Hans-Hermann Schock an der Staustufe in Bad Cannstatt. Er will, falls notwendig, auch vor juristischen Schritten gegen Wasserkraftanlagen nicht zurückschrecken. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Am Neckar kocht ein Konflikt zwischen Tierschutz und Wasserkraft hoch. Es geht um Millionen tote Fische, veraltete Anlagen und die Suche nach Lösungen, die ziemlich ins Geld gehen könnten.

Stuttgart - Hans-Hermann Schock schaut hinaus auf den Neckar bei Bad Cannstatt. Zu sehen ist nicht nur der Fluss, sondern vor allem die Staufstufe mit dem Wasserkraftwerk. „Hier offenbart sich die ganze Schönheit der Wasserkraft“, sagt der Vorsitzende des Württembergischen Anglervereins mit Ironie in der Stimme. Er zeigt hinüber zu ein paar Kormoranen, die am Fuße des Wehrs sitzen: „Die müssen hier keine lebenden Fische fangen, die bekommen sie filetiert.“

Nach Meinung Schocks ist die Wasserkraft ein Fischkiller. 27 Kraftwerke gibt es entlang des schiffbaren Neckars, die Hälfte davon liegt in der Region Stuttgart. Allein in der Landeshauptstadt wird in Ober- und Untertürkheim, Bad Cannstatt und Hofen an vier Stellen umweltfreundliche Energie gewonnen. „Dummerweise verstößt jede Anlage gegen alle Bundes- und EU-Gesetze den Tierschutz betreffend“, kritisiert der Vereinschef. Denn es gebe praktisch nirgendwo geeignete Anlagen für den Fischauf- und Abstieg. Kleine Fische unter zwei Zentimeter Durchmesser gerieten durch die Rechen in die Turbinen und würden dort geschreddert, größere an den Rechen abgesammelt und entsorgt.

Schock schätzt, dass so mehrere Millionen Fische pro Jahr ihr Leben lassen. „Bei keiner anderen Tierart würde man solche Zahlen akzeptieren“, kritisiert er. Die Politik im Land lasse das zu, die Energiekonzerne verdienten daran. Bei Stellungnahmen, die der Verein zu geplanten Maßnahmen abgibt, fordert er deshalb inzwischen die Stilllegung der Anlagen. Schock kündigt an, auch juristische Schritte nicht zu scheuen.

Mehrere Arten sind aus dem Neckar verschwunden

Mit der Kritik steht er nicht allein. „Ich kenne am Neckar nur eine Wasserkraftanlage mit – jedenfalls für den Aufstieg – ordentlich funktionierendem Fischpass“, sagt Gottfried May-Stürmer. Die stehe in Ladenburg. Der Geschäftsführer des Regionalverbandes Heilbronn-Franken im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kritisiert, dass alle anderen Kraftwerke gar keine oder ungeeignete Fischtreppen besäßen. „Da sind völlige Fehlkonstruktionen dabei“, sagt er. In Lauffen plane man zwar derzeit für acht Millionen Euro eine neue Anlage, dort ziehe sich die Diskussion aber seit Jahren.

Für die Fische bedeute das, dass viele zerhackt würden. Andere kämen schlicht nicht weiter und müssten ihre Wanderung aufgeben. „Darum gibt es im Neckar und seinen Nebenflüssen keine Lachse und keine Maifische mehr“, so May-Stürmer. Auch Aale seien massiv betroffen. Er weist darauf hin, dass laut europäischer Wasserrahmenrichtlinie bis 2027 der Neckar ein „gutes ökologisches Potenzial“ erreichen müsse. Dazu gehöre auch die Durchgängigkeit. Dieser Zustand sei derzeit aber nicht absehbar.

Beim Umweltministerium bestätigt man die Situation. „Am Neckar gibt es an vielen Standorten veraltete Fischaufstiegsanlagen. Sie sind stellenweise fast 100 Jahre alt und entsprechen nicht dem Stand der Technik oder sind nicht mehr funktionsfähig“, sagt eine Sprecherin. Für den Fischabstieg gebe es dagegen noch nicht einmal allgemein anerkannte Regeln. Die Wissenschaft beschäftige sich seit Jahren mit dieser Frage. Bei großen Gewässern wie dem Neckar gebe es bisher nur wenig Erfahrungen. Neue Anlagen müssten nach diesen Erkenntnissen geplant werden. Sie sagt aber klar: „Derzeit verfügt keine der insgesamt 27 Wasserkraftanlagen an der Bundeswasserstraße Neckar über Fischschutzanlagen, die diesen technischen Anforderungen entsprechen.“ Von „großen Verlusten“ sei deshalb zum Beispiel bei Aal, Barbe und Nase auszugehen.

Wissenschaftler suchen nach Wegen

Im Bereich des schiffbaren Neckars gehören 24 von 27 Anlagen der EnBW über ihre Tochter Neckar AG. Dort betont man zwar, dass nicht alle Naturschutzverbände einheitlicher Meinung seien, sieht aber durchaus „das Spannungsfeld zwischen Tierschutz und regenerativer Energie“. Claudia Berger, die als Ingenieurin das Thema intensiv betreut, bestätigt die Aussagen des Ministeriums: „Beim Fischaufstieg baut man heute völlig anders als vor 100 Jahren. Und beim Abstieg laufen intensive Forschungen.“ Bei neuen Anlagen etwa in Esslingen oder demnächst in Hirschhorn berücksichtige man alle Erkenntnisse, die man bereits habe. „Es geht hier nicht um Versäumnisse. Wir sind an vielen Stellen an dem Thema dran“, sagt die Expertin. Bei kleinen Anlagen funktioniere das schon gut, bei großen Flüssen allerdings sei die Lage schwieriger.

Das sehen die Verbände anders. „Der Konflikt besteht, er wäre aber mit etwas gutem Willen lösbar“, sagt May-Stürmer vom BUND. Dafür seien höhere Investitionen und der „Verzicht auf die letzten Kubikmeter durch die Wasserkraftbetreiber“ nötig. Für Schock steht gar fest: „Wasserkraftwerke zerstören den Fluss.“

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