Sophia Hatzelmann leitet die MINT-Initiative des Verbands deutscher Unternehmerinnen. Diese wollen unter anderem mit ihren Biografien Möglichkeiten für Frauen in MINT-Berufen zeigen. Foto: Mierendorf

Karrierefrauen wollen Vorbehalte abbauen und junge Frauen für Berufe und eine Karriere in naturwissenschaftlich-technischen Bereichen begeistern.

Zuerst die gute Nachricht: es gibt so viele weibliche MINT-Studierende und Absolventinnen wie noch nie. Jede vierte Studien­anfängerin entschied sich 2012 für ein Fach aus dem Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik (MINT). Der nationale Pakt, den Politik, Industrie und Wissenschaft 2008 schmiedeten, um junge Frauen für naturwissenschaftliche und technische Studiengänge zu begeistern sowie Hochschulabsolventinnen für Berufskarrieren in Wirtschaft und Wissenschaft zu gewinnen, zeigt erfreuliche Erfolge. So ist seit 2007 die Zahl der angestellten Naturwissenschaftlerinnen um 44 Prozent gestiegen, unter den Ingenieuren gibt es ein Viertel mehr an weiblichen Berufstätigen.

Der Beschäftigungszuwachs in diesen Bereichen war in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich; das Risiko, arbeitslos zu werden, gering. Dennoch ist der Frauenanteil in den sogenannten MINT-Berufen weiterhin unterdurchschnittlich. Hier gibt es nur knapp 18,7 Prozent Frauen. Zum Vergleich: durchschnittlich beträgt der weibliche Anteil aller Beschäftigten 45,6 Prozent. Im Management ist noch mehr Luft nach oben: auf etwa 25 Ingenieurwissenschaftler kommt hier eine Frau. Wie gut, dass Frauen, die den Aufstieg geschafft haben, sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Sophia Hatzelmann beispielsweise ist Gründerin und geschäftsführende Gesellschafterin der ahc GmbH in Stuttgart, einer international agierenden technischen Unternehmens­beratung für Interimsprojektleitung, Projektmanagement, Prozessoptimierung in der Automobil- und Maschinenbau-Branche.

"Alle in der Familie müssen mithelfen"

Darüber hinaus leitet sie die MINT- Initiative des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU). In dieser Arbeitsgruppe vernetzen sich Unternehmerinnen mit technischem Hintergrund. Sie wollen persönlich an Schulen für MINT-Fächer und deren berufliche Bandbreite werben, quasi Vorbilder zum Anfassen sein. Hatzelmann und ihre Mitstreiterinnen sind davon überzeugt, dass die MINT-Problematik an vielen gesellschaftlichen Stellen angegangen werden müsse: neben der Schule natürlich im Elternhaus. Auch die Medien seien gefordert. Vielleicht sind in den Lebensmustern erfolgreicher Frauen tatsächlich Lösungsansätze für noch unentschiedene junge Frauen zu finden.

Die 40-jährige Sophia Hatzelmann, Mutter von drei Kindern, sagt von sich, dass sie schon ziemlich früh auf eigenen Beinen stehen wollte. Zielführend habe sie Elek­tronik studiert, Mathematik sei ihr auf dem Gymnasium sehr leichtgefallen. Der Wunsch, unabhängig zu sein, führte sie nach einem kurzen Zwischenstopp als leitende Angestellte schnell zum Unternehmerinnen-Dasein. 'Mit allen Vor- und Nachteilen.' Niemand mache ihr Vorschriften, wo und wann sie arbeiten soll, andererseits müsse sie bei einem Projekt voll und ganz da sein. Natürlich müsse es dann auch zu Hause ziemlich strukturiert zugehen. 'Alle in der Familie müssen mithelfen.' Und das wolle sie auch jungen Frauen rüberbringen: 'Familie und verantwortungsvoller Beruf lassen sich auch in technischen Disziplinen durchaus vereinbaren. Das Wichtigste ist, sich zu trauen und sich selbst realistisch einzuschätzen.'

Jumana Al-Sibai ist Mutter von zwei kleinen Kindern und Leiterin Marketing und Vertrieb bei der Robert Bosch GmbH in Stuttgart. Die Wirtschaftsingenieurin mit Schwerpunkt Unternehmensberatung sieht in der Kombination Familie und Erfolg im Beruf keinen Widerspruch. Ihr Mann ist ebenfalls Manager bei Bosch. 'Wir wollten immer beides, Kinder und Karriere.' Die 41-Jährige ist davon überzeugt, dass flexible Arbeitsmodelle, die Wertschätzung von Familienpflichten und der Abbau von Vorurteilen wichtige Stellhebel seien, um mehr weibliche Führungskräfte zu gewinnen. Natürlich weiß sie, dass Frauen mit überholten Rollen- und Denkmustern gerade im technischen Umfeld konfrontiert sind.

Head of Sector Safety Certification

In ihrem Unternehmen werde auf allen Ebenen an einem echten Wandel gearbeitet, der auch mit klischeehaften Ansichten breche. Deshalb übernehme sie unter anderem die Rolle einer Mentorin für angehende weib­liche Führungskräfte. Vorbehalte abzubauen und junge Frauen für MINT-Karrieren zu begeistern, gelingt meist im persönlichen Gespräch, noch besser bei einer Vorbildfrau, die quasi an der Quelle sitzt. Wie Corinna Salander. Sie hat den Lehrstuhl für Schienenfahrzeugtechnik an der Universität Stuttgart. Vorausgegangen sind ein Physikstudium, eine Promotion in Elektrotechnik und 18 Jahre in der Eisenbahnbranche: in der Forschung zur Elektromagnetischen Verträglichkeit von Eisenbahnfahrzeugen bei der Deutschen Bahn im Bereich technischer und betrieblicher Sicherheit, als 'Head of Sector Safety Certification' bei der Europäischen Eisenbahnagentur und bei der Bombardier Transportation, zuletzt als Leiterin des konzernweiten 'Center of Competence for Authorisation Management and Product Safety'.

Um jungen Frauen, die sich für einen MINT-Beruf entscheiden wollen, Mut zu machen, ihren Weg weiterzuverfolgen, sei es ihr wichtig, den Studentinnen die Vielfalt der beruflichen Perspektiven nahezubringen, und zwar so, dass sie erkennen, welch gute Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von beruflichen Karrierezielen und privaten Lebensmodellen geboten werden. Vielleicht erhöht sich dann der Anteil von jungen Frauen (15 Prozent), die momentan an ihrer Hochschule bei rein technischen Fächern eingeschrieben sind. Nur noch die Hälfte promoviert, und weit und breit gibt es keine Habilitationen. Dennoch ist Salander optimistisch: 'Zu meiner Studienzeit waren wir allerhöchstens fünf Prozent Frauen.'

Die 47-Jährige, die ihre drei Kinder einige Jahre allein erzog, vermisst bei vielen jungen Frauen einen strategischen Umgang mit der eigenen Lebensplanung. Hier sei der Knackpunkt für den Mangel an weiblichen Führungskräften in MINT-Berufen. Der berufliche Karriereweg als Mutter werde von jungen Frauen selten aktiv geplant. Salander rät jungen Frauen, die Kinderfrage bei einem Vorstellungsgespräch selbst offensiv anzusprechen und mit ihrem Partner gemeinsam entwickelte Lösungsvorschläge anzubieten. Frauen sollten sich aber auch im Klaren darüber sein, was sie letztendlich für Beruf und Karriere investieren wollen. Noch immer sei die Gesellschaft nicht ausreichend darauf vorbereitet, die Vereinbarkeit von Familie und Karriere für alle Seiten zufriedenstellend zu ermöglichen. Den Schlüssel für Veränderungen, für das Aufbrechen herkömmlicher Rollen­muster zu Gunsten von Vielfalt bei Lebensmodellen sieht Salander in der Erziehung der eigenen Kinder. 'Es war einfach selbstverständlich, dass ich arbeite.'

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