Sängerin Miley Cyrus und der angebliche Skandal Foto: Promo

Miley Cyrus, die einst als Hannah Montana in jedem amerikanischen Kinderzimmer zu Hause war, inszeniert sich nun als groteske Männerfantasie. Die Auftritte der 20-jährigen Sängerin mögen zwar geschmacklos sein, zum Skandal taugen sie aber nicht wirklich.

New York - Irgendwann einmal, wenn die Welt in Schutt und Asche liegt, werden die wenigen Über­lebenden in den Trümmern sitzen und sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Sie werden sich schnell einig werden, dass nicht die Klimaerwärmung, nicht das Atomwaffenprogramm Nordkoreas und auch nicht ­Obamacare schuld am Weltuntergang waren. Nein, alles begann damit, dass Miley Cyrus am 25. August 2013 bei den MTV ­Video Music Awards in Brooklyn auftrat und mit unzüchtigen Tanzeinlagen, heraushängender Zunge und fleischfarbenem Bikini die Welt in ihren Grundfesten erschütterte. Danach war nichts mehr, wie es einmal war.

So sieht das zumindest die US-Comedyshow „Saturday Night Live“. Diese hat gerade mit einem Sketch die Empörungswelle persifliert, die der drastische und medienwirksam inszenierte Imagewechsel von Miley Cyrus hervorgerufen hat. Und tatsächlich erwecken die öffentlichen Reaktionen, die die Obszönitäten des ehemaligen Kinderstars ausgelöst haben, den Eindruck, dass es hier um nicht weniger als um den Untergang des Abendlands geht.

Diese neue Miley Cyrus mag zwar geschmacklos und vulgär sein. Die Aufdringlichkeit der verspäteten Teenager-Rebellion strengt an. Ihre trotzigen Ich-tu-jetzt-nur-noch-was-ich-will-Posen sind genauso aufdringlich wie die Lieder ihrer neuen Platte „Bangerz“ langweilig. Zu einem Skandal reicht das alles aber eigentlich nicht. Schließlich folgt Miley Cyrus mit ihren aufgesexten Provokationen einer langen popkulturellen Tradition, die Künstlerinnen wie Debbie Harry, Grace Jones, Madonna und Lady Gaga lange vor ihr und ästhetisch viel konsequenter umgesetzt haben.

Miley Cyrus wird vorgeworfen, ein schlechtes Vorbild zu sein

Nein, der Skandal ist ein anderer: Will Smith, der bei der MTV-Show mit seinen Kindern im Publikum saß, Sinead O’Connor, Annie Lennox und all die anderen Gutmeinenden werfen der 20-Jährigen vor allem eines vor: ein schlechtes Vorbild zu sein.

Miley Cyrus wird dafür verurteilt, dass sie nicht mehr die Rolle des süßen, vernünftigen Teenagers spielen will, den sie fünf Jahre lang für den Disneykonzern unter dem Namen Hannah Montana gemimt hat. Das alterstypische Austesten und Überschreiten von Grenzen wird ihr verboten. Zwar haben solche nicht unproblematischen Abnabelungsversuche bereits andere ehemalige Disney-Kinderstars wie Britney Spears, Justin Timberlake oder Christina Aguilera hinter sich gebracht. Doch weil Cyrus als Hannah Montana so perfekt in die wertkonservative Disney-Produktpalette passte, reagiert man heute auf ihr Austoben erheblich empfindlicher als damals bei Britney und Co.

Erstaunlich ist bei der Entrüstung über ­Cyrus’ MTV-Auftritt auch, dass keiner etwas am Sänger Robin Thicke auszusetzen hat, mit dem sie zu „Blurred Lines“ über die Bühne turnte und der sich ungeniert als dumpfer Sexprotz inszenieren darf. Vielleicht sollten sich Eltern weniger darum sorgen, dass ihre Töchter wie Cyrus enden könnten, und mehr darum kümmern, dass ihre Söhne nicht wie Thicke werden. Eine Emanzipationsgeschichte, das Drama einer sexuellen Befreiung, erzählt der Fall Miley Cyrus leider trotzdem nicht. Es geht hier nicht um das Märchen von einer traurigen Prinzessin, die lange Zeit im Schloss eines prüden Königreichs gefangen gehalten wurde und sich dann endlich beherzt die langen Harre abschnitten hat, um grell erblondet sich selbst zu verwirklichen, sich nichts mehr verbieten zu lassen, endlich frei zu sein. Nein, Miley ­Cyrus hat einfach nur eine andere vorgegebene Rolle übernommen. Ihr Image wird weiterhin von den Vereinnahmungsmechanismen der US-Unterhaltungsindustrie bestimmt. Schließlich lassen sich Männerfantasien ­mindestens ebenso gut vermarkten wie ­Kinderstars. Die neue Miley Cyrus bedient jetzt lediglich eine andere Zielgruppe als früher. Und es wäre naiv zu glauben, dass die neue Rolle näher dran an der Lebenswelt der Sängerin aus Nashville ist, als die, die sie vorher spielte.

Miley Cyrus – ein amerikanisches Produkt

Warum macht Miley Cyrus das alles nur? Das wird in einer neuen MTV-Dokumentation namens „Miley Cyrus: The Movement“ gefragt. Und der Produzent Pharrell Williams antwortet: „Weil sie ein amerikanisches Produkt ist.“ Denn diese mit sexuellen Versprechungen garnierte Teenierebellion ist ein Konsumgut, das die US-Unterhaltungsindustrie stets ganz selbstverständlich dann anbietet, wenn der unschuldige Charme ihrer Kinderstars nicht mehr funktioniert.

So war das bei Spears, Aguilera und Lohan, und so ist das derzeit bei Selena Gomez, Justin Bieber und Miley Cyrus. Der Kulturkritiker Mark Greif geht in dem Essay „Im Hochsommer der Sexkinder“ sogar so weit, in der Übersexualisierung solcher Jungstars ein moralisches Grundproblem der Kulturindustrie des 21. Jahrhunderts zu sehen: „Er ist noch nicht zu spät, um die Trivialisierung der Sexualität und die Abschaffung des Jugendkults auf die Agenda einer humanen Zivilisation zu setzen“, schreibt er.

Die angebliche Hemmungslosigkeit von Miley Cyrus erscheint jedenfalls strategisch geplant zu sein: Erst der skandalöse Auftritt bei der MTV-Show, dann das „Wrecking Ball“-Video, in dem sie nackt durchs Bild schaukelt, und die obszönen Fotos, die wie das Video von Terry Richardson stammen, der sich an einer Ästhetik zwischen Helmut Newton und Richard Kern versucht. Und schließlich der Auftritt bei ­„Saturday Night Live“, bei dem Cyrus sich selbst als Skandalnudel verulkt. Dass ihr inzwischen sogar ein großes US-Pornostudio ein unmoralisches Angebot gemacht hat, passt ausgezeichnet ins Marketingkonzept. Untergehen wird die Welt dadurch jedenfalls nicht.