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Unsere Leserinnen und Leser zeigten sich beim Besuch im Mineralbad Berg engagiert.

Stuttgart - Wie sieht es hinter den Kulissen der Kulturinstitutionen der Region aus? Unsere Reihe "Ortstermin" gibt Einblicke. Am Dienstag waren wir mit 90Leserinnen und Lesern im Mineralbad Berg zu Gast. Der Andrang belegt das neu erwachte Interesse an diesem besonderen Ort.

"Ein Mineralbad als Kultureinrichtung? Da mag man erstaunt sein. Doch eine wirkliche Diskussion kann es über diese Einordnung nicht geben. Das Berg ist ein Gesamtkunstwerk." So war es in unserer Ankündigung für den "Ortstermin" am frühen Dienstagabend im Mineralbad Berg zu lesen. Und dann das: das Wetter herrlich, das Bad bestens gefüllt und der wunderbare Raum der Elisenquelle wegen Glasbruchgefahr gesperrt. Anke Senne, Geschäftsführerin der Bäderbetriebe Stuttgart, sah angesichts von 90 "Ortstermin"-Besuchern nur einen Ausweg - auf die angedachte Führung durch die Anlage zu verzichten. Nicht aber auf den besonderen Charakter dieses "Ortstermins". "Wir stehen hier unter dem Glasfenster von Max Ackermann", begrüßte Senne die Leserinnen und Leser unserer Zeitung im Foyer des Mineralbades Berg, dann ging es durch den Freibadgang und zwischen Grünfläche und Rosenbeeten hinauf auf zum "Caférestaurant auf der Gartenterrasse". So hatte Paul Blankenhorn, über Jahrzehnte privatwirtschaftlicher Hüter des Areals, die Ebene mit ihren Kastanien- und Buchenbäumen hoch über dem Freibecken einst genannt.

Wie geht man mit einem Ort um?

Ein besonderer Gast erwartete dort die Besucher - Joe Bauer, Kolumnist unserer Zeitung und erklärter Berg-Hochachter, bat zur hintergründigen Erinnerung. Sein Text "Die Legende vom Bad Berg", nachzulesen in Bauers Buch "Schwaben, Schwafler, Ehrenmänner", entführt ebenso in die Geheimnisse über Jahrzehnte eingeübter Gesetzmäßigkeiten und Hierarchien als auch mitten hinein in das Blitzen verspiegelter Sonnenbrillen und das Gleißen buchstäblich gewichtiger Goldketten. Das Wesentliche aber gerät Bauer nicht aus dem Blick - und wesentlich ist nicht nur aus Joe Bauers Sicht, wie man mit einem Ort umgeht. Und spätestens jetzt ist dieser "Ortstermin" mitten in den jüngst wieder aufgeflammten Debatten um die Gegenwart und die Zukunft des Mineralbades Berg angekommen.

2006 hat die Stadt Stuttgart, bis dahin mit 31 Prozent an der von Paul Blankenhorn gegründeten und nach dessen Tod 1997 von Neffe Ludwig Blankenhorn weitergeführten Aktiengesellschaft beteiligt, das Bad komplett übernommen. "Ohne zu wissen, was sie eigentlich damit anfangen sollte", wie einer der Gäste ruft, als Anke Senne die Geschichte des Bades skizziert. Joe Bauer hat für die auch aus seiner Sicht holprige städtische Regie einen Kronzeugen der anderen Art ausgemacht - ein Plakat mit dem Schriftzug "Legendär". Und er ergänzt später, dass auch und gerade Werbung dauerhaft und konsequent erfolgen müsse, wenn sie erfolgreich sein will.

Identifikation mit Bad Berg ist enorm hoch

Hat die Stadt aber nicht einiges investiert in das Berg? "860.000 Euro", antwortet Anke Senne - und verdeutlicht mit einem zweiten Hinweis, dass die Ausgangssituation 2006 sehr viel schwieriger gewesen sei, als öffentlich bekannt wurde. "20.000 Euro waren zurückgestellt", ein Betrag, der für den Unterhalt kaum ausgereicht hätte. Viele weitere Fragen muss Senne beantworten - mehr noch aber wird das Engagement der "Ortstermin"-Besucher deutlich. Was können wir tun, damit diese aus Sicht vieler einmalige Anlage in ihrer jetzigen Gestalt erhalten und technisch ertüchtigt wird - immer wieder kommt diese Frage, kommen auch Vorschläge bis hin zu einem "deutlich verbesserten Internetauftritt".

Anke Senne, Chefin von insgesamt 16 städtischen Bädern, wirbt um Verständnis. 29 feste Mitarbeiter wirken hinter und vor den Kulissen für das Mineralbad Berg, "enorm hoch" sei "gerade hier" die "Identifikation". Und was sagt sie zu einem jüngst vorgelegten Gutachten eines Projektentwicklers, das einer denkbaren Gesamtsanierung aus Kostengründen eine Absage erteilt? "Das entscheiden die Gemeinderäte", erinnert Senne die "Ortstermin"-Gäste - und lässt zugleich durchblicken, dass das Engagement der als städtischer Eigenbetrieb agierenden Bäderbetriebe Stuttgart für das Mineralbad Berg aus ihrer Sicht nicht ganz den verdienten Beifall findet. Anerkennung aber ist ihr am Dienstagabend sicher - ruhig beantwortet sie die Fragen, eine Mitarbeiterin notiert Einwände, Fragen und Wünsche.

150 Besucher - zu wenig

Auf 27,5 Millionen hat der Projektentwickler eine Generalsanierung geschätzt. Eine politisch hohe Zahl, wie nicht wenige Menschen glauben. Bäderbetriebschefin Senne lässt sich auch hier nicht beirren. "Wenn es sich günstiger machen ließe, wäre das sicher gut", sagt sie. Immer neue Fragen tauchen auf - auch zu etwaigen Einflüssen der auf den an das Mineralbad Berg angrenzenden Flächen geplanten Bauten. "Wenn", antwortet Anke Senne, "dann wollen wir für das Mineralbad Berg von etwaigen Investitionen wie einem Hotelbetrieb profitieren."

Da ist es wieder, das Zahlenspiel in einem Bad, dessen Freibecken einst doppelt so groß war und lange vor dem Ausrufen als Ort der Ruhe lautstarkes Schulschwimmbecken war. "In den Wintermonaten", sagt Anke Senne, "haben wir durchschnittlich 150 Besucher." Wenig. Zu wenig, um das Mineralbad Berg als Kulturdenkmal zu sichern? Anke Senne lächelt. Sie weiß - dies ist eine politische Entscheidung. Und doch richtet sich der Wunsch der "Ortstermin"-Besucher an sie: "Sorgen Sie dafür, dass unser Juwel wieder glänzt."

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