Sänger und Gitarrist Clemens Rehbein und Milky-Chance-Fans in der Liederhalle Foto: Lichtgut

Knusprig, aus wenigen Zutaten hergestellt und problemlos zu konsumieren: Milky Chance haben in der ausverkauften Liederhalle mit flottem Party-Pop gastiert.

Stuttgart - Ein paar fluffige Beats und ein bisschen Gezupfe auf der Akustikgitarre: Mehr brauchten Clemens Rehbein und Philipp Dausch nicht für ihren Erfolg. 2013 veröffentlichten die beiden Musiker aus Kassel ihren „Stolen Dance“, einen mit leichter Hand, fast wie zufällig hingeworfenen Popsong, in den sich die halbe Welt verliebte. Von Australien bis Kanada, von Schweden bis Israel avancierte dieser hessische Beitrag zum Folktronic-Genre (einem Zwitter aus Lagerfeuergitarre und digitalen Klangtupfern) zum Hit und entfesselte eine Traumkarriere, die ein Leben verändert.

Oder doch nicht? Fünf Jahre später spielen Milky Chance in der ausverkauften Liederhalle ein Konzert, das atmosphärisch so daherkommt, als wäre alles noch wie damals – obwohl sich musikalisch einiges getan hat. Zum Quartett angewachsen ist dieses ehemalige Duo-Projekt in seiner Bühnenversion: Der Beat-Bastler und Perkussionist Philipp Dausch teilt sich die Rhythmusarbeit mit dem Co-Schlagzeuger Sebastian Schmidt, und mit Antonio Greger kam 2015 ein zweiter Saitenmann hinzu, der auch eine Mundharmonika bläst.

Beträchtlich zugelegt hat der Milky-Chance-Sound dadurch, klingt deutlich voluminöser, straffer als in seinen Studioversionen und hat doch – der Trick an der ganzen Sache – seinen entspannten Grundcharakter beibehalten. Obwohl von Anfang an im Partymodus gespielt und von den doppelten Schlagzeugbeats resolut Richtung Tanzfläche getrieben, stolpert diese Musik immer noch hübsch unprätentiös zwischen Genres hin und her, von denen eigentlich nur der Reggae eindeutig klassifizierbar ist.

Ein Mix aus Gitarren plus Rehbeins kratzige Stimme

Der Rest? Ein Mix aus akustischen und elektrischen Gitarren von Folk bis Indierock sowie Rhythmen, die nicht House und nicht Hip-Hop, aber dennoch ziemlich tanzbar sind. Dazu kommt Clemens Rehbeins kratziges, brüchiges Organ: eine Stimme, mit welcher der Milky-Chance-Frontmann zu Zeiten, in denen Plattenfirmen auf stimmlich ausgebildete Sänger Wert legten, nicht einmal am Portier vorbeigekommen wäre.

Aber Rehbeins Timbre hat Charisma, klingt unverwechselbar und macht den ­Beethovensaal am Montagabend zur falsettfreien Zone – in Zeiten einer im Pop allgegenwärtigen Kopfstimme auch mal wieder ganz nett. Irgendetwas wird dabei schon herauskommen, sagen Milky Chance mit diesem beiläufigen, hauchfein gegen aktuelle Genrekonventionen gebürsteten Musiziermodus und behalten recht.

Schnell kommt diese Neunzig-Minuten-Show in Fahrt und hält das Tempo ohne Durchhänger und bis zum Finale hoch. Dass der Sound seine einstige Leichtfüßigkeit gegen eine explizite Dancefloornähe eintauscht – selbst der „Stolen Dance“ im Zugabenteil walzt recht breitbeinig voran –, fällt da nur wenig ins Gewicht. Mehr noch: Derart dynamisch aufgemotzt, kaschieren Songs wie „Flashed Junk Mind“ oder „Cocoon“ geschickt, wie wenig darin das Erfolgsrezept von „Stolen Dance“ variiert wird. An dieser Tendenz ändern auch gelegentliche, leicht bluesige Mundharmonikaeinschübe sowie ein paar Bob-Marley-Reverenzen nur wenig.

Aus nur wenigen Zutaten sind diese Songs also zubereitet, und die dreitausendzweihundert begeisterten Besucher genießen sie wie eine Packung Choco Crossies: als süße Knusperhappen, die Lust auf den nächsten Bissen machen, und mit viel Spaß am unbeschwerten Augenblick.

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