Zwei Euro die Tafel Schokolade sind das neue Normal. Experten sehen „Mitnahmeeffekte“ der Markenhersteller, Milka trickst bei den Verpackungsgrößen. Und was sagt Ritter Sport dazu?
Einige Produzenten von Osterschokoladen haben sich offensichtlich in diesem Jahr verzockt. Wie in diesem Stuttgarter Rewe-Markt stehen auch in anderen Supermärkten viele rabattierte Osterhasen und -eier in den Regalen, in diesem Fall grüßen die Lindt-Hasen beim Gang zur Supermarktkasse gleich an zwei Stellen. „Offenbar haben einige Markenhersteller bei den Preisen den Bogen überspannt“, sagt Philipp Hennerkes, Geschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH).
4,29 Euro für 100 Gramm Goldhase hieß vielerorts der neue Goldstandard. Kein Wunder, dass die Preise vielerorts nur schwer ersichtlich waren. Doch der Preis für die Tafel Schokolade liegt nicht mehr weit zurück. 3,99 Euro kostet im Rewe-Regal nebenan eine Lindt-Tafel mit 70 Prozent Kakao. Bei den anderen Branchengrößen Ritter Sport und Milka (Mondelez) sind zwei Euro die Tafel das neue Normal, für manche Sorten liegt der Preis deutlich darüber.
Die Preise steigen immer weiter
Die Schokoladenpreise klettern ohne Unterlass. Laut Statistischem Bundesamt kostete Schokolade im vergangenen Jahr 40 Prozent mehr als 2020, wobei sich die klassische Tafel um 32 Prozent verteuerte. Seitdem haben aber viele Hersteller die Preise weiter massiv erhöht. So verteuerte sich Schokolade diesen März im Vorjahresvergleich um knapp 17 Prozent.
Hauptgrund sind die drastisch gestiegenen Kakaopreise infolge des Klimawandels. Immer häufiger fallen Ernten in den Anbaugebieten Westafrika und Lateinamerika aufgrund von Dürre, Pilzbefall und Starkregen schlecht aus. Lagen die Kakaopreise noch vor einigen Jahren recht konstant bei rund 2500 Euro die Tonne, stiegen die Preise vor zwei Jahren massiv an und überschritten im vergangenen Dezember gar die Marke von 12 000 Euro die Tonne. Allerdings fielen sie seitdem auf 7500 Euro die Tonne – die Schokoladenpreise an den Supermarktkassen aber nicht.
„Wir sehen Mitnahmeeffekte der Markenindustrie“
Hennerkes verweist auch auf die Spekulation mit dem Rohstoff Kakao an den Börsen. Um den Anteil zu beziffern, seien die Lieferketten zu komplex – „da müsste man sich jeden Fall einzeln anschauen“. Vor allem kritisiert Hennerkes die Hersteller: „Wir sehen Mitnahmeeffekte der Markenindustrie.“ Die Marktmacht der populären Markenhersteller sei so groß, dass sie höhere Preise durchsetzen könnten. „Wer die Produkte nicht im Markt führt, verliert Kunden und Umsatz. Hier sitzt der Handel am kürzeren Hebel.“
Verbraucherschützer monieren aber auch Tricksereien. Manche Hersteller verkleinerten den Inhalt, ohne dass es an der der Verpackungsgröße auffalle. Der Lebensmittelkonzern Mondelez etwa schrumpfte vor einigen Monaten viele der populären „Milka“-Sorten von 100 auf 90 Gramm und erhöhte dennoch drastisch die Preise.
Die Verbraucherzentrale Hamburg kürte die betreffenden Milka-Sorten im Februar zur „Mogelpackung des Monats“: Mondelez rechtfertige den Preisanstieg mit höheren Rohstoffkosten, obwohl das Unternehmen in einem aktuellen Finanzbericht auf niedrigere Herstellungskosten und steigende Gewinne hinweise, kritisieren die Verbraucherschützer.
Zudem erwarten Branchenexperten, dass manche Hersteller mittelfristig Rezepturen verändern könnten, um Kosten einzusparen. Eine Möglichkeit sei etwa, Füllungen billiger zu produzieren, indem man zum Beispiel ein günstigeres Molkepulver verwende.
Auch die Rezepturen könnten sich verändern
Auch beim Waldenbucher Schokohersteller Ritter Sport hält man dies für möglich. „Eine Rezepturveränderung braucht aber seine Zeit“, sagt Nachhaltigkeits-Expertin Petra Fix und betont, dass Ritter Sport selbst die bisherigen Produktstandards beibehalte.
Dass die Kakao- und damit die Schokoladenpreise künftig wieder deutlich zurückgingen, hält Fix für „praktisch ausgeschlossen“: „Dazu spielen die Folgen des Klimawandels und andere Faktoren eine zu große Rolle.“
Dazu zähle zum Beispiel der überalterte Baumbestand auf den Kakaoplantagen in Westafrika, der weniger Ertrag bringe und damit das Angebot verknappe. Dort würden nach wie vor dreiviertel des Kakaos weltweit angebaut und der Kakaomarkt staatlich kontrolliert, so Fix. „Gleichzeitig sind vor allem im größten Anbauland, der Elfenbeinküste, Ersatzpflanzungen nicht gestattet.“
Fix rechnet damit, dass mit den steigenden Kakaopreisen der Anbau dafür in anderen Gegenden attraktiver werde, etwa in Südamerika. Das könnte Ernteausfälle in anderen Ländern kompensieren. „Wer sich das überlegt, muss aber mindestens fünf Jahre bis zur Produktion einplanen.“ Doch auch so könnten zusätzliche Anbauflächen nur helfen, die Produktion stabil zu halten – eine Entlastung für die Kakao- und Schokoladenpreise bringt das kaum.
Die Verbraucherinnen und Verbraucher kaufen schon jetzt anders ein, wie Hennerkes beobachtet. Ein Teil greife zu den günstigeren Handelsmarken, obwohl sich auch diese überproportional verteuert haben. Immer mehr suchten Sonderangebote, die allerdings oft nur für wenige Sorten gelten. Zudem würden sie immer häufiger gezielt über Bonusprogramme und Apps angeboten, um die Kunden enger an die Märkte zu binden.
Andere wiederum gönnen sich bewusst auch den teuren Schokoladengenuss der Premiumhersteller. Wohl auch deshalb wird Lindt weiter an der Preisschraube drehen. Und auch Ritter Sport setzt darauf, dass die treue Kundschaft weiterhin zur Tafel greift. Es gebe auch etwas Gutes aus der Situation zu gewinnen, sagt Unternehmenssprecher Thomas Seeger. „Das Bewusstsein für den Wert von Schokolade ist gestiegen. Es ist wie früher, als man sich eine Tafel Schokolade bewusst geleistet hat.“