf Jahre und vier Monate hinter Gitter. Schon zu Beginn des Prozesses hatte er gestanden, über fast 15 Jahre hinweg acht seiner Schützlinge – Handballspieler des SV Fellbach und der SG BBM Bietigheim im Alter zwischen 13 und 18 Jahren – missbraucht zu haben. Verurteilt wurde er wegen 516 Taten, darunter – teilweise schwerer – sexueller Kindesmissbrauch, Missbrauch von jugendlichen Schutzbefohlenen und der Besitz von Kinder- und Jugendpornos.
Die Zuschauerplätze waren bei der Urteilsverkündung voll besetzt mit Medienvertretern, aber auch mit Vereinsmitgliedern, Betroffenen und Eltern. Unter den Zuschauern war auch Dieter Pfeil, der die betroffene Handballabteilung beim SV Fellbach leitet. Eigentlich hatte er vor, dem Prozess fernzubleiben. Er wolle den Angeklagten nie wieder sehen, hatte er im Vorfeld gesagt. Nun war er doch da. Als der Richter erklärte, warum die Anklage in 50 der Fälle fallen gelassen wurden und dass es im Grunde um „einvernehmliche sexuelle Handlungen“ mit Jugendlichen gehe, konnte Pfeil seine Wut kaum verbergen. „Sie standen doch unter Druck und wurden massiv manipuliert“, meinte er später. Dennoch akzeptiere er das Urteil: „Ich bin erleichtert, dass das Thema vorbei ist und die Betroffenen, die uns am Herzen liegen, nun versuchen können, damit abzuschließen.“
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Zwei der gemeinten jungen Männer standen derweil mit ihrem Anwalt Jens Rabe vor dem Gerichtssaal. Beide sagten, sie hätten erst Angst vor dem Prozess gehabt, davor, das Erlebte vor allen Anwesenden zu schildern. Durch das wortkarge, aber umfassende Geständnis ihres Peinigers ist den meisten von ihnen das erspart geblieben. Das hätte auch anders laufen können, sagt Rabe: „Bei einem strittigen Verfahren hätten die Betroffenen jedes Detail schildern müssen, es wären Videos angeschaut worden.“ Doch das Geständnis und das Urteil waren eindeutig – eine Erleichterung für die Opfer. „Es ist gut zu wissen, dass nicht mehr in Zweifel steht, was wir erlebt haben“, sagt einer der jungen Männer. Die Verteidiger Bernd und Svenja Kiefer bekommen für ihre, wie Bernd Kiefer es nennt, „opferschutzbezogene Verteidigungslinie“ sogar von der Gegenseite Anerkennung. Natürlich werde man das Urteil prüfen und sich mit dem 53-Jährigen beraten, sagt Kiefer. „Aber nach erster Einschätzung halte ich es für ausgewogen und präzise.“ Im Rahmen eines Vergleichs hat sich der Täter auch verpflichtet, jedem der Opfer 10 000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen.
Kritik an der Urteilsbegründung wird laut
Dennoch sind nicht alle Seiten zufrieden: Die Anwältin Rebecca Baier, die einen der acht Geschädigten vertreten hat, sagt, sie sei vom Urteil enttäuscht. „Einerseits, weil dieser Vergleich nur der Verschlankung des Verfahrens diente. Und andererseits, weil sich Geschädigte in der Urteilsbegründung nicht richtig gesehen und respektiert fühlen.“ Worte wie „einvernehmlich“ seien unpassend – „und von einem Urteil wünscht man sich auch ein paar mahnende Worte an den Angeklagten“. Dennoch würde eine Revision und ein zweiter Prozess für ihren jungen Mandanten eine Belastung bedeuten.
Der Ex-Trainer hat sich durch sein rasches Geständnis wohl auch selbst davor bewahrt, sich vor Gericht wirklich mit seinen Taten auseinanderzusetzen. „Ich räume sämtliche mir vorgeworfenen Sachverhalte umfassend ein“, ließ er seine Anwälte sagen. Fragen zum Wie und Warum wollte er nicht beantworten. Das Reden überließ er großteils seinen Verteidigern. Zu Beginn jedes Prozesstages versteckte er sich unter einer tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappe, die er erst kurz vor dem Erscheinen der Kammer abnahm. Beim Auftakt und vor dem Urteil, wenn Fernsehkameras dabei waren, versteckte er sich zusätzlich hinter einem großen Aktenordner. Den Prozess verfolgte der stämmige Mann meist zusammengesunken dasitzend. Die Opfer und die betroffenen Vereine hat er um Entschuldigung gebeten. Nur einige Betroffene wollten dem Täter gegenübertreten und sich diese anhören. Explizit angenommen hat sie keiner.
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Nun, da das Urteil gesprochen ist, können Vereine und Eltern Lehren aus dem Geschehenen ziehen. Denn auch wenn der Prozess zu großen Teilen nicht öffentlich stattfand, hat er geradezu beispielhaft gezeigt, wie perfide solche Täter agieren können. Wie sie unter dem Vorwand der sportlichen Förderung gezielt Situationen schaffen, in denen sie mit den kindlichen oder jugendlichen Schützlingen allein sein können.
Deutlich wurde auch, dass eine Mischung aus scheinbarer Förderung durch den Peiniger, sportlichem Ehrgeiz der Jugendlichen, einem Machtgefälle zwischen Trainer und Sportlern sowie manipulative Charakterzüge eines Täters mit entsprechenden Neigungen gerade in Sportvereinen ein Nährboden für Missbrauch sein können , der von außen nur schwer zu erkennen ist.
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Der SV Fellbach als hauptsächlich betroffener Verein hatte rasch nach dem offiziellen Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den Ex-Trainer die Flucht nach vorn angetreten . Statt die Vorkommnisse zu vertuschen oder sich dazu mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht zu äußern, gab sich der Vorstand alle Mühe zu erklären, welche Anstrengungen er unternehmen will, dass solche Fälle künftig nicht mehr vorkommen.
Nach einer Fortbildung hakte eine Mutter bei ihrem Sohn nach
Seit einigen Jahren treibt beispielsweise der Landessportverband Baden-Württemberg die Prävention sexualisierter Gewalt voran. Es gibt Verhaltens- und Ehrenkodizes, manche Vereine verlangen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis von ihren Trainern, es gibt Weiterbildungen, Handlungsleitfäden und Ansprechpersonen. Es ist bekannt, wie Täter agieren und welche Risiken es speziell in Sportvereinen gibt.
Nur: Ein Allheilmittel sind solche Konzepte nicht. So war das Führungszeugnis des Täters von Fellbach und Bietigheim bis zum Donnerstag blütenweiß. Und all das Wissen über die Gefahr des Missbrauchs muss auch bei den Sportlern, anderen Trainern und nicht zuletzt bei Eltern ankommen: „Wir wollen eine Kultur des Hinschauens“, so SV-Fellbach-Vorstandsmitglied Tilmann Wied.
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In diesem Fall war es kein Zufall, dass der Missbrauch ans Licht kam. Jene Mutter, der zuerst gewisse Verhaltensweisen ihres Sohnes und eines Freundes auffielen, ist selbst im Verein aktiv und hat das Wissen, das sie bei einer solchen Schulung durch einen Sportverband vermittelt bekam, genutzt. 15 Jahre nachdem der Mann zum ersten Mal Hand an ein Kind gelegt hatte, hakte sie bei ihrem Sohn nach – und der erste Schritt zur Aufdeckung war getan. Als Nestbeschmutzer würden die Opfer im SV Fellbach nicht gesehen, sagt Dieter Pfeil: „Sie haben unsere Anerkennung. Nur dank ihnen sitzt der Täter jetzt da, wo er hingehört.“
Weitere Missbrauchsfälle kommen bald vor Gericht
Der Fellbacher Missbrauchsfall wird nicht der letzte Missbrauchsfall in einem Sportverein gewesen sein, der die Region Stuttgart erschüttert. Derzeit arbeitet die Justiz an weiteren Verfahren gegen andere Trainer aus anderen Vereinen aus der Gegend, die, so heißt es aus gut informierten Kreisen, dem Fellbacher Fall erschreckend ähnlich sind.