Ein beeindruckendes ingenieurtechnisches Monument: die Old Blue Nile Bridge in Khartum, Sudan, 1908 erbaut Foto: Mike Schlaich

Der aus Stuttgart stammende Bauingenieur Mike Schlaich ist 150 Tage lang durch Afrika gereist. Sein Reisebericht eröffnet neue Perspektiven auf den Kontinent – und zeigt auf, welche Rolle Afrika in Zukunft einnehmen kann.

Mike Schlaich ist einer der renommiertesten Bauingenieure der Republik. Es ist also nicht verwunderlich, wenn er als erstes Zahlen heranzieht, um zu erklären, warum er sich ausgerechnet mit Afrika beschäftigt hat. Heißt konkret: 150 Tage lang hat er den Kontinent in einem „Overlander“, einem minimalistischen Campingmobil, bereist, ist von März bis Anfang September 2022 entlang der legendären Route „Cape to Cairo“ durch Afrika gefahren, hat zwölf Länder durchquert, um Einblick in das Bauen auf dem Kontinent zu gewinnen.

 
Von Afrika fasziniert: Mike Schlaich Foto: sbp/Tom Ziora

Schlaich, Partner im renommierten Ingenieurbüro Schlaich Bergermann Partner (sbp) und Professor an der TU Berlin, hat sich während eines Forschungssemesters über Baupraxis und Ausbildungswege informiert, hat sich an Universitäten und Hochschulen mit Kollegen ausgetauscht, Ingenieurbüros kennengelernt, Monumente der Ingenieurskunst studiert, das Erbe der Kolonialzeit in Augenschein genommen und nicht zuletzt die atemberaubende Schönheit Afrikas genossen, aber auch viel über dessen Probleme erfahren.

1,2 Milliarden Menschen zusätzlich bis 2050

Die Zahlen nun, die er also zu Eingang seines daraus entstandenen Buches „Bauen in Afrika. Cape to Cairo in 150 Tagen: Erfahrungen eines Ingenieures“ präsentiert, lassen aufhorchen: Bis 2050 werden zusätzliche 1,2 Milliarden Menschen in Afrika leben. Das entspricht der dreifachen Bevölkerung der EU. Menschen, die Wohnungen, Häuser, Straßen, Krankenhäuser, Schienen und Brücken brauchen: „Man stelle sich vor, in 30 Jahren sollte in Afrika dreimal der gesamte europäische Baubestand neu erstellt werden!“, schreibt der Bauingenieur. Auf Afrika kommen also ungeheure Herausforderungen zu – insbesondere auf Schlaichs Zunft. Womit ausreichend Reisemotive jenseits seiner schon seit Jugendtagen bestehenden Faszination für Afrika geliefert wären. Wäre Schlaich nicht Ingenieur, würde er vor dieser wohl „größten Neubau-Aufgabe der Welt“ zurückweichen. Aber „Mission impossible“? Für einen wie ihn keine Option. Mit herkömmlichen Methoden jedoch, mit Holz, Stahl und Beton, sei der Aufgabe nicht beizukommen. „Gebraucht werden ein völlig neuartiges Bauen und Verkehrssysteme, die wir uns noch gar nicht vorstellen können“, macht er in seinen einleitenden Sätzen die Dimensionen klar.

Was auf rund 240 Seiten folgt, ist viel mehr als nur ein ungemein informativer Reise- und Forschungsbericht, der lesenswert und von Interesse auch und gerade für Leserinnen und Leser ist, die nicht vom Fach sind. Denn: „Was in Afrika geschieht, betrifft uns alle“, bringt Schlaich auf den Punkt, was von manchen gern verdrängt wird.

Die Source-of-the-Nile-Schrägseilbrücke bei Jinja in Uganda Foto: Mike Schlaich

Nach einem konzis gehaltenen Abriss der afrikanischen Baugeschichte öffnet der 64-Jährige sein Reisetagebuch, das Einsichten und Erlebnisse an 47 ausgewählten Tagen festhält. Aufregend geht es in Südafrika los, denn dort werden er und sein Begleiter, der Tropen-Agronom Massimo Canossa, beinahe Opfer von besonderer krimineller Kreativität. Ein gerade noch rechtzeitiger abgesetzter Notruf bewahrt sie vor größerer Unbill. Gespräche mit vielen Kollegen machen den Autor auf seiner „Ingenieursafari“ vertraut mit der Berufspraxis des Landes, in dem etwa die hohe Arbeitslosigkeit der Grund für das Vorherrschen von arbeitsintensiven Baumethoden ist – so wird meist Ortbeton eingesetzt statt effizientere Fertigteile. Die erste Baustellenbesichtigung führt gleich zu einem Superlativ: Mit der Msikaba-Brücke bei Tsitsikamma entsteht Afrikas längste Schrägseilbrücke mit 580 Metern Spannweite. Fachkräftemangel, die Konkurrenz von chinesischen Baufirmen, die Großaufträge locker stemmen können: Das sind die Probleme Namibias; und, wie in allen bereisten Ländern: der eklatante Mangel an einfachem, bezahlbaren Wohnraum.

Eine Fußgängerbrücke in der Nähe von Nairobi – nur das Fachwerk trägt … Foto: Mike Schlaich

Ingenieure sehen nicht Probleme, sondern suchen nach Lösungen. Für Schlaich liegen diese in der klugen Verknüpfung von lokalen Materialien und ressourcenschonenden Techniken. Dabei macht er gerade den wegen seiner Klimaschädlichkeit in der Kritik stehenden Beton als Afrikas Baustoff der Zukunft aus – denn Afrika hat in Mengen, was für die Herstellung von klimafreundlicherem Zement (als Hauptbestandteil von Beton) gebraucht wird: Sand – und die Wüstensonne als Energielieferanten, um aus eben dem Sand Schaum- und Blähglas als Beton-Zuschlagstoffe zu gewinnen. Auch Bimsstein, der etwa in Äthiopien reichlich vorhanden ist, kann Leicht- und Infraleichtbeton zugesetzt werden – ebenfalls eine Lösung, die an der TU Berlin erforscht wird und die den Weg zum umweltfreundlichen Bauen ebnen kann.

Afrikas Ass auf der Hand

Die Lektüre bestärkt vor allem eine Zuversicht im Leser: Wenn der Mensch sein Wissen, seine Kreativität, seinen Forschungsdrang nutzt, muss man die Zukunft nicht fürchten. Diese Botschaft ist auch die Matrix für Schlaichs überaus bedenkenswerten Überlegungen zu zentralen Zukunftsthemen des Bauens in Afrika am Ende des Buches, zu denen der Ingenieur nachträglich gründlich recherchiert und umfangreiches Datenmaterial zusammengetragen hat. Die Solarenergie etwa erkennt er als „Afrikas Ass auf der Hand“: „Die Sonne kann Afrika in die Lage versetzen, sich selbst mit sauberer Energie zu versorgen und zum Energieexporteur aufzusteigen.“ Das fossile Zeitalter könne der Kontinent einfach überspringen.

Verlassene Raststätte an der A 109 zwischen Mombasa und Nairobi, Kenia Foto: Mike Schlaich

Schlaich gelingt es, mit seiner Bestandsaufnahme ganz neue Perspektiven auf Afrika zu eröffnen und immer noch vorherrschende Klischees – Afrika, der Hunger- und Problem-Kontinent, Afrika, der Hort exotischer Ursprünglichkeit – endgültig zu überwinden. Das Afrika der Zukunft kann als Labor für nachhaltiges Bauen eine völlig neue Rolle in der globalen Welt einnehmen.

Mike Schlaich: Bauen in Afrika. Cape to Cairo in 150 Tagen: Erfahrungen eines Ingenieurs. DOM publishers, Berlin. 240 Seiten, 38 Euro.

Ingenieurkunst aus Stuttgart

Autor
Mike Schlaich, Jahrgang 1960, ist Partner im Ingenieurbüro Schlaich Bergermann Partner, das weltweit leichte und weitgespannte Tragwerke sowie Solarkraftwerke plant. Das Büro mit Hauptsitz in Stuttgart hat Niederlassungen in Berlin, New York, São Paulo, Shanghai und Paris. Daneben ist er ordentlicher Professor an der TU Berlin, wo er das Fachgebiet Entwerfen und Konstruieren – Massivbau leitet. Er ist der Sohn des Stuttgarter Bauingenieurs Jörg Schlaich (1934– 2021).

Projekte
Zu den bekanntesten Stuttgarter Projekten des Ingenieurbüros sbp zählen unter anderem der Killesbergturm und die neue Neckarbrücke. 2021 haben die Ingenieure von sbp die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris möglich gemacht.