Seit Mittwoch steht ein Ex-Trainer wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Ein Vorstandsmitglied reagiert auf das Geständnis und die Bitte um Entschuldigung des Angeklagten.
Der Prozess gegen einen 53-Jährigen aus Fellbach, der jahrelang mehrere Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben soll, ist gestartet – und in seiner Heimatstadt verfolgt man gespannt, welchen Verlauf die Gerichtsverhandlungen nehmen. Auf den Zuschauerplätzen saßen beim Gerichtsverfahren einige Fellbacher, es waren nicht unbedingt die Geschädigten selbst, aber nahe Angehörige oder Mitglieder des SV Fellbach. Dort hatte der Angeklagte bis zum Jahr 2019 als Trainer gewirkt.
Sein Name taucht in Berichten über den Fall, wie es das Gesetz vorschreibt, höchstens gekürzt auf – und trotzdem wissen viele Fellbacher, wer da auf der Anklagebank sitzt. Er galt als Jugendtrainer-Koryphäe, hat viele junge Menschen an den Handballsport herangeführt. Und mindestens acht davon, so hat er nun vor Gericht selbst eingestanden, über Jahre hinweg missbraucht.
Die Opfer sagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus
Der SVF-Vorsitzende Tilmann Wied hat den Prozessauftakt selbst nicht besucht; auch der Leiter der Handballabteilung, Dieter Pfeil, blieb der Verhandlung fern. Er wolle den 53-Jährigen nie wieder sehen, hatte Pfeil vor dem Beginn des Prozesses erklärt. Tilmann Wied sagt: „Ich sehe keinen Anlass, dorthin zu gehen. Wir werden sehen, was beim Urteil herauskommt – ich habe Vertrauen in unsere Gerichtsbarkeit.“
Am ersten Prozesstag wurde die mehrere hundert Punkte umfassende Anklageschrift verlesen, auch drei der Betroffenen haben ihre Erlebnisse geschildert. Letzteres fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Möglichkeit, dass Dinge, die die Intimsphäre der Opfer betreffen, nur in kleinem Kreis geschildert werden, gibt es für Gerichte nicht nur bei Kindern und Jugendlichen.
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Die Anwältin eines Opfers hatte sogar beantragt, auch die Verlesung der Anklageschrift nicht-öffentlich stattfinden zu lassen. Der Staatsanwalt trat dem entgegen: Bei einem so weitreichenden Fall wie diesem überwiege das Interesse der Öffentlichkeit, informiert zu werden. Eine Ansicht, welcher auch der Vorsitzende Richter folgte.
Der Angeklagte hat seine beiden Verteidiger neben seinem kurzen, aber umfassenden Geständnis eine Erklärung verlesen lassen, in der er nicht nur die Opfer, sondern auch die betroffenen Vereine um Entschuldigung bat. Tilmann Wied will sich nicht anmaßen, über ein Annehmen oder Ablehnen dieser Entschuldigung zu entscheiden. „Der Verein besteht ja aus vielen Menschen – bei einer Institution muss man sich nicht entschuldigen.“ Dennoch nennt er das Geständnis und die Bitte um Entschuldigung „einen guten Schritt“. „Wir werden ja sehen, ob sie ernst gemeint waren oder nur strafmildernde Taktik“, sagt Wied weiter. „Aber natürlich ist es toll, dass durch das Geständnis den Betroffenen eine tiefer gehende Aussage erspart bleibt und nicht alles noch einmal im Detail aufgerührt werden muss“, sagt Wied.
Im Netz brodelt der Hass auf den Angeklagten
Wer dieser Tage einen Blick in die Kommentarspalten auf Facebook wirft, kann lesen, wie sehr der Missbrauchsskandal die Menschen aufwühlt. Unter Berichten zu dem Fall werden Bilder von Guillotinen gepostet, Forderungen nach lebenslanger Haft, aber auch nach einer Kastration des Angeklagten werden geäußert. Die Entschuldigung des 53-Jährigen, so wird oft vermutet, sei nur Teil einer Taktik, um das Strafmaß zu senken. Doch auch wenn voraussichtlich nicht alle Betroffenen vor Gericht im Detail schildern müssen, was ihnen mutmaßlich angetan wurde: Der Beginn des Prozesses wird keine leichte Zeit für sie. Zeitungen aus ganz Deutschland berichten nun über den Fall, Fernseh- und Radiosender führen beim SV Fellbach, aber auch vor dem Gerichtsgebäude Interviews.
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Der Verein ist seit Bekanntwerden des mutmaßlichen Missbrauchs bemüht darum, den Blick nach vorne zu lenken – darauf, dass sich so ein Fall nicht wieder ereignen kann. Bei einem vereinsinternen Präventionsevent im Januar bleibt es nicht, Anfang Juli soll es einen weiteren Tag mit Workshops und Seminaren geben, bei dem vor allem Trainer und Übungsleiter lernen, wie sie Warnsignale erkennen, aber auch, welche Bereiche bei welchen Sportarten besonders sensibel angegangen werden müssen und wo Gefahren liegen könnten. Wied nennt Hilfestellungen beim Turnen als Beispiel. Eigentlich war, ebenfalls im Juli, auch eine weitere Präventionsveranstaltung für Eltern geplant. Diese ist allerdings verschoben worden, um sie zeitlich weiter von dem Gerichtsverfahren zu trennen. Bislang ist der letzte Prozesstag für Anfang Juni geplant – es ist aber gut möglich, dass der Prozess schneller zu Ende geht, als zunächst gedacht.
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