Migrationsgesellschaft Das fordert die Soziale Arbeit

Von Prof. Dr. Karin E. Sauer 

Heterogenität, Pluralisierung und gesellschaftlicher Wandel fordern die Soziale Arbeit.  Foto: Anton Gvozdikov/Fotolia
Heterogenität, Pluralisierung und gesellschaftlicher Wandel fordern die Soziale Arbeit. Foto: Anton Gvozdikov/Fotolia

Weltweit steigt die Zahl der Flüchtlinge: Auch wenn die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland in den letzten zwei Jahren gesunken ist, stehen Politik und Gesellschaft vor großen Herausforderungen – und mit ihr das deutsche Weiterbildungssystem.

Das Statistische Bundesamt Wiesbaden belegt: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Allerdings verzeichnet Deutschland nicht nur Zu-, sondern auch Abwanderung. Das macht aus unserer Gesellschaft eine Migrationsgesellschaft und hat weitreichenden Folgen.

Die kulturelle Pluralisierung und der Wandel der gesellschaftlichen Schichten werfen die Fragen nach Gerechtigkeit und der Verteilung gesellschaftlicher Chancen und Ressourcen auf. Soziale Einschnitte fördern eine Konkurrenz-Ideologie, die Migrantinnen und Migranten sicht- und spürbar zu „Fremden“ macht. Da ist ein Konstrukt in den Köpfen entstanden: „Wir“ und die „Anderen“, und der Fokus dabei liegt auf den „Anderen und deren Defiziten“.

Das bekommen auch soziale Einrichtungen zu spüren. Sie sollen über Integration und Integrationswillen von Migrantinnen und Migranten entscheiden. Damit wird zugleich darüber entschieden, ob Zuwanderer die Chance bekommen in unsere Gesellschaft hineinzuwachsen. Oder eben nicht.

Herausforderungen der Sozialen Arbeit

Die Soziale Arbeit ist eine „Menschenrechtsprofession“. Ihre Pflicht besteht aber nicht allein in der Entscheidung über Integration oder Nicht-Integration bestimmter Gruppen in unserer Gesellschaft. Sie hinterfragt die als normal empfundenen Erstrechte des „Wir“, dessen dominante Positionen fest etabliert sind. Der Kampf um den Erhalt dieser Privilegien und Hierarchien gefährdet das friedliche Zusammenleben, was uns beinahe täglich in Ausbrüchen von Diskriminierung und Gewalt vor Augen geführt wird.

Damit ein Gemeinschaftsgefühl aller Mitglieder in der Gesellschaft herbeigeführt und gestärkt werden kann, müssen soziale Organisationen gesamtgesellschaftliche Entwicklungen anstoßen, die ein Umdenken bewirken wie die Wahrnehmung und Wertschätzung von Ressourcen jedes Menschen in dieser Gesellschaft – mit und ohne Migrationshintergrund.

Die ungleich verteilten Machtverhältnisse, die letztlich über Anerkennung oder Ablehnung entscheiden, sind aufzudecken. Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Armut, Herkunft, Alter oder Sexualität sind Realität in institutionellen Strukturen, medialen Debatten und im subjektiven Umgang. Daher müssen Migration und Gleichstellung in allen gesellschaftlichen Bereichen als Querschnitt mitgedacht und mitgestaltet werden.

Unentbehrlich: Soziale Arbeit, die sensibel ist für Unterschiede

Soziale Einrichtungen stehen vor gewaltigen Aufgaben. Interkulturelle und differenzsensible Kompetenzen sind gefordert. Tradierte Konzepte müssen auf den Prüfstand. Soziale Nichtzugehörigkeit und Alltagsrassismus müssen analysiert und aufgedeckt werden. Das „Schubladendenken“, das potenzielle Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit stigmatisiert, braucht Alternativen.

War die Weiterbildung von Mitarbeitenden in sozialen Organisationen zur Hochzeit der Zuwanderung bereits sinnvoll, ist sie es heute angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen mehr denn je.


Autorin

Prof. Dr. Karin E. Sauer

Studiensgangsleiterin Bachelor Soziale Arbeit – Menschen mit Behinderung, DHBW Villingen-Schwenningen

Wissenschaftliche Leiterin Master Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft, DHBW CAS