Eine Frau steht in dem Flüchtlingslager Sharya nahe der nordirakischen Stadt Dohuk. In dem Lager leben mehr als 17 000 Menschen. Baden-Württemberg unterstützt die Provinz seit Dezember 2015 mit lokalen Projekten. Foto: dpa

Beim jährlichen Stiftertag der ChildFund-Stiftung in Esslingen spricht Minister Peter Friedrich zu den Stiftern. Erklärt, wo und wie sich der Südwesten für nachhaltige Entwicklung einsetzt – und warum sie letztlich auch für die Bürger des Landes wichtig ist.

Esslingen am Neckar - Nein, Entwicklungszusammenarbeit ist kein „sexy Thema“. Mit ihm lässt sich keine Wahl gewinnen. Das weiß auch Peter Friedrich (SPD), Minister des Landes Baden-Württemberg für Bundesrat, Europa und internationale Angelegenheiten. Beim jährlichen Stiftertag der ChildFund-Stiftung in Esslingen spricht Friedrich zu den Stiftern. Erklärt, wo und wie sich der Südwesten für nachhaltige Entwicklung einsetzt – und warum sie letztlich auch für die Bürger des Landes wichtig ist.

Die ChildFund-Stiftung fördert Hilfsprojekte in mehr als 40 Ländern. Durch die langfristige Verbesserung von Ernährung, Einkommenssituation, Bildung und hygienischen Bedingungen will sie Menschen dazu befähigen, ihr Leben aktiv selbst zu gestalten. Hilfe zur Selbsthilfe also. Das Prinzip ist nicht neu – und doch „das Wesentliche, was wir tun können“, sagt Friedrich. Das Ziel einer gelungenen Entwicklungspolitik sei es, die Emanzipation des Partners zu befördern.

Baden-Württemberg unterstützt Hilfsprojekte in Burundi und dem Nordirak

Neben der seit Mai 2014 bestehenden Partnerschaft mit der ostafrikanischen Republik Burundi setzt sich Baden-Württemberg seit Dezember 2015 auch für die nordirakische Provinz Dohuk ein. Dafür stehen dem Land in den kommenden zwei Jahren rund 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. „Wir wollen beim Thema Fluchtursachen unmittelbar mit eingreifen“, sagt Friedrich und betont: „Haben die Menschen keine Perspektive, werden sie sich irgendwann auf den Weg nach Europa machen.“

1,4 Millionen Menschen leben in Dohuk, dazu rund 700 000 Flüchtlinge. Zum Vergleich: Für Baden-Württemberg würde das eine Unterbringung von sechs Millionen Flüchtlingen bedeuten. Doch nur etwa 10 bis 15 Prozent der Flüchtlinge Dohuks leben in sogenannten Flüchtlingscamps: Die anderen sind Binnenvertriebene, die zum Beispiel vor den Kämpfern des Islamischen Staates (IS) fliehen.

Den Verantwortlichen sei bewusst, dass es sich nicht nur um einige wenige Jahre handele, sagt Friedrich. Deshalb gehe es nicht nur um eine momentane Unterbringung der Flüchtlinge. Sondern darum, neue Städte und Strukturen aufzubauen – „mit den Menschen, die in ihnen leben.“ In einem Projekt zur Müllentsorgung in Dohuk ist das bereits versucht worden. Hier wurden nicht nur die technischen Mittel – Müllwagen sowie Equipment zu deren Instandhaltung – geliefert, sondern auch das zugrunde liegende Fachwissen: In enger Kooperation mit den Flüchtlingen haben Experten ein System entwickelt, wie und wann der Müll abtransportiert werden soll.

„Insgesamt ist die Bilanz so schlecht nicht“

„Es ist ermutigend zu sehen, wie mit so wenig Geld sinnvolle Dinge umgesetzt werden können“, sagt der Experte für Entwicklungspolitik Karl-Albrecht Immel in der nachfolgenden Diskussionsrunde. Ihm zufolge gehört die staatliche Entwicklungshilfe – „so wie sie jetzt ist“ – abgeschafft: „Man sollte der Zivilgesellschaft helfen, sich selbst zu helfen. Und fördern, was tatsächlich gebraucht wird.“ Der Minister stimmt ihm zu: „Graswurzelprojekte ergeben oft mehr Sinn als teure Großprojekte“, sagt Friedrich. „In Burundi zum Beispiel hat die EU viele Millionen Euro in den Bau von Straßen investiert. Nach der ersten Regenzeit glichen diese in ihrer Benutzbarkeit den alten Straßen.“ So würden viele kostenintensive Projekte an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort vorbeigehen.

In vielen Bereichen der Welt gebe es aber auch durchaus positive Entwicklungen, so Friedrich. Die Globalisierung habe oft erst den Zugang zu Bildung, Wasser und der Wirtschaft vor Ort geschaffen: „Insgesamt ist die Bilanz so schlecht nicht.“ Für die Zukunft erhofft sich der Minister, dass auch Städte und Kommunen dem Beispiel Baden-Württembergs folgen und Partnerschaften mit Ländern und Regionen in Not eingehen.

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