Ein bis zwei Kinder je Grundschulklasse sind laut Statistik von sexueller Gewalt betroffen. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Die Stiftung Hänsel+Gretel hat ein Präventionskonzept entwickelt, das bereits Kindergartenkinder vor sexueller Gewalt schützen soll. Das Projekt wurde nun in Stuttgart-Dürrlewang vorgestellt. Und die Macher können bereits erste Erfolge vermelden.

Dürrlewang - Die Zahl schockiert. Ein bis zwei Kinder pro Grundschulklasse sind von sexueller Gewalt betroffen. Jerome Braun hat diese Zahl vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, den die Bundesregierung berufen hat, und er hat sie zum Anlass genommen, um sich zu engagieren. Jerome Braun ist der Geschäftsführer der Stiftung Hänsel+Gretel mit Sitz in Karlsruhe, die sich für Kinder und Jugendliche einsetzt und seit 1997 mehr als 520 Projekte ins Leben gerufen hat. Darunter: die Starke-Kinder-Kiste.

Sie soll Kindergartenkinder gegen sexuelle Gewalt und Missbrauch starkmachen. Die Schirmherrschaft für das Projekt hat die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey übernommen. Wie das Ganze funktionieren soll, wurde am Montag im Element-i-Kinderhaus Bärcheninsel in Dürrlewang erklärt. Dort – und in sieben anderen Kitas in der Stadt, die der Träger Konzept-e betreibt – sind ab sofort die ersten Starke-Kinder-Kisten in Stuttgart im Einsatz.

Der schwarze Sandsack steht für Seelenballast

Bestückt sind sie mit allerhand Spielmaterial, das kleine Kinder befähigen und ermutigen soll auszudrücken, was sie mögen und was nicht, und ihnen zu einem gesunden Körpergefühl verhelfen soll, „ohne das Thema sexuelle Gewalt und Missbrauch in den Mund zu nehmen“, so Jerome Braun. Zu früh ist das nicht. Häufig beginnen Übergriffe bereits im Vorschulalter, erklärt er. Daher müssten Mädchen und Jungen zeitig informiert und gestärkt werden, und „Kitas sind neben der Familie die erste Sozialisationsinstanz“.

In der Kiste befindet sich beispielsweise ein schwerer schwarzer Sandsack. Er symbolisiert ein Geheimnis, das einem auf der Seele liegt. Auf einer Magnettafel können die Kinder anhand eines Männchens anzeigen, wo sie nicht berührt werden wollen, und mit einem Sprachrohr und einem kleinen Stopp-Schild können die üben, laut und deutlich Nein zu sagen. Dazu gibt es Kuscheltiere und kleine Bilderbücher. Außerdem gehört zur Konzeption jede Menge Info- und Schulungsmaterial für die Erzieher, denn auch die müssen in der Regel erst lernen, mit dem schwierigen und schambehafteten Thema sicher umzugehen, erklärt Franziska Pranghofer, die Kinderschutz- und Kinderrechtsbeauftragte beim Träger. „Es gibt viel Unwissenheit“, sagt sie.

Erfolge in den vier Jahren

Die Stiftung Hänsel+Gretel hat sich bereits mit mehr als 40 Fachberatungsstellen in zwölf Bundesländern vernetzt. Aktuell sind 100 Starke-Kinder-Kisten im Umlauf. Es sollen aber noch ungleich mehr werden. Dafür hat die Stiftung als Kooperationspartner die Firma Bauhaus gewonnen, die die Metallboxen spendet. Angepeilt sind 1000 Kisten, die durchs Teilen im Verbund von je drei bis fünf Kitas in zusammengenommen 5000 deutschen Betreuungseinrichtungen zum Einsatz kommen sollen. 500 000 Kinder sollen so erreicht werden. Laut Jerome Braun kostet eine Kiste inklusive dem Schulungs- und Fortbildungsmaterial 2250 Euro. Kitaverbünde können die Kisten entweder mit eigenen Mitteln anschaffen oder sich an die Stiftung wenden, die ein Kontingent an spendenfinanzierten Boxen hat.

So oder so: Das Geld für die Schutzkisten scheint bestens angelegt zu sein. Denn die Stiftung Hänsel+Gretel arbeitet laut Jerome Braun bereits seit vier Jahren mit den Starke-Kinder-Kisten, „und es gab schon Fälle, wo es zu Verurteilungen kam“, sagt er.

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