Sorgt für einwandfreie Leseauswahl: Walter Krämer von der Interessenbörse beim Großreinemachen im Bücherhäusle. Foto: Claudia Barner

Sechs ehrenamtliche Helfer sorgen dafür, dass es im Waldenbucher Bücherhäusle sauber, sittsam und politisch korrekt zugeht.

Waldenbuch - Das Waldenbucher Bücherhäusle ist eine feine Sache. Im Inneren einer ausgemusterten Telefonzelle an der Aich finden sich die Antworten auf viele wichtige Fragen des Lebens. Neben dem Schmöker, der verrät „Wie man Freunde gewinnt“, liegt das „Schwarzbuch für Schürzenjäger“. Wem weibliche Wesen bisher ein Rätsel waren, der kann sich ihrer Psyche im Standardwerk „Frauen und Geld“ nähern. In traurigen Momenten findet man Trost in dem Roman mit dem Titel „Alles kann ein Herz ertragen“. Auch Frischverliebte („Der siebte Himmel“), Schwangere („Saure Gurken zum Frühstück“), Reisende („Liebling, vergiss die Socken nicht“) und Studentinnen in der Prüfungsphase („Dame ohne Durchblick“) finden hier Titel, die ihrer Stimmungslage entsprechen.

Doch nicht jeder, der das Relikt aus der Zeit des Tastentelefons betritt, tut dies in der lauteren Absicht, sich dort mit seriösem Lesestoff einzudecken oder dergleichen für nachfolgende Nutzer zu hinterlassen. Seit das Team der Waldenbucher Interessenbörse die Mini-Bibliothek am Aich-Ufer im April 2013 in Betrieb genommen hat, sind sechs ehrenamtliche Helfer Tag für Tag im „Einsatz in vier Wänden“. Es ist die „Stunde der Jäger“, denn was sich hinter den eingestellten Buchrücken verbirgt, ist nicht immer jugendfrei, politisch korrekt oder für künftige Leser zumutbar.

Buchdeckel mit Mäusekot

Wenn Birgit und Walter Krämer bei ihren Kontrollbesuchen die Tür zum Bücherhäusle öffnen, verrät ihnen ihre Nase sofort, ob wieder einmal ein irrgeleiteter Zeitgenosse die schmucke Bücherzelle mit dem Wertstoffhof verwechselt hat. „Schimmel rieche ich auf Anhieb“, sagt Birgit Krämer. Auch Buchdeckel auf denen sich der Mäusekot häuft, stark beschädigte Exemplare oder einen alten Fotoapparat mit ausgelaufenen Batterien haben die Ehrenamtlichen schon aus den Regalen gezogen. Walter Krämer ist da konsequent. „Das Bücherhäusle muss hygienisch sein. Davon lebt es“, bekräftigt er.

Seit der Zellen-Pate die Pflege der Lese-Tankstelle übernommen hat, fahren im Kofferraum seines Autos stets zwei große Plastiktaschen, Putzlappen und Reiniger sowie ein Handfeger mit. „Wir müssen täglich etwas aussortieren“, lässt er wissen. Schließlich ist der Platz begrenzt. Etwa 300 Bücher passen auf die schmalen Regale. Da müssen der Schwarzwald-Reiseführer aus dem Jahr 1969, das Gesundheitslexikon in altdeutscher Schrift, die Info-Broschüre zur D-Mark, das Chemie-Fachbuch für Apotheker und der Ratgeber zur Bestattungskultur für aktuellere Werke weichen. „Wir beobachten genau, was die Leute gerne lesen und richten das Angebot daran aus“, sagt Birgit Krämer.

Auch die „Junge Freiheit“ wird verbannt

Doch nicht in jedem Fall sichert die Aussicht auf ein gesteigertes Leserinteresse der Lektüre das Bleiberecht im Bücherhäusle. Auch Kinder sollen dort stöbern können, weshalb Walter Krämer die erotischen Werke „Die Memoiren der Fanny Hill“ und „Kamasutra“ sofort aus dem Bestand verbannt hat. Auch die zehnbändige Reihe „Baccara“ fiel beim Blick auf die Inhaltsangabe der Krämerschen Zensur zum Opfer. Der Satz „Sie liebte Quickies und drei Männer auf einmal“ sorgte für ein schnelles Ende.

Und dann wäre da noch „Der fremde Gast“, der das Bücherhäusle als politische Plattform missbraucht und dort jede Woche ein Exemplar der rechtslastigen Zeitung „Junge Freiheit“ deponiert. Dabei handelt es sich offenbar um einen „Reisenden in der Nacht“. Denn bisher ist es dem Team um Walter Krämer nicht gelungen, dessen Identität zu lüften. „Die Ecke mit dem Adressaufkleber ist jedes Mal fein säuberlich herausgetrennt“, berichtet er.

Das Phantom ist noch nicht enttarnt

Auch sonst überlässt „Das Phantom“ nichts dem Zufall. „Er versteckt seine politischen Traktate sorgfältig in den Büchern. Wir müssen regelmäßig alles durchsehen, um sie wieder zu entfernen“, berichtet Walter Krämer. In solchen Momenten fühlt er sich den Autorinnen der Romane „Aufschrei“ und „Weinen in der Dunkelheit“ eng verbunden. Doch es könnte sein, dass das Geheimnis schon bald gelüftet wird. Der passende Schmöker dazu steht seit kurzem links unten im Regal. Er trägt den Titel: „Die Stunde der Wahrheit“.

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