Ursprung war dieses Foto aus dem Jahr 1948. Es zeigt Ferry (Mitte) und Ferdinand Porsche (rechts) mit Komenda. Vor einigen Jahren verwendete das Porsche-Museum in seiner Ausstellung eine beschnittene Version, auf der Komenda fehlt. Foto: Porsche

Wer ist der Vater der legendären Porsche-Modelle 356 und 911? Der Stuttgarter Autobauer sagt: Porsche. Die Familie Steineck ist da ganz anderer Meinung. Es geht um die Ehre – und um zig Millionen Euro.

Stuttgart - „Mein Großvater hat Automobilgeschichte geschrieben.“ Iris Steineck sagt diesen Satz mit voller Überzeugung. Ihr Großvater, das war Erwin Komenda. Ein Name, der wohl nur Menschen geläufig ist, die Benzin im Blut haben. Dabei gehörte der Österreicher zu den Urgesteinen der Firma Porsche. Von 1931 bis zu seinem Tod 1966 hat er für das Unternehmen gearbeitet. 35 Jahre, in denen er sich als Leiter der Karosserie-Konstruktion große Verdienste erworben hat. Er entwickelte unter anderem das Antlitz des VW Käfer und des ersten Sportwagens, des Porsche 356. „Die Porsche-DNA, also die bei allen Porsche-Sportwagen verwendeten Designelemente“, sagt Steineck, stamme von ihm. Das Gesicht der Marke.

Dass das in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt ist, hält die Ärztin aus Österreich indes für keinen Zufall. Sie schiebt die Schuld dafür dem Autobauer zu, der ihrer Meinung nach keine weiteren Größen in der Firmengeschichte neben der Familie Porsche selbst duldet. Der Ärger darüber ist so groß, dass sich jetzt die Juristen mit dem Thema beschäftigen.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte um Ehre, Reputation und sehr viel Geld im Jahr 2001. Iris Steineck beginnt, für eine Biografie ihres Großvaters zu recherchieren. Sie beantragt Zugang zum Porsche-Archiv. Den jedoch bekommt sie nicht. Sie ist verwundert – und beschließt, sich gemeinsam mit ihrer Mutter Ingrid, der Tochter Erwin Komendas, endlich einmal das Museum in Zuffenhausen anzuschauen. Das hat seine Heimat damals noch im Werk. Die beiden Besucherinnen freuen sich auf viel Historie und ebensoviele Zeugnisse des Wirkens Komendas. Doch je länger der Rundgang dauert, desto mehr wächst die Ernüchterung: kaum eine Spur vom einstigen engen Vertrauten des Firmengründers Ferdinand Porsche und seines Sohnes Ferry.

Tränen im Museum

Die größte Enttäuschung erleben die beiden Frauen, als ihnen ein historisches Foto aus dem Jahr 1948 ins Auge fällt. Auf dem bekannten Bild ist der erste Wagen des Typs 356 zu sehen. Daneben stehen Ferdinand und Ferry Porsche – und Erwin Komenda. Er blickt mit sichtlicher Zufriedenheit auf das Auto. Auf dem Foto, das im Museum ausgestellt ist, allerdings nicht. Komenda ist herausgeschnitten, nur ein Zipfel seines Mantels ragt ins Bild. „Meine Mutter fing an zu weinen“, erinnert sich Iris Steineck. Sie habe unter Tränen gesagt: „Die haben den Vati komplett ausradiert. Den gibt es da ja gar nicht mehr.“

Dieser Eindruck lässt der Familie keine Ruhe. Bis heute. Immer wieder fordert sie, Porsche möge das geistige Erbe Komendas besser in der Firmengeschichte verankern. Zitiert dabei sogar aus der Grabrede Ferry Porsches, der persönlich bei der Beerdigung seines Karosseriechefs nicht nur dessen Verdienste gewürdigt, sondern wörtlich gesagt hatte: „Ich und meine Familie werden ihm immer ein ehrendes Gedenken bewahren.“ Und irgendwann setzen die Steinecks auf Juristen. Denn die sehen eine Möglichkeit, das Gleichgewicht über das Urheberrecht wiederherzustellen.

Ingrid Steineck erhebt Klage gegen Porsche. Sie führt an, ihr Vater sei auch im urheberrechtlichen Sinne der Schöpfer nicht nur des 356ers, sondern auch des Porsche 911 – anders als das Unternehmen angibt. Dort taucht im Zusammenhang mit dem Design des 911 immer „Butzi“ Porsche, der Enkel des Firmengründers, auf. Steineck sieht sich in ihrer Sicht durch diverse Designer und frühere Mitarbeiter ihres Vaters gestützt. Der Autobauer kontert mit den Arbeitsverträgen Komendas, in denen alle Rechte abgetreten seien. Doch die Klägerin verlangt einen sogenannten Fairnessausgleich für die Verdienste ihres Vaters. Das kann man tun, wenn die ursprüngliche Entlohnung unangemessen zum Erfolg eines Produktes ist.

Eine Berufung ist wahrscheinlich

Vor wenigen Tagen hat das Stuttgarter Landgericht die Klage abgewiesen. Das muss aber nicht das letzte Wort bleiben. „Wir sind entschlossen, Berufung gegen das Urteil einzulegen“, heißt es in der Münchner Kanzlei SNP Schlawien, die Steineck vertritt. Aussichtslos wirkt dieses Unterfangen nicht, denn das Gericht hat sowohl eingeräumt, dass die Porsche-Modelle urheberrechtlich geschützte Werke der angewandten Kunst sind, als auch den Fairnessausgleich für anwendbar gehalten. Abgewunken hat es nur deshalb, weil es die heutigen Modelle für zu unterschiedlich im Vergleich zu den Ur-Typen einschätzt.

Die Klage hat es in sich. Zum einen, weil sie grundsätzlichen Charakter hat. Unter welchen Umständen können Mitarbeiter oder deren Nachkommen urheberrechtliche Ansprüche geltend machen aus der Tätigkeit für eine Firma? Zum anderen geht es um sehr viel Geld. Ein Gerichtssprecher erklärt: „Gefordert wird ein prozentualer Anteil an den verkauften Sportwagen.“ Das klingt einfacher, als es ist. Doch am Ende kommt, nach allerlei Zahlenspielen, eine schwindelerregende Summe heraus. „Unseren Berechnungen nach dreht es sich um einen Lizenzanspruch in Höhe von 46,1 Millionen Euro.“ Keine Kleinigkeit, auch nicht für Porsche.

Die Steinecks wissen das. Und doch betonen sie, nicht des Geldes wegen zu handeln, zumal die enorme Summe ihr Prozessrisiko erhöht. „Es geht uns vor allem um das Vermächtnis meines Großvaters. Darum, dass Porsche einem Mann, der das Unternehmen über 35 Jahre lang maßgeblich geprägt hat, ein angemessenes Gedenken verweigert“, sagt Iris Steineck.

Porsche fühlt sich bestätigt

Porsche sieht das völlig anders. Und fühlt sich von der Entscheidung des Landgerichts bestätigt. „Wir möchten betonen, dass die Porsche AG unabhängig davon auch zukünftig das Wirken von Erwin Komenda für das Unternehmen angemessen würdigen wird“, sagt eine Sprecherin. Schließlich sei man ihm als Mitarbeiter fast der ersten Stunde zu Dank verpflichtet. Er habe „einen herausragenden und wertvollen Beitrag geleistet – wie die anderen ersten Teammitglieder“. Eine Formulierung, die darauf anspielt, was mit dem Lob eigentlich ausgedrückt werden soll: Komenda war ein wichtiger Mann. Aber eben nur einer von vielen. Dazu passt auch ein dezenter Hinweis: Während die Familie davon spricht, Komenda sei Chefdesigner gewesen, legt Porsche Wert auf die Feststellung, er habe als Leiter der Abteilung Karosserie-Konstruktion gearbeitet. Abteilungsleiter – das klingt eben nicht nach Urheber oder gar schöpferischem Genie.

Das beschnittene Bild indes ist im neuen Porsche-Museum nicht mehr zu sehen. Das Unternehmen schneide Komenda auf historischen Fotografien nicht vorsätzlich ab und achte auf eine vollständige Darstellung auch der Namensangaben, betont die Sprecherin. Sie listet mehrere Beispiele auf, bei denen der Ingenieur Erwähnung findet. Auch in der aktuellen Sonderschau werde er im Text zum Porsche 356 Nr. 1 Roadster genannt. Sie schränkt aber ein: Das Museum sei als Produktschau konzipiert. Das bedeutet: „Die begleitenden Informationen zu weiteren Mitarbeitern, Rennfahrern oder Firmen sowie der gesamthistorische Zusammenhang sind bewusst reduziert dargestellt.“

Ob sich die Familie Steineck damit zufrieden geben wird, ist offen. Die Enkelin betont: „Ich bin heute mehr denn je überzeugt, dass das Unternehmen Porsche ohne die Leistungen meines Großvaters nie zu der großen, weltweit bekannten Marke geworden wäre, die es heute ist.“ Ihrer kurzen Stellungnahme zum Urteil des Landgerichts hat Iris Steineck sinnigerweise die Überschrift gegeben: „Die Würde der Wahrheit.“