Billionen von Bakterien im Darm sollen einen Einfluss auf eine ganze Reihe von Krankheiten haben. Doch die Vielfalt der Darmbewohner sinkt, warnen Forscher. Was lässt sich dagegen tun?
Stuttgart - Wussten Sie, dass das Glück im Darm beginnt? Und haben Sie sich auch schon gefragt, wie eigentlich eine natürliche Darmsanierung funktioniert? Wenn nicht, ist der nächste Ratgeber sicher nicht weit. Denn: Immer mehr Menschen scheinen dem Charme des Darms zu erliegen – spätestens seit Giulia Enders mit ihrem Bestseller auf das Thema aufmerksam gemacht hat. War es früher verpönt, offen über die eigenen Blähungen zu sprechen, werden die Eigenarten bestimmter Ausscheidungen heute sogar in Talkshows analysiert. Längst haben auch Geschäftstüchtige das Thema für sich entdeckt. Für gerade mal 129 Euro kann man heute die eigene Darmflora analysieren lassen, mittels einer ins Labor geschickten Stuhlprobe, individuelle Ernährungsempfehlungen im Anschluss inklusive. Von den Kapseln mit Bakterienkulturen für das Gleichgewicht im Darm ganz zu schweigen.
Auch die Forschung zum Darm boomt seit einigen Jahren. Auf einmal befassen sich Hirnforscher, Psychologen und Immunologen intensiv mit dem Organ und seinen winzigen Bewohnern, den Bakterien. Für immer mehr Erkrankungen wird dem Darm eine Rolle zugeschrieben. Die natürliche Vielfalt im Darm, fürchten Wissenschaftler, könnte durch den modernen Lebensstil, durch die typisch westliche Ernährung bedroht sein – und damit eine ganze Reihe von Erkrankungen befeuern. Vielleicht, so hoffen einige Forscher, könnten die richtige Ernährung und eines Tages gar gezielte Umstrukturierungen der Darmflora im Kampf gegen die großen Zivilisationskrankheiten helfen.
Ist die Aufregung berechtigt? Was ist bislang über den Einfluss der Bakterien auf die Gesundheit bekannt – und was nicht?
Die Bakterien im Darm bauen unverdauliche Nahrungsbestandteile um
„Was feststeht, ist, dass das mikrobielle Ökosystem uns und unsere Gesundheit permanent beeinflusst“, sagt Dirk Haller, Professor für Ernährung und Immunologie an der Technischen Universität in München. Jahrzehntelang hatte man den Mikroorganismen im Darm zwar eine wichtige Rolle bei der Verdauung zugeschrieben, sie ansonsten aber kaum weiter beachtet. „Sträflich vernachlässigt“, sagt Dirk Haller. Erst seit es mittels moderner Analysemethoden möglich geworden ist, das Erbgut einzelner Bakterienstämme zu identifizieren, gibt es mehr Erkenntnisse zur Rolle dieser Darmbewohner.
Wissenschaftler schätzen, dass insgesamt 100 Billionen Mikroorganismen in unserem Darm siedeln, die meisten davon im Dickdarm. Die Gesamtheit dieser Mikroben nennt man Mikrobiom oder auch Darmflora – sie ist bei jedem Menschen je nach Umwelt, Lebensstil und Ernährung individuell zusammengesetzt.
Klar ist: Die Bakterien im Darm bauen für den Körper unverdauliche Nahrungsbestandteile – Ballaststoffe – in verwertbare Komponenten um. Dabei entstehen wichtige Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren. Inzwischen weiß man, dass die Organismen im Darm auch das Immunsystem des Körpers trainieren und Krankheitserreger im Zaum halten. Wenn alles gut läuft. Die Aufgaben der Mikroben sind so vielfältig, dass der Darm inzwischen häufig als „Superorgan“ bezeichnet wird.
Wissenschaftler erforschen die Verbindung zwischen Gehirn und Darm
„Wir sehen auf jeden Fall, dass viele Erkrankungen mit einer veränderten Darmflora – heute sagt man eher Mikrobiom – einhergehen“, sagt Dirk Haller. Und zwar nicht nur jene, die unmittelbar mit dem Darm zusammenhängen. So zeigen einige Studien Veränderungen des mikrobiellen Ökosystems von Patienten mit Diabetes Typ 2 oder Fettleibigkeit, aber auch von Parkinson-Patienten und von Menschen mit Autismus und Depression. Bislang wissen Forscher aber nicht, ob eine veränderte Darmflora nur die Folge solcher Erkrankungen ist oder ob sie auch eine ursächliche Rolle bei der Entstehung spielen könnte. Noch stehe die Forschung in diesem Bereich ganz am Anfang, sagt Haller – und warnt vor voreiligen Schlüssen.
Vor allem die Verbindung zwischen Gehirn und Darm, die sogenannte Darm-Hirn-Achse, scheint für Wissenschaftler interessant zu sein. Kein Wunder, denn die winzigen Darmbewohner produzieren jede Menge Substanzen, die einen Einfluss auf das Immunsystem haben und über den Blutkreislauf sogar ins Gehirn gelangen könnten. Geraten gute Bakterien im Gedärm in die Unterzahl, hat das Folgen, vermuten Forscher.
Die Zusammenhänge zwischen Darm-Mikrobiom und Psyche haben Wissenschaftler bislang vor allem in Versuchen mit Mäusen nachgewiesen. Verpflanzt man keimfrei aufgezogenen Tieren zum Beispiel Darmbakterien von depressiven Menschen, Patienten mit Parkinson oder Multipler Sklerose, so entwickeln sie häufig ähnliche Krankheitssymptome. Andersherum konnten Forscher mit Mikroben aber auch positiv Einfluss auf das Stresslevel oder die Entzündungssymptome von Mäusen nehmen. Bislang konnten diese wissenschaftlichen Befunde bei Menschen aber kaum wiederholt werden. Die Hoffnungen, die mit den Studien einhergehen, sind trotzdem groß. Könnten Präparate mit Bakterienkulturen die Gesundheit und die Psyche beeinflussen? Könnten Hirnerkrankungen mit den Bakterien im Kot gesunder Menschen geheilt werden?
Ballaststoffe sind Futter für die guten Darmbakterien, sagen Wissenschaftler
Viele Menschen setzen jedenfalls auf einen Einfluss der Mikroben. Der Apotheken-Umsatz von Probiotika ist heute mehr als doppelt so hoch wie noch im Jahr 2014. Dabei ist ihr Effekt nicht unumstritten, neuere Studien aus den USA und Israel verweisen darauf, dass Präparate teils nicht wirksam seinen oder sie gar unerwünschte Nebeneffekte haben könnten. „Man muss genau hinschauen“, sagt Ernährungsmediziner Stephan C. Bischoff von der Universität Hohenheim. Viele Produkte basieren nicht auf Studien, bei manchen Bakterienstämmen ist unklar, ob und wie sie im Einzelfall wirken. „Wir wissen ja gar nicht genau, was eine gesunde Darmflora ist“, sagt Bischoff. Doch es gebe durchaus auch Ausnahmen: Bei der Behandlung einzelner Erkrankungen – etwa infektiöse Durchfallerkrankungen oder chronische Darmerkrankungen – könne eine Behandlung mit Bakterienkulturen wirken. Skeptischer ist Bischoff dagegen im Hinblick auf Stuhltransplantationen zur Heilung. „Wer weiß, was über die Darmbakterien alles übertragen werden könnte.“
Tatsächlich könnte es viel einfacher sein, die eigene Darmflora positiv zu beeinflussen: mit möglichst vielen Ballaststoffen. Denn die unverdaulichen Nahrungsbestandteile werden von den Darmbakterien verstoffwechselt, sind sozusagen Futter für die guten Mikroben, die sich so gestärkt vermehren. „Das Mikrobiom im Darm ist ein Spiegelbild unserer Ernährung“, sagt der Hohenheimer Ernährungsmediziner Stephan C. Bischoff: „Ist die Ernährung einseitig, ist auch die Darmflora einseitig.“ Tatsächlich sehen neuere Studien einen engen Zusammenhang zwischen der oft einseitigen Ernährungsweise in westlichen Industrienationen, einem Verlust der mikrobiotischen Vielfalt und einem Anstieg etwa von Darmerkrankungen oder Darmkrebs.
Bei der Zersetzung der Ballaststoffe aus Vollkornprodukten, Nüssen, Saaten, Obst oder Gemüse entstehen im Dickdarm kurzkettige Fettsäuren und Gase. Die Fasern verstärken das Sättigungsgefühl, wirken auf den Stoffwechsel, regulieren die Immunzellen. Sogar zur Abwehrfunktion der Darmschleimhaut sollen sie beitragen. „Wer seine Ernährung umstellt, kann die Darmflora durchaus positiv beeinflussen“, sagt Ernährungsmediziner Bischoff. Schaden kann das jedenfalls nicht – auch wenn die genaue Rolle der Darmbakterien noch offen ist. Wer täglich viele Ballaststoffe aufnimmt, hat erwiesenermaßen ein geringeres Risiko, die genannten Zivilisationskrankheiten zu bekommen – und lebt länger. Am Ende könnte der Hype um den Darm also nicht nur dazu beitragen, dass die Gesellschaft sich im Umgang mit ihren Ausscheidungen locker macht, sondern dass sie auch wieder auf ihr Bauchgefühl achtet.