Betroffen vom aufgeheizten Klima in der Bildungsplandebatte: Kultusminister Andreas Stoch. Foto: Leif Piechowski

Nimmt das Thema „sexuelle Vielfalt“ im neuen Bildungsplan eine zu große Rolle ein? Um diese Frage ist ein erbitterter Streit entstanden. Der zuständige Mann, Kultusminister Andreas Stoch (SPD), nimmt im Interview Stellung.

Nimmt das Thema „sexuelle Vielfalt“ im neuen Bildungsplan eine zu große Rolle ein? Um diese Frage ist ein erbitterter Streit entstanden. Der zuständige Mann, Kultusminister Andreas Stoch (SPD), nimmt im Interview Stellung.

Herr Stoch, warum ist das Thema sexuelle Vielfalt im Bildungsplan so aus dem Ruder gelaufen?
Durch die öffentliche Debatte über ein Arbeitspapier ist der Eindruck entstanden, dass das Thema sexuelle Vielfalt im künftigen Bildungsplan die Hauptrolle spielt. Das ist keinesfalls unser Anliegen. Uns geht es nicht um eine Überhöhung. Das Thema soll vielmehr eingebettet sein in die Frage: Wie begegnen sich Menschen in der Schule? Da spielen Werte wie Akzeptanz und gegenseitiger Respekt vor der Würde des anderen eine Rolle. Aber ums es einordnen zu können: Es handelt sich lediglich um ein internes Papier, das ausschließlich als Arbeitsgrundlage für die Fachkommissionen dienen sollte, in denen die konkreten Bildungsinhalte festgelegt werden.
Von wann stammt dieses Arbeitspapier?
Vom November 2013. Die sogenannten Leitprinzipien des Bildungsplans (Berufliche Orientierung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienbildung, Prävention und Gesundheitsförderung, Verbraucherbildung) sind älter. Sexuelle Vielfalt ist ausdrücklich kein Leitprinzip – entgegen anderslautender Behauptungen. Einige sprechen sogar absurderweise von einem Leitprinzip Homosexualität. Dadurch entsteht der Eindruck, dass eine bestimmte sexuelle Orientierung vorgegeben werden soll. Das ist barer Unsinn. Ebenso wie viele andere Interpretationen des Papiers.
Haben Sie das Papier gelesen, bevor es in dem 45-köpfigen Beirat besprochen wurde, der über den neuen Bildungsplan berät?
Die möglichen falschen Interpretationen waren für mich zu diesem Zeitpunkt nicht erkennbar. Im Beirat selbst wurde das Thema sexuelle Vielfalt ebenfalls nicht problematisiert. Nicht von den Kirchen und auch nicht von Vertretern von CDU und FDP. Das geschah erst, als es eine öffentliche Aufwallung gab.
Ministerpräsident Kretschmann sagte, das Arbeitspapier könne den Eindruck erwecken, in der Schule werde nur noch über Sex geredet. Ist es sprachlich verunglückt?
Ich habe beim Lesen nachvollzogen, welche Assoziationen Menschen haben können, die bestimmte Assoziationen haben wollen. Ich habe gemerkt, dass es ein Problem ist, wenn ein bestimmtes Thema an vielen, vielleicht zu vielen Stellen auftaucht.
Die CDU behauptet, es sei nicht nur ein sprachliches Problem, sondern es stecke eine bestimmte Philosophie dahinter. Ist das so?
Es wird behauptet, dass wir damit die Gender-Theorie durchsetzen (sie sieht das Geschlecht nicht als etwas Festgelegtes, sondern als etwas sozial Aufgezwungenes an, d. Red.) Dazu sage ich: eindeutig nein!
Das sagt doch aber auch Kretschmann in einem „Zeit“-Interview. Zitat: „Gender-Mainstreaming ist zwar ein Wortungetüm, aber ein wichtiges Anliegen, das wir uns nicht durch überspannte Debatten ausreden lassen . . .“
Ich habe mitgekriegt, dass er über diese Passage nicht glücklich war, weil man sie missverstehen kann. Die aufgeregte Debatte beruht tatsächlich auf einem sprachlichen Problem. Aufgrund der häufigen Nennung des Themas Sexualität in dem Arbeitspapier konnten bestimmte Personengruppen dadurch den Vorwurf der Ideologie verbreiten. Selbstverständlich hat der Bildungsplan aber überhaupt nichts mit Umerziehung oder Indoktrinierung zu tun.
Ist es nicht Ihre Aufgabe, Verwirrung erst gar nicht aufkommen zu lassen? Müssen Sie sich diesen Schuh anziehen?

Das überlege ich mir die ganze Zeit: An welcher Stelle hätte ich früher eingreifen können? Das ist schwierig zu beantworten. Die 2012 verfassten fünf Leitprinzipien passen nicht recht zusammen. Da suche ich eine Lösung. Zudem wird das Arbeitspapier überarbeitet, wobei aber schon immer klar war, dass es so nicht in den Bildungsplänen auftauchen würde. Was das Thema sexuelle Vielfalt betrifft, möchte ich Ihnen aber auch sagen: Ich bin erschrocken über vieles, was im Zusammenhang mit dieser Debatte in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Wenn Demonstranten sagen, Vierjährigen solle Pornografie gezeigt werden, frage ich mich: Wie kommt jemand dazu, so etwas zu behaupten? Da sind offensichtlich Kräfte am Werk, die gezielt eine gesellschaftliche Kontroverse herbeiführen wollen.

Was sind das für Kräfte?
Ich glaube nicht, dass alle 192 000 Unterzeichner der Online-Petition die Gesamtsystematik des Bildungsplans betrachtet haben. Sie haben letztlich den tendenziösen Behauptungen der Petition geglaubt. Offenbar gibt es eine kleine Gruppe, die offen intolerant ist und es schafft, Ängste zu wecken.
Wurden Sie auch persönlich angegangen?
Seit dem Start der Online-Petition bekomme ich unflätige, beleidigende, gewaltandrohende E-Mails in nicht mehr zählbarem Umfang. Es sind Tausende.
Wie reagieren Sie darauf?
Als mir im Januar sogar die Steinigung angedroht wurde, habe ich den Account von meinem Mobil-Telefon gelöscht. Meine Mitarbeiter sichten die Mails, geben die ernst gemeinten ans Ministerium weiter und die ganz harten könnten an die Ermittlungsbehörden gehen. Manche Leute haben keine Scheu, ihre Namen zu nennen, wenn sie Beleidigungen oder Drohungen aussprechen.
Wie sehr treffen Sie solche Reaktionen?
Man fragt sich da manchmal schon: Warum tue ich mir das an?
Der Ministerpräsident hat vor einem „Kulturkampf“ gewarnt. Überhöht dieser Begriff den Streit nicht zusätzlich?
Ich glaube nicht, dass es ein Kulturkampf ist. Mir scheint, dass die Frage der Akzeptanz anderer sexueller Orientierungen ein weggeschwiegenes Thema ist. Auf der einen Seite haben wir die liberalen Kommentare zum Outing des Fußballers Thomas Hitzlsperger, auf der anderen Seiten bekomme ich tonnenweise beleidigende Mails.
Ist dieses Land gar nicht so liberal?
Wenn Sie an bestimmte Themen rühren – und Homosexualität zählt offenbar dazu –, zeigt sich, dass wir in Sachen Offenheit und Toleranz noch lange nicht so weit sind.
In der bundesweiten Wahrnehmung scheint es, als habe nur Baden-Württemberg ein Problem mit diesem Thema . . .
In anderen Ländern ist die Akzeptanz anderer Lebensformen gelebte Praxis. Dort löst die Diskussion hier nur Kopfschütteln aus.
Baden-Württemberg geht mit seinem Bildungsplan also keinen Sonderweg?
Wir hatten nie vor, einen Sonderweg zu gehen. Wir wollten auch keine Pionierleistung erbringen, sondern sind der Meinung, wir benennen eine gesellschaftspolitische Normalität.
Wie stellen Sie sich die Behandlung des Themas sexuelle Vielfalt im Unterricht vor?
Ich nenne ein Beispiel aus Hamburg. Dort hat eine Lehrerin im Englischunterricht für Zehnt- und Elftklässler die Filmsequenz eines amerikanischen Rappers eingespielt, der sich öffentlich gegen die Diskriminierung von Homosexuellen ausgesprochen hat. Damit verbindet sie die Verbesserung der Sprachkenntnisse der Schüler mit einem gesellschaftlich relevanten Thema und bringt die Schüler dazu, über die Akzeptanz von Homosexualität zu diskutieren. Das lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen. Wenn es um globale Gerechtigkeit geht, könnten Sie das Aufwachsen von Kindern im Nildelta zeigen, die unter Armut leiden.
Inhalte des Bildungsplans werden derzeit an 60 Schulen erprobt. Welche Rückmeldungen bekommen Sie?
Positive. Das zeigt auch: Letztlich geht es darum, ob die Lehrer verantwortungsgerecht mit dem umgehen, was die Fachleute erarbeiten. Als Kultusminister bin ich aber die erste Instanz, die darauf achtet, dass bestimmte Dinge nicht verfälscht werden oder eine Indoktrination von Schülern erfolgt.
Schlägt sich das auch in der Lehrerausbildung nieder?
Wir wollen, dass die Schüler in der Lehreraus- und -fortbildung stärker in den Mittelpunkt rücken. Lehrer müssen wissen, wo der einzelne Schüler steht und was er braucht.
Die Fortbildung für den Bildungsplan 2004 erfolgte nach dem Schneeballsystem – ein Teil der Lehrer wurde fortgebildet und sollte dann die Kollegen qualifizieren. Viele fühlten sich dadurch nicht gut vorbereitet. Wie organisieren Sie die Fortbildung diesmal?
Wir brauchen eine systematische Fortbildung. Ich setze mich auf politischer Ebene dafür ein, dass wir 2015/16 die nötigen Haushaltsmittel dafür erhalten.
Wie viel Geld benötigen Sie?
Das lasse ich derzeit die Fachleute im Haus prüfen. Aber es wird mehr sein als das, was wir zur Verfügung haben. Wir brauchen ja auch Geld für die Ganztagsschulen und die Inklusion – um hier im nächsten Schuljahr eine Verbesserung hinzubekommen, benötigen wir Deputate im dreistelligen Bereich.
Nochmals zurück zum Bildungsplan. Die Grüne Jugend warnt Sie vor einem Einknicken . . .
Mir war klar, sollten wir erkennen lassen, dass wir etwas ändern, wird es welche geben, die sagen, jetzt rudern sie zurück. Ich betone deshalb: Wir werden das Thema nicht relativieren, wir müssen aber einige Missverständnisse ausräumen, indem wir den Gesamtzusammenhang klar machen. Es ging nie allein darum, für die Akzeptanz sexueller Vielfalt zu werben, sondern immer um die Akzeptanz der gesamten Persönlichkeit. Da spielt die sexuelle Orientierung neben anderen Merkmalen wie Hautfarbe, Religion und Staatsangehörigkeit eine Rolle. Das wird auch die Grüne Jugend verstehen.
Was kann man aus der Diskussion lernen?
Dass man bei bestimmten Themen höchste Sensibilität walten lassen muss und alles drei bis viermal betrachten sollte, um Missverständnisse zu vermeiden. Wenn Sie mich heute fragen, bietet schon das Begriffspaar „sexuelle Vielfalt“ viel Interpretationsspielraum – ich habe aber auch noch keine bessere Formulierung gefunden. Grundsätzlich zeigt sich: Wenn eine öffentliche Diskussion vor allem auch im Internet entsteht, in der mit Zerrbildern gearbeitet wird, tun Sie sich mit Rationalität und Sacharbeit schwer.
Ihre bisher schwierigste Phase als Minister?
Ich habe mit den Themen regionale Schulentwicklung, Inklusion und Ganztagsschulen so viele Riesenbaustellen, dass es diese Diskussion nicht gebraucht hätte. Aber ich habe mein Lächeln deswegen nicht verloren.
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