Lebhafte Diskussion über die Zukunft des Einzelhandels: StN-Redakteur Martin Haar, Bettina Fuchs, Horst Lenk, Oliver Grünwald, Andrea Poul, Rainer Bartle, StN-Lokalchef Jörg Hamann und Michael Föll (von links) Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Mit Video-Umfrage - Die neuen Einkaufscenter Gerber und Milaneo erhitzen die Gemüter. Im Mittelpunkt der Kritik stand bei der StN-Podiumsdiskussion am Dienstagabend die Politik. Die, so die Meinung vieler Einzelhändler, lehne sich zurück anstatt zu helfen.

Stuttgart - Man könnte es eine Abstimmung mit den Füßen nennen. Seit wenigen Wochen sind die Einkaufstempel Gerber an der Paulinenbrücke und Milaneo hinter dem Hauptbahnhof geöffnet – und die Kunden strömen bisher in Scharen. Ins Gerber kamen allein in den ersten acht Tagen 500 000 Besucher. Das Milaneo knackte nach kurzer Zeit die Millionengrenze. Stellt sich die Frage, woher all die Menschen denn kommen, die die 70 000 Quadratmeter zusätzliche Verkaufsfläche nutzen. Und wem sie womöglich in Zukunft fehlen könnten.

Keinem, wenn es nach den Betreibern der neuen Center geht. „Wir rechnen nicht mit einem Händlersterben in Stadt und Region“, sagte Milaneo-Centermanagerin Andrea Poul bei der Podiumsdiskussion Mittendrin unserer Zeitung am Dienstagabend. In der Sparda-Welt hinter dem Hauptbahnhof stellten sie und ihr Gerber-Kollege Oliver Grünwald sich den Fragen von StN-Lokalchef Jörg Hamann und Lokalredakteur Martin Haar. Grünwald bekräftigte, sein Center als Teil der Innenstadt zu sehen: „Wir tragen zu einer Belebung des gesamten Gerberviertels bei. In der Marienstraße und Tübinger Straße ist das bereits zu spüren.“

In den Jubel der Betreiber der Konsumtempel wollte jedoch nicht die ganze Runde auf dem Podium einstimmen. Zuvorderst nicht die alteingesessenen Händler in der Innenstadt, die sich durch die neue Konkurrenz zum Teil bedroht, zum Teil herausgefordert fühlen. „Wir sehen das sportlich. Wir spielen mit der Königstraße in der Champions League und haben jetzt einen neuen starken Gegner“, so Wittwer-Geschäftsführer Rainer Bartle. Die Rote Karte verteilt er in diesem Spiel allerdings an die Stadtverwaltung. „Die Stadt hat uns das Ganze eingebrockt. Jetzt lehnt sie sich zurück und sagt: Macht ihr mal“, kritisierte Bartle. Er sehe kein Konzept: „Von einer Strategie sind wir weit entfernt. Vom Oberbürgermeister bis zum Gemeinderat hat zu diesem Thema keiner etwas Geistreiches beizutragen.“ Es gebe in der Stadt „kein politisches Bewusstsein für den Einzelhandel“.

Kleine Händler bleiben auf der Strecke

Unterstützung bekommt Bartle von Horst Lenk. Der Präsident des Handelsverbandes Baden-Württemberg glaubt, dass angesichts der immer neuen großen Verkaufsflächen viele kleine Händler auf der Strecke bleiben werden. Und er legt Zahlen auf den Tisch: „In den nächsten drei Jahren werden in Baden-Württemberg fast eine Million Quadratmeter Verkaufsfläche hinzukommen.“ Der Einzelhandel stagniere aber. Nicht zuletzt wegen der Konkurrenz durch Internetanbieter befinde er sich im tiefgreifendsten Strukturwandel der Geschichte. Seine Schlussfolgerung: „Es wird endlich Zeit, dass sich die Politik mehr für den Einzelhandel einsetzt.“

Bartle erwartet, dass „die Stadt nicht nur reagiert, sondern aktiv wird“. Er wünscht sich zum Beispiel, dass „Salafistenkundgebungen auch mal auf dem Pariser Platz stattfinden, wenn er schon zur Innenstadt gehören soll“. Auch dem Bettlerproblem nicht wirksam entgegenzutreten, sei „ein Offenbarungseid der Ordnungspolitik“. Da stimmte auch Citymanagerin Bettina Fuchs zu, die sonst ein wenig zwischen den Stühlen sitzt, weil auch die neuen Center Mitglieder in der City-Initiative sind: „Wir sind im guten Austausch mit der Stadt, sie muss aber auch schauen, dass genug Personal da ist, damit nicht jeder überall einfach eine Bude hinstellen kann.“

Bei soviel Kritik geriet Michael Föll ein wenig in die Defensive. Der Erste Bürgermeister der Stadt verteidigte die Entscheidung, die beiden Einkaufszentren nach Stuttgart zu holen: „Es geht auch darum, dass wir als Stadt überregionale Strahlkraft haben.“ Man könne nicht automatisch sagen, dass Kunden, die im Milaneo oder Gerber einkaufen, schlechtere Menschen seien als andere. Er halte die Entscheidung für die beiden Center „nach wie vor für richtig“. Gegen die Vorwürfe der Einzelhändler setzte sich Föll zur Wehr: „Ich glaube nicht, dass all das zutrifft. Wir sitzen nicht nur in unserem warmen gemütlichen Rathaus und lehnen uns zurück.“ Er erinnerte an die Sanierung der Königstraße oder den Bau des Kunstmuseums am Kleinen Schlossplatz zur Stärkung der Innenstadt. Einige Themen wie die vielen Demonstrationen oder die Bettler seien schwierig, räumte Föll ein. Und er versprach, die Belastungen in Zukunft breiter in der Innenstadt zu verteilen. Milaneo-Centermanagerin Poul betonte, die seien bereits angekommen, denn vor der Haustür des Centers habe es schon zwei Demonstrationen gegeben.

Für Föll „ist die City das zentrale Aushängeschild dieser Stadt, von der ihre Strahlkraft abhängt“. Deshalb sei das Thema Unterstützung der Einzelhändler längst im Rathaus angekommen. Aber auch der Schutz mancher Anwohner. Angesprochen auf die Belastung der umliegenden Straßen durch Parkplatzsuchende am Milaneo sagte er zu, „kurzfristige Maßnahmen“ zu überlegen, etwa die Einrichtung von Anliegerstraßen. Centermanagerin Poul hat er dabei auf seiner Seite: „Wir haben bei dieser Frage die Stadt um Mithilfe gebeten. Alleine können wir das nicht regeln.“ Sie stehe in Kontakt zu den Betroffenen.

Die rund 200 Besucher spendeten immer wieder spontanen Applaus – vor allem dann, wenn die Einzelhändler mehr Unterstützung forderten. Aus dem Publikum wurde zudem der Wunsch nach mehr kleinen und individuellen Geschäften in der Stadt laut. Und nach mehr Unterstützung für den inhabergeführten Handel durch die Medien. Hilfe muss für Citymanagerin Fuchs aber vor allem aus einer Richtung kommen: von den Kunden selbst. „Wenn jeder häufiger in den stationären Geschäften einkaufen würde und etwas weniger im Internet, müssten wir diese Diskussion gar nicht führen.“ Denn am Ende bleibt der Einkauf eben doch eine Abstimmung mit den Füßen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: