Die Luftverteidigungssysteme Iris-T SLM und Iris-T SLS von Diehl Foto: Diehl BGT Defence GmbH & Co. KG/Marcus Schaefer

Ob Funkgeräte, Gewehre, Munition oder Luftverteidigungssysteme – viele Komponenten kommen aus Baden-Württemberg. Wie Firmen im Südwesten vom Höhenflug der Rüstungsbranche profitieren, wo sie investieren und Jobs schaffen.

In den kommenden Jahren sollen Milliardenbeträge in die Verteidigung fließen – und nicht nur Deutschland rüstet auf. Weitere Milliardenaufträge für die Rüstungsindustrie sind absehbar, von denen auch Firmen in Baden-Württemberg profitieren dürften, ob am Bodensee oder etwa in Ulm, wie Beispiele zeigen.

 

Diehl Defence in Überlingen ist besonders für sein Luftabwehrsystem Iris-T bekannt, das erfolgreich in der Ukraine im Einsatz ist. Entwicklung und Montage der Raketensysteme sind hauptsächlich in Überlingen angesiedelt. Die Auftragsbücher des zur Nürnberger Diehl-Gruppe gehörenden Unternehmens sind gut gefüllt, Standorte werden ausgebaut und neue Jobs geschaffen.

Investitionen bis zu 250 Millionen Euro

Allein für Überlingen, wo Diehl Defence gut 1400 Mitarbeiter beschäftigt, hat Diehl-Chef Helmut Rauch bereits im Herbst 2024 die geplanten Investitionen auf 200 bis 250 Millionen Euro beziffert. In einem neuen Gebäude sollen dann ab 2027 mehr als 500 neue Mitarbeiter, hauptsächlich im Bereich der Entwicklung von Hochtechnologie Platz finden. Den Umsatz für 2024 hat Diehl Defence noch nicht veröffentlicht, rechnet aber mit fast zwei Milliarden Euro (nach 1,1 Milliarden Euro 2023).

In der Bodenseeregion sind auch internationale Konzerne wie Airbus oder Liebherr mit Tochterunternehmen vertreten, die ans Militär liefern – Airbus entwickelt dort unter anderem auch Systeme für die elektronische Kampfführung. Rolls-Royce Power Systems in Friedrichshafen (MTU) fertigt unter anderem Motoren für Panzer und Fregatten.

MTU-Motoren aus Friedrichshafen kommen auch in Fregatten zum Einsatz. Dies war ein Auftrag für die polnische Marine. Foto: mtu

ATM in Konstanz, ein Spezialist für Computersysteme, liefert etwa Bordcomputer und Feuerleittechnik für Panzer und gehört zum deutsch-französischen Unternehmen KNDS, das aus der Verbindung von Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (Deutschland) und Nexter Defence Systems (Frankreich) entstanden ist und seinen Sitz in den Niederlanden hat.

Etwa 1000 neue Jobs bei Hensoldt

Hensoldt, ein Spezialist für Hochleistungselektronik und Sensorik hat seinen Stammsitz zwar in Taufkirchen bei München, „das industrielle Herz schlägt aber in Baden-Württemberg“, sagt ein Sprecher. Allein am Radarstandort Ulm hat Hensoldt rund 3000 Beschäftigte, zählt man die Standorte Oberkochen (Ostalbkreis), Immenstaad am Bodensee und Pforzheim dazu sind es insgesamt knapp 5000 Mitarbeiter. Etwa weitere 1000 sollen in diesem Jahr dazu kommen, sagt der Hensoldt-Sprecher. Man sei auch in Gesprächen mit Autozulieferern wie Continental oder Bosch über die Übernahme von Beschäftigten. Zudem soll kräftig investiert werden.

2024 hat Hensoldt mit gut 2,9 Milliarden Euro einen Rekordauftragseingang erreicht. Dass man auch vom neuen Multi-Milliardenpaket aus Berlin profitieren wird, daran lässt der Hensoldt-Sprecher keinen Zweifel, denn das Unternehmen zähle zur „nationalen Schlüsseltechnologie. Das dürfte uns die nächste Dekade begleiten, so der Sprecher. Sensoren und elektronische Bauteile von Hensoldt sorgen beispielsweise dafür, dass Kampfflieger ihre Ziele treffen. Auf dem Gebiet der Luftverteidigung arbeitet Hensoldt auch mit Diehl zusammen.

Beobachtungs- und Aufklärungstechnologie von Hensoldt aus Oberkochen ist auch in gepanzerten Fahrzeugen der Bundeswehr im Einsatz. Foto: Carl Schulze

Auch Rheinmetall profitiert als Hersteller von Panzern, Artillerie, Militär-Lastwagen, Flugabwehr, Drohnen und Munition von den höheren Verteidigungsausgaben und der weltweiten Aufrüstung – ebenso dessen Standorte in Baden-Württemberg. Dazu zählen etwa Mauser in Oberndorf (unter anderem Lieferant von Bordkanonen für den Eurofighter), das Munitionswerk im badischen Neuenburg, Rheinmetall Soldiers Electronics in Stockach (taktische Kommunikation für die Bundeswehr) sowie die Firma AIM Infrarot Module in Heilbronn (Wärmebildgeräte und Infrarotdetektoren für die Bundeswehr und andere Nato-Staaten), an der Rheinmetall und Diehl beteiligt sind.

Nicht die Aussicht auf mehr Geld, sondern Kaufaufträge sind für die Rüstungsunternehmen Grundlage mit dem Ausbau von Kapazitäten in Vorleistung zu gehen. Dass da mitunter viel Zeit vergehen kann, hat sich bereits beim 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr 2022 gezeigt. „Bloße Ankündigungen rechtfertigen noch keine Investitionen“, sagt ein Sprecher von Heckler & Koch. Der Waffenhersteller, der die Bundeswehr und auch Armeen von anderen Nato-Staaten beliefert, verzeichnet volle Auftragsbücher und beschäftigt in Oberndorf rund 1100 Mitarbeiter.

Zünder für Lenkflugkörper und Panzermunition

Einige Kilometer weiter in Dunningen-Seedorf werden bei Junghans Microtec (ein Gemeinschaftsunternehmen der Konzerne Diehl und Thales) Zünder für Mörser, Lenkflugkörper und Panzermunition hergestellt. Weitere Investitionen sind geplant. Vor gut einem Jahr hat die Beschaffungsagentur der Nato unter anderem auch mit Junghans Microtec einen Rahmenvertrag über die Lieferung von Artilleriemunition abgeschlossen. Auf Nachfrage gibt sich das Unternehmen aber zugeknöpft.

Wie viele Menschen in der Rüstungsindustrie beschäftigt sind, kann nur geschätzt werden, statistische Daten gibt es nicht. Die Abgrenzung ist oft schwierig. Es gibt nicht nur reine Rüstungshersteller, sondern auch viele Firmen, die Komponenten für zivile und militärische Anwendungen liefern.

Daimler Truck etwa stellt auch Militärfahrzeuge her, Zulieferer wie ZF oder Mahle Getriebe, Motorkomponenten und -Kühlsysteme für militärische Fahrzeuge. Auch der Walldorfer Softwarespezialist SAP liefert Software für die Streitkräfte. Und der französische Elektronikriese Thales, der in Deutschland vor allem durch seine Bahntechnik bekannt ist, gilt als Europas viertgrößter Rüstungskonzern und produziert in Ditzingen beispielsweise Radar- und Funkgeräte, liefert aber auch Nachtsichtbrillen fürs Heer.

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums sind bundesweit rund 105 000 Beschäftigte der Verteidigungsindustrie zurechenbar und 282 000 der Sicherheitsindustrie (Stand 2022). Die Zahl dürfte angesichts der milliardenschweren Umsatzperspektiven deutlich steigen.

Größte Rüstungsfirmen

Umsatz
Der Umsatz der 100 größten Rüstungskonzerne lag nach Angaben des Friedensforschungsinstitut Sipri zuletzt bei 632 Milliarden Dollar (rund 580 Milliarden Euro), das ist ein Plus von 4,2 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor. Die Zahlen beziehen sich auf 2023, für 2024 gibt es noch keine.

Ranking
Der weltweit größte Rüstungskonzern ist nach dem Sipri-Ranking Lockheed Martin (USA). Mit 60,8 Milliarden Dollar (knapp 56 Milliarden Euro) entfallen 90 Prozent des Gesamtumsatzes auf Waffensysteme. Unter den Top 100 haben 41 Rüstungsunternehmen ihren Sitz in den USA, 27 in Europa. In der Top-100-Liste sind die vier umsatzstärksten deutschen Unternehmen Rheinmetall (Düsseldorf), Thyssenkrupp (Essen), Hensoldt (Traunstein) und Diehl (Nürnberg). Renk Group (Augsburg) und MTU Aero Engines (München) liegen weiter hinten. Konzerne wie Airbus (Frankreich/Niederlande) oder Thales (Frankreich), die zwar Standorte in Deutschland haben, zählen aufgrund ihres Konzernsitzes als ausländische Unternehmen.