Experten der Organisation Halo Trust untersuchen eine Streubombe. Foto: HALO Trust/Paul McCann

In Syrien sterben viele Menschen bei der Explosion von Landminen und Munition. Es gibt nicht genügend Bombenentschärfer, mehr internationale Hilfe ist vonnöten.

Der Krieg in Syrien ist vorbei, doch immer noch sterben fast jeden Tag Menschen: Ein junger Schafhirte in Deir Essor im Osten des Landes, ein Bauer im nordwestsyrischen Idlib und ein Kind in einem Dorf westlich von Aleppo – sie alle wurden dieser Tagen bei Explosionen von Landminen und Munition getötet. Hilfsorganisationen zählten allein vorige Woche mehr als 40 Todesopfer, darunter acht Kinder. Seit dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad im Dezember sind mehr als 400 Menschen ums Leben gekommen.

 

Assad-Regime warf 80 000 Fassbomben auf die eigene Bevölkerung

„Wir schätzen, dass es mehrere Millionen Landminen und nicht explodierte Granaten und Raketen in Syrien gibt“, sagt Mouiad Alnofaly, der für das britische Hilfswerk Halo Trust in Syrien nach den Sprengsätzen sucht. „Rund 80 Prozent davon wurden vom Regime gelegt, der Rest sind improvisierte Sprengsätze des IS“, sagte Alnofaly. Minen und Munition stammen vorwiegend aus russischer und iranischer Herstellung. Hinzu kommen die gefürchteten Fassbomben, die von Assads Regime gebaut wurden. Die syrische Luftwaffe warf nach einer Zählung der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mehr als 80 000 solcher Bomben ab, die mit kleineren Sprengsätzen und Metallstücken gefüllt waren und beim Aufschlag viele Menschen durch Splitter töteten. Tausende nicht explodierte Fassbomben liegen heute auf den Feldern.

„Bauern kommen in ihre Dörfer zurück“

Die Zahl der Opfer steigt auch nach Kriegsende weiter, weil sich die Syrer jetzt freier in ihrem Land bewegen. „Bauern kommen in ihre Dörfer zurück und wollen ihre Felder bestellen oder nach ihren Olivenbäumen schauen“, sagt Sami Mohammad von der syrischen Organisation Weißhelme. Bis Dezember verliefen die Fronten zwischen Assads Truppen und den syrischen Rebellen über Äcker und Straßen, manche Gegenden wechselten mehrmals zwischen der Regierung und den Rebellen hin und her. „Jetzt betreten die Leute ein Minenfeld, ohne es zu wissen“, sagte Mohammad.

Über hunderte Kilometer zogen sich die Frontverläufe in 13 Jahren Krieg quer durch ganz Syrien. Manche Gebiete sind dünn besiedelt, doch andere Regionen erleben seit Dezember einen Ansturm von Rückkehrern. „Die Leute freuen sich, dass der Krieg vorbei ist, und wollen nach Hause“, sagt Alnofaly. „Auch Syrer aus dem Ausland kommen zurück.“

Fast jedes Mal, wenn die Experten anrücken, um eine Mine oder eine Granate unschädlich zu machen, kommen Bewohner der Gegend und zeigen ihnen weitere Sprengsätze auf Feldern, in Gärten und in Häusern, berichten die Helfer von Halo. Mal finden Bauern beim Pflügen hochgefährliche Brandbomben, die nicht explodiert sind, mal werden zurückgelassene Artilleriegeschosse entdeckt, mal liegt eine nicht explodierte Rakete in einer Hausruine.

Die Gefahr wird mit dem Beginn der Aussaat im Frühjahr und dem Ende des Schuljahres im Frühsommer noch wachsen, denn dann werden mehr Menschen im Land und auf den Äckern unterwegs sein als jetzt im Winter. „Die Minenfelder sind nicht markiert, weil das Regime seine Gegner nicht warnen wollte“, sagt Alnofaly. „Oft fällt eine gefährliche Gegend erst dann auf, wenn etwas passiert. Die Minen werden jahrzehntelang gefährlich bleiben. Sie haben kein Verfallsdatum.“

Alnofaly sucht zusammen mit rund 40 Halo-Kollegen nach Landminen und Munition. Mohammads Weißhelme haben 108 Helfer im Einsatz. Viel zu wenig.

Weil es nicht genügend Experten gibt, machen sich manchmal Kämpfer lokaler Milizen daran, Minen zu entschärfen. Nördlich von Aleppo starben kürzlich zwei Kämpfer einer pro-türkischen Miliz beim Versuch, eine Landmine unschädlich zu machen.

Internationale Hilfe sei deshalb dringend nötig, sagen die Helfer.