Wie gefährlich Reste von Mineralölen im Essen für den Menschen sein können, ist bislang noch unklar Foto:  

Im Pfeffer, im Reis, im Tee: Egal welches Lebensmittel Verbraucherorganisationen wie die Stiftung Warentest oder Foodwatch derzeit im Labor untersuchen, Mineralöle werden dabei fast immer gefunden. Das klingt wenig appetitlich. Müssen sich Verbraucher deshalb Sorgen machen?

Stuttgart - Was sind Mineralöle überhaupt?
Der Ursprung von Mineralölen ist Erdöl. Sie sind ein komplexes Gemisch aus Tausenden Einzelsubstanzen. Je nach chemischem Aufbau haben sie verschiedene Eigenschaften. Unterschieden wird insbesondere zwischen so genannten aromatischen Mineralöl-Kohlenwasserstoffen (MOAH) und gesättigten Mineralöl-Kohlenwasserstoffen (MOSH). Verschiedene Komponenten aus Mineralölen werden in vielen Konsumgütern verwendet: In Kerzen aus Paraffin, als Grundlage von Körpercremes, als Kraftstoff im Benzin oder als Bestandteil von Druckfarben.
Wie gelangen Mineralöle in ­ Lebensmittel?
„Ein bekannter Eintrittsweg sind Verpackungen aus Recyclingpapier“, sagt Uwe Lauber vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart. Denn Recyclingpapier besteht unter anderem aus alten Zeitungen. Und für deren Druckfarben werden häufig Bestandteile aus Mineralölen verwendet.
    Aber auch beim Anbau und bei der Weiterverarbeitung von Lebensmitteln können diese auf vielfältigen Wegen mit Mineralölkomponenten in Kontakt kommen: Über Abgase aus der Umwelt, über Maschinenöle bei der Ernte und bei der Produktion und über Paraffin als Pflanzenschutzmittel. „Das wird beispielsweise im Wein- oder Olivenanbau verwendet und ist selbst für den EU-Ökolandbau zugelassen“, sagt Rüdiger Weißhaar vom CVUA Stuttgart.
Gibt es Lebensmittel, die mehr belastet sind als andere?
Am größten sind die Übergänge auf Lebensmittel dann, wenn diese direkt mit dem Karton in Berührung kommen, wie dies etwa bei Reis, Gries oder Paniermehl der Fall sein kann. Zudem werden Mineralöle besonders gut von allen Lebensmitteln aufgenommen, die fetthaltig sind.
Wie wirken Mineralöle im menschlichen ­Körper?
Gelangen Mineralöle über eine Mahlzeit in den menschlichen Körper, werden sie nur sehr langsam wieder ausgeschieden. So können sie sich anreichern – mit welchen Folgen ist bislang unklar. Der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA zufolge könnten insbesondere aromatische Mineralöl-Kohlenwasserstoffe erbgutverändernde und krebserregende Komponenten enthalten. In ­Tierversuchen hat sich dem Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) zufolge gezeigt, dass Mineralölgemische zu Schäden in der Leber und den Lymphknoten führen können.
Besteht ein gesundheitliches Risiko, wenn man über viele Speisen Mineralöl aufnimmt?
Nein, das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht bei den üblichen Essgewohnheiten kein „akutes Lebensmittelsicherheitsproblem“. Aber Mineralöl-Gehalte in Lebensmittel gelten als unerwünscht und der Übergang sollte – soweit technisch machbar – vermieden werden.
Warum entdecken Verbraucherorganisationen derzeit so häufig Mineralöle in Lebensmitteln?
„Die Problematik ist schon länger bekannt. Mineralölrückstände bestehen jedoch aus hunderten von Einzelkomponenten. Erst seit kurzem ist es möglich, diese verschiedenen Fraktionen im Labor nachzuweisen“, sagt Eberhard Schüle vom CVUA Stuttgart. Diese Methode setzen seitdem Verbraucherorganisationen wie Stiftung Warentest oder Foodwatch ein, wenn sie Lebensmittel bewerten. Da jedoch nicht von allen Substanzen aus den Mineralölgemischen die gleiche mögliche Gesundheitsgefahr ausgeht und nicht alle Einzelstoffe bestimmt werden können, sind die Untersuchungen umstritten.
Warum werden die Hersteller nicht besser kontrolliert?
Bislang gibt es keine gesetzlich festgelegten Grenzwerte dafür, wie hoch der Mineralölanteil in Lebensmitteln und Verpackungsmaterialien sein darf. Die staatlichen Kontrolleinrichtungen wie die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter machen deshalb keine gezielten Kontrollen von Mineralölgehalten. „Ohne Gesetz fehlt uns dazu die Handhabe. Man kann ja auch keinen Autofahrer bei Tempo 80 blitzen, wenn keine Geschwindigkeitsbegrenzung besteht“, sagt Uwe Lauber vom CVUA Stuttgart.
   Verbraucherorganisationen wie Foodwatch und Stiftung Warentest legen ihre eigenen Bewertungskriterien fest. „Auch ohne Gesetze zeigt sich so, dass es Hersteller gibt, die das Mineralöl-Problem besser im Griff haben als andere“, sagt Birgit Rehlender, Projektleiterin für Lebensmitteluntersuchungen bei der Stiftung Warentest.
Die Hersteller sollten sich auch ohne gesetzlichen Grenzwerte um möglichst sichere Lebensmittel kümmern, oder?
Das passiert auch. Kartonverpackungen bestehen inzwischen häufiger aus Frischfasern. Erkennbar ist das an der helleren Pappe. Zudem werden vermehrt Innenbeutel oder beschichtete Papier-Materialien verwendet. Diese stellen eine Barriere für den Übergang von Mineralölkomponenten auf Lebensmittel dar. Insbesondere beim Anbau und der Weiterverarbeitung von Lebensmitteln „fehlt es bei vielen Herstellern aber noch am nötigen Problembewusstsein“, sagt Birgit Rehlender von der Stiftung Warentest. Und Uwe Lauber vom CVUA meint: „Die Anstrengungen wären sicherlich größer, wenn es eine gesetzliche Regelung gäbe.“