Bei der Aufzeichnung des Endlos-Podcasts der Zeit im Theaterhaus hält der 76 Jahre alte Ministerpräsident länger durch als viele erwarten. Und gibt selbst auf drängende Fragen erstaunlich deutliche Antworten.
Es ist 23.32 Uhr, als Winfried Kretschmann nach fast fünf Stunden den erlösenden Satz spricht. „Ich spiele jetzt hälenga Karten“, sagt er. Zuvor ging es um seine Leidenschaft für das Kartenspiel Binokel, das der Landeschef nach der Coronazeit digital mit guten Freunden spielte und inzwischen auch auf dem Tablet zockt. Mit nicht ganz subtilen Fragen über die Art, wie gut er schläft und wie er entspannt, hatten ihn die beiden Moderatoren des Zeit-Podcasts „Alles gesagt“ zuvor versucht dazu zu bringen, das Ende der Veranstaltung einzuläuten.
Nach knapp fünf Stunden fällt das Codewort
Das Konzept des Podcasts zeugt von einer hohen Leidensfähigkeit der beiden Macher. Denn er dauert so lange, bis der Gesprächspartner findet, dass alles gesagt sei und ein Codewort verwendet. Der Youtuber Rezo brachte es auf mehr als acht Stunden. Ganz so lang spricht Kretschmann nicht, aber offensichtlich länger, als die Veranstalter erwartet haben. „Ende gegen 22 Uhr“ steht auf dem Schild vor dem großen Saal im Stuttgarter Theaterhaus. Doch erst eine halbe Stunde vor Mitternacht nutzt Kretschmann schließlich das vereinbarte Codewort, um die Aufnahme zu beenden: „Hälenga“ schwäbisch für „heimlich“. Zu dem Zeitpunkt haben sich die Reihen schon merklich geleert.
Der Abend ist ein Heimspiel – nicht nur für den Ministerpräsidenten, der auf ein großes Fanpublikum trifft, sondern auch für die Moderatoren, Zeit-Online-Chef Jochen Wegner und Art Director Christoph Amend. Kretschmann hätte eigentlich bereits am 2. Mai auftreten sollen. Doch an dem Tag versagte dem Ministerpräsidenten die Stimme und er musste passen. Im Theaterhaus versammelten sich dennoch 500 Gäste und ließen sich auf einen dreistündigen Austausch mit den Moderatoren über Stuttgart und das Schwäbische ein – ohne Kretschmann. Viele von ihnen sind nun erneut gekommen. Und dem langen Applaus zu Beginn nach zu urteilen sitzen sehr viele Kretschmanns-Fans im Saal, der 1000 Gäste fasst.
Eine ordentliche Dosis Kretschmann
Sie werden nicht enttäuscht. In einer Tour d’Horizon bekommen sie eine ordentliche Dosis. Der Ministerpräsident erzählt Anekdoten, die er noch nicht oft zum Besten gegeben hat. Etwa dass er als kleiner Junge wegen seiner Faszination für Pfarrer von seiner Mutter ein Messgewand aus zwei Handtüchern bekommen hat, um daheim vor einer Christusfigur Messen zu halten. Er berichtet über Schläge im Internat bei den Redemptoristen. Die Erlebnisse hätten ihn aber nicht traumatisiert. „Dass man die Hucke voll bekommen hat, war normal.“ Er könne sich an keinen Heiligen Abend als Kind erinnern, an dem er sich keine Ohrfeigen eingefangen habe. Anders verhält es sich mit großen Hunden. Nachdem er als Sechsjähriger von einem Schäferhund in den Oberschenkel gebissen wurde, habe er heute noch Respekt vor den Tieren, verrät er.
Es bleibt nicht bei Biografischem. Kretschmann wäre nicht Kretschmann, wenn er sein Publikum nicht mit Stoff zum Nachdenken füttern würde („Ich bin überzeugt, der Mensch steht tief in der Biologie“), laut über den Zustand der westlichen Demokratien nachdächte oder die Genese seiner Politik des Gehörtwerdens erklärte – selbstverständlich Aristoteles und Hannah Arendt zitierend. Wer den Ministerpräsidenten im täglichen Politbetrieb erlebt, kennt viele dieser Gedankengänge.
Zu später Stunde wird es grundsätzlich
An diesem Abend ist der 76 Jahre alte Landeschef in Form, erntet Lacher und landet mit seinen Pointen – etwa wenn er über S21 sagt: „Da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht.“ Oder über die Frage, warum nach dem Rücktritt der Grünen-Spitze nun Realos seinem Kurs übernehmen, selbstgefällig bemerkt: „Das kann doch eigentlich nicht verwundern.“ Noch zu fortgeschrittener Stunde wird er grundsätzlich. Als er auf die Frage, ob Gott die Welt erschaffen habe, mit einem klaren „ja“ antwortet – und ausführt: „Wir haben sie nicht gemacht und wir können nicht über sie verfügen.“
Als Zeit-Online-Chef Jochen Wegner im Schnelldurchlauf 116 Wortpaare vorliest, geht ein Raunen durch die Reihen, als Kretschmann bei „Habeck oder Özdemir“, ohne Zögern „Habeck“ sagt. Applaus des offensichtlich nicht nur Kretschmann geneigtem Publikums gibt es, als er nach „Kretschmann oder Özdemir“ – „Özdemir“ nennt. „Das sind taktische Fragen, die man in der Regel nicht öffentlich diskutiert“ bescheidet er – und findet: „Diese Frage interessiert nur Journalisten.“
Podcast „Alles gesagt“
Konzept
In dem Podcast bestimmt der Gast, wie lange er redet. Durch ein vorher vereinbartes Schlusswort setzt er den Punkt. Dann beenden die beiden Moderatoren, Zeit-Online Chef Jochen Wegner und Art Director Christoph Amend, das Gespräch umgehend. Zu den Gästen zählten bereits Politiker wie Christian Lindner, Robert Habeck, Annalena Baerbock oder Armin Laschet , aber auch Luisa Neubauer, der Historiker Yuval Harari, Alt-Bundespräsident Joachim Gauck oder die Journalistin Alice Schwarzer.
Folge
Die knapp fünf Stunden lange Folge mit Winfried Kretschmann wird in den kommenden Wochen publiziert. Der Ersatz-Podcast aus dem Mai, als Kretschmann absagen musste, ist bereits online verfügbar.