Die ersten Stände des mobilen Wasens stehen bereits in der Innenstadt (wie hier bei der Stiftskirche). Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ob Schokofrüchte oder Ringwerfen: Der Mini-Wasen bezieht 29 Standorte in der Stuttgarter Innenstadt. Der Schaustellerverband spricht vom „Tropfen auf dem heißen Stein“ und glaubt, dass der Weihnachtsmarkt möglich wird.

Stuttgart - Das Cannstatter Volksfest, das Weindorf, das Palazzo-Dinnerzelt, der Herbstrummel auf dem Wasen – alles abgesagt! Jetzt fällt auch noch der Weltweihnachtscircus aus, der am Montagabend wissen ließ, dass die Saison 2020/21 in Stuttgart komplett gestrichen wird. Das fahrende Volk, ob Schausteller oder Künstler und Artisten, ist in diesem Jahr in seiner Existenz bedroht.

Neidvoll blickt Mark Roschmann, der Präsident des Schaustellerverbands Südwest, nach Bayern. In München fällt zwar das Oktoberfest aus, doch die „Ersatz-Wiesn“, die an verschiedenen Orten stattfindet, sei weitaus größer als die Alternative, die in Stuttgart den Budenbesitzern angeboten wird. Am Königsplatz und im Olympiapark an der Isar stehen Fahrgeschäfte, auf dem Orleansplatz sowie in Stadtparks dürfen sich Schausteller für mehrere Wochen ausbreiten. Aus der Idee, auf dem Wasen einen Herbstrummel zu veranstalten, ist indes nichts geworden.

Die Stadt verzichtet auf Standgebühren

Das Land beharrt darauf, dass nur 500 Gäste gleichzeitig kommen, selbst auf einem so großen Festgelände wie dem am Neckar. „Mit dieser Begrenzung lohnt sich ein Ersatz-Wasen für uns nicht“, erklärt Roschmann und wundert sich: „Sonst heißt es immer, in Bayern herrschen die strengsten Corona-Bestimmungen, doch Baden-Württemberg ist viel strenger.“

Froh ist er, dass 29 Schaustellerinnen und Schausteller aus Stuttgart nun die Erlaubnis erhalten, auf der Königstraße und drum herum ihre bunten Volksfestbuden aufzubauen. Die Stadt verlangt dafür keine Standgebühren, was gut ankommt bei den Betreibern, die seit Monaten ohne Verdienst sind. „Endlich mal eine gute Entscheidung aus dem Rathaus“, sagt einer. Kosten werden allerdings für die Infrastruktur wie den Stromanschluss fällig, nicht zu knapp. Meist Imbissstände kommen zum Zug, aber auch Büchsen- und Ringwerfen ist in der City möglich. Schießbuden wurden nicht genehmigt.

„Es ist ein tolles Gefühl, wieder arbeiten zu können“

Der mobile Wasen ist für Mark Roschmann ein „Tropfen auf dem heißen Stein“. Der Verbandspräsident vertritt 150 Mitglieder, die meisten haben weiterhin keinen Umsatz. Von den etwa 300 Schaustellern des Wasens sind nur die Stuttgarter Firmen für den City-Ersatz zugelassen. Der Verbandspräsident selbst ist nicht dabei, da er seinen Sitz in Göppingen hat.

Freudig erregt ist am Dienstag in aller Frühe der Stuttgarter Schausteller Christian von Berg mit seinem Anhänger in die Innenstadt gefahren. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn man nach so vielen Monaten endlich wieder arbeiten kann“, sagt der Verkäufer von Süßigkeiten. Seit Anfang des Jahres hat sein Geschäft geruht.

Enttäuscht war von Berg dann aber von dem Platz, den ihm die Stadt zugeteilt hat. Seinen Candy-Stand hätte er auf der Büchsenstraße im Hospitalviertel aufbauen sollen. Dort jedoch ist der Publikumsverkehr so gering, dass sich der Betrieb mit frischer Schokozubereitung für ihn nicht lohnt, wie er sagt. Seine Lebensgefährtin hat dagegen das große Los gezogen: Sie darf ihren Crêpe-Stand auf der Königstraße auf Höhe des Schlossplatzes aufbauen.

„Eine Volksfeststimmung kommt nicht auf“

Christian von Berg hat sich nun an die Stadt gewandt mit der Bitte, dass der Standplatz seiner Partnerin geteilt wird und er sich dazugesellt. Bisher habe die Stadt „schnell und unbürokratisch“ geholfen, wie er lobend erwähnt, weshalb er guter Dinge ist, dass auch sein Wunsch zum Umzug erfüllt wird. Am Dienstag hat er beim Crêpe-Verkauf mitgeholfen. Die Stimmung war gut, berichtet von Berg. „Etliche Kunden haben uns gefragt, ob da noch ein Fest kommt“, sagt er, „wir quasi nur das Vorprogramm sind.“ Nein, es wird kein Straßenfest geben. Die Stände sind quasi nur „Grüße“ vom abgesagten Wasen und bunte Farbkleckse im Treiben der City. „Eine Volksfeststimmung kommt dabei aber nicht auf“, stellt Christian von Berg klar. Gäste mit Dirndl und Lederhosen sind nicht zu erwarten. Nicht ganz verstehen kann er, warum – anders als in München – keine Plätze für Fahrgeschäfte in Stuttgart ausgewiesen werden. Das Land stelle sich quer, die Stadt sei eher bereit, heißt es bei den Schaustellern.

Kann der Weihnachtsmarkt stattfinden?

Vorerst bis zum 2. Oktober sind die Wasenstände in der City genehmigt, eine Verlängerung ist nicht ausgeschlossen. Die spannende Frage wird sein, ob der Weihnachtsmarkt in diesem Jahr in Stuttgart stattfinden kann. Erst nach der Sommerpause soll die Entscheidung im September im Rathaus fallen. Verbandspräsident Mark Roschmann hat „läuten hören“, dass ein Weihnachtsmarkt unter Einschränkungen erlaubt wird. Letztendlich sei dies aber von der Entwicklung der Infektionszahlen abhängig. Der Schaustellerverband schlägt vor, den Festbereich auszuweiten, so dass keine Menschenmenge entsteht. Auf den Verkauf von Glühwein müsse man nicht verzichten, findet Roschmann: „Man könnte aber Glühweinstuben streichen.“

Wenn für die Schausteller die Einnahmen auch noch vor Weihnachten wegfallen, fürchtet der Verbandspräsident, wird die Zahl der Pleiten und Insolvenzen noch höher als ohnehin schon. Dies könne eine Stadt, die für ihre Wirtschaft etwas tun wolle, nicht zulassen.

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