Foto: Martin Bernklau

Die Minsker Kammersolisten krönen die Konzertsaison auf dem Haigst.

Degerloch - Musiker aus dem Osten romantisieren oft. Westliche übertreiben es gelegentlich mit dem Historismus und mit einem strukturellen Zeigefinger. Die Minsker Kammersolisten vermeiden beides, bestechen aber durch ihre Intensität, Präzision und die unbändige Lust an virtuosem Schwung. Am Sonntag war das weißrussische Ensemble von Dmitri Subow zum Abschluss der Kammermusiksaison mit einem Septett in der Haigstkirche zu Gast. Nicht zum ersten Mal.

Vielleicht ist das auch eher östlich: Statt einer engen Thematik mit ausgefuchster Dramaturgie stellt dieses Ensemble unterschiedliche Musik quer durch die Epochen vor. Aber es erwies sich dann doch alles als zusammengehörig und verwandt. Denn schon die besondere Besetzung bildete eine Klammer. Neben dem Cembalo, von dem aus Dmitri Subow dieses engagierte Musizieren auch leitet, prägte diesmal vor allem Galina Matjukowa mit ihrer Traversflöte den Klang. Ein Streichquartett plus Kontrabass machte das Ensemble vollständig.

Reinhard Keiser, etwas älterer mitteldeutscher Landsmann Bachs, war seinerzeit vor allem als Hamburger Opernkomponist eine Berühmtheit. Die Tiefe und Sensibilität seiner barocken Musik hoben die Kammersolisten vor allem im sacht melancholischen Mittelsatz seines Flötenkonzerts in D-Dur hervor. Die besondere Wärme des Traversflöten-Tons wirkte da besonders schön. Die Solistin entwickelte in den schwungvollen Ecksätzen aber auch eine tragende Kraft, die den Ruf ihres Instruments als eher schwächliche hölzerne Querflöte fast schon widerlegen konnte.

Emotionale Tiefe

Auch Georg Philipp Telemann hatte mit Hamburg zu tun. Er galt in der barocken Musikwelt wohl mehr als Bach. Sein Quartett in a-Moll mit Generalbass zeigte ihn auch als einen Komponisten, der manches von Haydns späterer Erfindung dieser Gattung vorausnahm oder ahnte. Die schnörkellos elegante Interpretation der Minsker gab jedenfalls auch Hinweise auf das später viel mehr von Gleichberechtigung geprägte Konzertieren von vier Stimmen.

Eine Zugabe kam vorab: Johann Gottlieb Janitschs barocke Kammersonate E-Dur. Der 1956 geborene Victor Copytsko hat seine sechsteilige „Light music, Kassation“ genau diesem Ensemble und vor allem der Flötistin gewidmet. Galina Matjukowa machte dieser Zueignung alle Ehre. Copytsko spielt in seinem Stück mit der alten barocken Serenadenform und lässt die Muster schillern und leuchten in ironischen und manchmal ernsthaften Harmonien zwischen – sehr maßvollen – zeitgenössischen Anschrägungen. Da klingt dann auch Schostakowitsch-Humor an, erfahren Fugen eine überraschende Wendung oder wird ein Menuett synkopisch zum Galopp gebracht. Aber nicht nur die moderne Version einer schlichten barocken Ostinato-Arie hat eine emotionale Tiefe, die nicht mehr nur geistvoll aktualisierte Parodie ist.

Das können diese Kammersolisten. Und sie zeigten es auch an der Bearbeitung von Joseph Haydns Londoner D-Dur-Sinfonie, die geradezu ein Muster der klassischen Sinfonik wurde. Die Dudelsack-Figuren sind nur eine von vielen originellen Haydn-Ideen, die von den Kammersolisten in wunderbar leichten, grazilen und energiegeladenen Klang gefasst wurden. Bach kam als Zugabe, eine Kantaten-Sinfonia. Das ging nach solchem Beifall zum Saisonabschluss nicht anders. Der nächste Zyklus stellt von November an das Klavier ins Zentrum der Kammermusikreihe auf dem Haigst.

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