Der Wettbewerb zwischen Stuttgart und den Städten der Region ist seit der Eröffnung der Einkaufscenter Gerber und Milaneo voll entbrannt. Der Handelsverband rät dennoch im Kampf um Kunden zum Maßhalten: Flächen­expansion um jeden Preis sei der falsche Weg – Qualität gehe vor Quantität.

Stuttgart - Die Landeshauptstadt zieht. Sie zieht Kunden samt deren Kaufkraft aus der Region ab. Die sogenannte Zentralitäts-Kennziffer zeigt die Sogwirkung von Stuttgart auf die Konsumenten der Region. Sie liegt mit 121 deutlich über dem Schnitt der Region (93,1). Zum besseren Verständnis dieser Ziffer: Die Bedeutung einer Stadt oder einer Region als Einkaufsstandort kann durch den Vergleich der Kaufkraft der Einwohner mit den tatsächlich erzielten Umsätze im Handel gemessen werden. Die sich daraus ergebenden Werte über 100 stehen für einen Kaufkraftzufluss, unter 100 für einen -abfluss. Stuttgart hat mit 121 eine recht starke Zentralitätskennziffer.

Die neuen Einkaufscenter Milaneo und Gerber lassen erwarten, dass Stuttgart noch mehr Kaufkraft aus der Region abzieht, aber auch in den Stadtteilen und in der City werden Umsatzeinbußen befürchtet. Experten rechnen mit einem jährlichen Betrag von rund 350 Millionen Euro.

Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger hat im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten bereits von einer „Kannibalisierung“ des Einzelhandels gesprochen. In einer Videobotschaft an die Teilnehmer der Podiumsdiskussion unserer Reihe „Mittendrin“ am Dienstagabend im Event-Center der Sparda-Welt hat er seine Bedenken bekräftigt und in der Begrüßung süffisant verpackt: „Schöne Grüße aus dem schönsten Freiluftkaufhaus der Region – der Esslinger Innenstadt.“ Doch hinter dem launigen Spruch stecken „ernste Sorgen“. Während Zieger das Einkaufscenter Gerber „als durchaus positiv“ betrachtet, hält er das Milaneo „für keine glückliche Sache“ So ein Einkaufszentrum sei „wie ein Ufo“ – ein hermetisch geschlossenes Angebot. Wer dorthin zum Einkaufen komme, verfolge keine anderen Interessen mehr. „Deshalb schadet das Milaneo nicht nur dem Stuttgarter Einzelhandel“, so Zieger, „es schadet auch der Region. Daher ist es verzichtbar.“

Mit diesem klaren Statement macht Zieger das, was der Handelsverband Baden-Württemberg angesichts der neuen Situation fordert: Er übernimmt Verantwortung. „Städte und Gemeinden rücken sich mit ihrer Ansiedlungspolitik selbst in eine neue Verantwortung. Immer noch nur auf pure Flächenexpansion zu setzen heißt, Tatsachen wie stagnierende Umsätze und zunehmenden Online-Handel zu ignorieren“, sagt Handelsverbands-Geschäftsführerin Sabine Hagmann. Der Handelsverband und sein Präsident Horst Lenk, der am Abend ebenfalls auf dem Podium saß, raten daher in Bezug auf die Verkaufsflächen den Händlern und Kommunen in der Region, auf Qualität statt auf Quantität zu setzen.

Hierbei nimmt der Regionalverband inzwischen eine bedeutende Rolle ein. Er ist prüfend und planend in jeweilige Projekte eingebunden. „Wir haben im Bereich Handel inzwischen eine Planungskompetenz“, sagt Thomas Kiwitt, Planungsdirektor des Verbandes Region Stuttgart: „Das Milaneo wurde jedoch geplant, bevor wir diese Richtlinienkompetenz bekamen.“

Im Gegensatz zu OB Zieger ist Kiwitt kein extremer Milaneo-Gegner. Im Gegenteil. Aus seiner Sicht brauche ein starkes Oberzentrum wie Stuttgart das Milaneo samt seinem Ankermieter Primark. „Stuttgart steht nicht nur in der Konkurrenz zu den Mittelzentren in der Region, sondern auch mit den Zentren im Rhein-Main-Gebiet und München oder den Outlets wie in Metzingen“, sagt Kiwitt, „und da ist es besser, die Leute kaufen hier und nicht dort ein.“ Zu einer anderen Meinung käme Kiwitt nur dann, wenn das Milaneo der Innenstadt schade oder gar nicht der Stadt zugerechnet werden könne. „Aber da es im Gesamtkonzept des A-1-Areals als großes Entwicklungsgelände an die Stadt angebunden sein wird, spricht aus Regionalplanersicht nichts dagegen.“

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