Pasquale Semeraro hat unter anderem als Maurer, Lastwagenfahrer und Getränkehändler gearbeitet. Sein Garten in Stuttgart-Ostheim ist ein wildes Stück Italien. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Was tun Menschen im Alter, die einst zum Arbeiten hierher kamen? Die Geschichte von Pasquale Semeraro ist die einer erfolgreichen Ankunft – und einer späten Sehnsucht nach zuhause.

Stuttgart - Ob ein Foto noch in Italien oder schon in Deutschland aufgenommen wurde, erkennt Pasquale Semeraro am Schnurrbart. Ohne Schnurrbart: Italien. Mit Schnurrbart: Deutschland. Der Schnauzer ist so etwas wie die Trennlinie zwischen seinen frühen Jahren in Italien und den vielen Jahrzehnten in Deutschland, zwischen Pasquale, dem Träumer, und dem Gastarbeiter „Pascal“, wie er sich Nicht-Italienern vorstellt.

„Da!“, ruft Semeraro und zieht eine verknitterte Schwarzweiß-Aufnahme aus der Holzschublade, in der die Fotos in kleinen Stapeln liegen. Eindeutig Italien – das beweist nicht nur das fehlende Gesichtshaar: Mit freiem Oberkörper steht er wie eine römische Statue auf einem Felsbrocken. Scharf geschnittenes Gesicht mit schmaler, leicht gebogener Nase und hohen Wangenknochen, den Blick entschlossen in die Kameralinse gerichtet. Hinter ihm nur das Meer Apuliens und ein wolkenfreier Himmel. 17, 18 Jahre alt ist er da, arbeitet in einer Marmorsägerei seines Heimatortes San Vito dei Normanni im Absatz des italienischen Stiefels und träumt von einem Leben als Musiker – so einem, wie es die Beatles führen, die er aus dem Kino kennt.

Ungefähr 50 Jahre und 1500 Kilometer liegen zwischen dem Foto des jungen Semeraro am Meer, der damals kurz davor ist, nach Deutschland aufzubrechen, und dem 67-jährigen Semeraro, der an diesem Nachmittag in seinem Garten in Stuttgart-Ostheim sitzt und kurz davor ist, zurückzukehren, nach Italien. Es ist die Geschichte einer erfolgreichen Ankunft, auch wenn sie am Ende nicht in das Leben eines Profimusikers führte, und die einer späten Sehnsucht nach zuhause. Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich mehrmals neu orientieren musste. Aber es ist auch eine Stück deutsch-italienische Nachkriegsgeschichte und ein Schlaglicht auf die Frage, was Menschen im Alter tun, die einst zum Arbeiten hierherkamen.

Aber erst einmal zurück zu dem jungen Semeraro, der sein Glück als Musiker in Deutschland versucht. Mit seiner Band – er spielt Gitarre und Keyboard – kommt er 1967 in die Gegend von Aschaffenburg. Auf den Fotos sehen die Mitglieder tatsächlich ein bisschen wie die jungen Beatles aus. In weißen Rollkragenpullis und schwarzen Hosen. Das Haar ist ordentlich gescheitelt, die Koteletten sind etwas zu lang und der Bassist hält eine Zigarette in der Hand.

Hoffnung auf ein Leben als Musiker in Germania

Man hatte den Ragazzi aus Süditalien versprochen, dass sie in Deutschland genug Auftritte bei Tanzveranstaltungen und Feiern haben würden, um davon leben zu können. Sie spielen Schlager, ein bisschen Rock- und Pop, auf Italienisch, aber auch auf Englisch. Naja, sagt Semeraro, sie hätten kaum Englisch gesprochen und einfach versucht, das, was sie da auf den Platten hörten, lautmalerisch nachzusingen.

Der Plan vom Musikerleben scheitert, das Geld reicht nicht. Semeraro muss bei einer deutschen Gärtnerei anheuern. Mit dem Traktor bringt er Setzlinge auf dem Feld aus, „taktaktak“. Es ist Winter und er will nur noch zurück nach Hause. Nach drei Monaten hat er genug für die Rückfahrkarte zusammen. Mit Deutschland – so glaubt er – hat er für immer abgeschlossen. Er kehrt zurück nach San Vito dei Normanni, das nicht weit von Brindisi entfernt in der kargen Ebene Apuliens liegt, zurück in die Marmorsägerei, Treppen, Säulen und Grabsteine bearbeiten, „taktaktak“.

Vier Millionen Italiener wandern aus

Der Süden ist in den Nachkriegsjahrzehnten das Sorgenkind Italiens. In den sonnenverbrannten Landstrichen Apuliens, in denen sich im Mittelalter die Stauferkaiser, die dort i suevi (die Schwaben) genannt werden, wohlfühlten, gibt es zu wenig Arbeit. Im fernen Schwaben hingegen, gibt es zu viel Arbeit für zu wenige Männer. 1955 tritt das deutsch-italienische Anwerbeabkommen in Kraft. Es erlaubt der brummenden deutschen Wirtschaft, Arbeiter aus dem Stiefel zu beschäftigen. Hunderttausende verlassen daraufhin ihr Land. Bis heute sind laut der Deutschen Botschaft in Rom insgesamt vier Millionen Italiener nach Deutschland ausgewandert.

Auch aus San Vito zieht es Familien in den Norden. 1968 ist Semeraros Vater, ein Landwirt, unter den Emigranten. Er findet in der Holzgroßhandlung Julius Ulrich in der Ulmer Straße in Stuttgart-Ost Arbeit und holt seine Frau und die sieben Kinder nach. Als letztes Familienmitglied kommt 1970 Pasquale, der Älteste, nach dem Militärdienst ins Schwabenland. Nicht weil er will, sondern weil in seinem Heimatort kaum ein Verwandter mehr ist.

Klein-Italien in Stuttgart-Ost

Diesmal bereitet ihm Deutschland einen wärmeren Empfang. Am 15. Mai 1970 gegen Mitternacht kommt er in Stuttgart an. Am Morgen des 16. Mai kann er in einer Schrotthandlung anfangen. Die ganze Familie Semeraro wohnt auf dem Gelände der Firma Ulrich, die es bis heute gibt. Die Eltern und jüngeren Geschwister in einem Bürogebäude, Pasquale und zwei weitere Brüder in kleinen Holzbaracken. Für Heimweh bleibt keine Zeit. „Wir haben viel geschafft“, sagt Semeraro. Und am Wochenende wird das Gelände des Holzgroßhandels ohnehin zu Klein-Italien. Verwandte und Bekannte kommen vorbei. Die Frauen spielen Karten, die Männer Boccia. Die Jungen steigen über den Zaun des nahen Schlachthofgeländes und spielen Fußball. Es wird gegrillt, gekocht, gesungen.

Es gibt aus dieser Zeit ein Foto mit einem Teil der Semeraro-Familie in ihrem Wohnzimmer. Pasquale trägt darauf bereits den Schnurrbart und das Haar lang, so wie heute noch. Die Farben der 70er Jahre – orange, rot, braun – dominieren das Bild auf Vorhängen, Pullis, Kleidern. Der Blick der Fotografierten ist zufrieden. Auch heute noch bekommt Semeraros Gesicht einen warmen Glanz, wenn er zurückdenkt: „Das waren überhaupt die besten Jahre“, sagt er. Und dann lacht er sein Lachen, das nach Italien klingt. Nach Sonne und Rotwein. Nach Musik und Dolce vita. Nach jenen Klischees eben, die man die ganze Zeit im Kopf hat, wenn Semeraro mit starkem italienischen Akzent spricht („Des isch klar, eh!“), die Worte mit Gesten unterstreichend.

Das Gefühl, immer Arbeit zu finden

Semeraro ist Teil der italienische Gemeinde, die das Stadtleben in den Nachkriegsjahrzehnten mitprägt: Bocciavereine, Fußballclubs, Alpini (die Veteranen der Gebirgsjäger), Geschäfte und Restaurants geben einem wie ihm ein heimeliges Gefühl, auch wenn sich statt karger Hügel nur der Gaskessel in unmittelbarer Nähe erhebt und statt des Meeres nur ein trüber Neckar ans Ufer schwappt. Und noch einen Unterschied gibt es zur Heimat: „Wir hatten so ein Sicherheitsgefühl. Wir wussten, dass wir hier immer Arbeit finden würden.“

Semeraro hat vieles gemacht: Hat beim Daimler geschafft, ist für einen Baustoffhandel mit dem Lkw von Baustelle zu Baustelle gefahren, war erst Geschäftsführer, dann Besitzer eine Getränkehandlung, war Präsident des Fußballvereins AC Atlantis. Und auch Musik gehörte – zumindest hobbymäßig – weiter zu seinem Leben. Er spielte in verschiedenen Bands, unter anderem bei „Ringo e i siculi“, trat sogar im Vorprogramm von Al Bano auf, als der in Stuttgart gastierte.

Ob eine Arbeitsbiografie wie seine heute noch möglich wäre? Semeraro winkt ab. Es war eine andere Zeit in Deutschland. Heute braucht man eine solide Ausbildung, das sieht er an seinem Sohn, der Buchhalter ist.

Am Ende wird Semeraro auch noch Gärtner

Als Semeraro die Getränkehandlung 1984 aufgeben muss, fängt er noch mal neu an. Ein Freund aus dem Bocciaclub stellt ihn in seiner Landschaftsbaufirma an. Semeraro errichtet Mauern, pflastert Böden und wird am Ende, weil es kein anderer machen will, noch Gärtner. Der Mann, der nach ein paar Jahren die Schule verlassen hat („so war das damals“), bringt sich vieles selbst aus Büchern bei. Die Namen der Pflanzen schreibt er immer wieder ab, fünf Mal, sechs Mal, auf Deutsch, Latein, Italienisch. „So habe ich mir das gemerkt.“

Pflanzen sind auch seine private Leidenschaft. Sein kleiner Garten hinter dem Backsteinhaus, in das er 1982 mit seiner Partnerin und dem Sohn zog, ist eine wildes Stück Italien: Mit Trauben, Maulbeer- und Mandelbäumen. Mit Oleander, Hibiskus und bis zu 1,37 Meter langen Zucchini. Seit Semeraro vor zwei Jahren in Rente gegangen ist, verbringt er seine Tage vor allem draußen. Das nackenlange Haar unter einer Schirmmütze, in T-Shirt und Jeans, sitzt er unter einem weißen Sonnenschirm. Neben ihm Terracottatöpfe und eine fast mannshohe Amphore.

Mal kommen Freunde, Nachbarn und Verwandte vorbei, mal ist er allein. Mal spielt er Gitarre, mal telefoniert er lautstark auf Italienisch, mal sitzt er nur da und blickt auf den Feigenbaum, den er vor 34 Jahren an der Hauswand gepflanzt hat und der bis zum zweiten Stock reicht und voller Früchte hängt. Wenn sie reif sind, Anfang Oktober, wird er nicht mehr hier sein.

Warum Pasquale Semeraro nach Italien zurückkehrt

Es gibt nicht den einen Grund, warum Semeraro nun doch nach Italien zurück geht, obwohl er lange überzeugt war, den Rest seines Lebens in Deutschland zu verbringen. Aber es sei ihm einfach ein bisschen langweilig, sagt er, und die italienische Gemeinde, ja, die sei auch nicht mehr so eng wie früher. Aber da sind noch andere Gründe: Seine von der körperlichen Arbeit kaputten Knochen, denen es im trocken-heißen Klima Apuliens besser gehen wird. Seine Geschwister, von denen vier wieder in der Heimat leben, und der Familienbesitz, ein großes Haus mit einem Hektar Land in der Nähe von San Vito. Der Vater hatte es von dem in Deutschland erarbeiteten Geld gekauft und war 1980 dorthin zurückgekehrt. Nach dem Tod der Eltern bewirtschaftet eine der Schwestern das Grundstück, aber sie braucht dringend Hilfe. Und dann ist da noch dieses Gefühl, das Semeraro irgendwann hatte: „Ich will dort sterben, wo ich herkomme.“

Die Entscheidung, die Semeraro nun getroffen hat, ist eine, vor der immer mehr ehemalige Gastarbeiter stehen. Die Menschen aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei, die einst zum Arbeiten hierher kamen, werden älter. Rund 295 000 Menschen ohne deutschem Pass, die 55 Jahre und älteren sind, lebten 2015 in Baden-Württemberg. 20 Jahre zuvor waren es halb so viele. Auch deutschlandweit hat sich die Zahl auf 1,54 Millionen verdoppelt. Manche Migranten kehren im Alter zurück, andere bleiben da, viele pendeln zwischen den Welten. Zahlen gibt es nicht, das Feld ist kaum erforscht. Für die Gruppe der Italiener nennt die Deutsche Botschaft folgende Zahl: „Etwa 89 Prozent der Migranten, die seit 1955 zugewandert sind, kehrten nach Italien zurück.“

Er wird hier nichts vermissen – oder doch?

Semeraros Entschluss steht fest, auch wenn seine Bekannten es noch nicht glauben, dass er wirklich gehen wird. Aber er hat bereits alles organisiert: Er hat Rentenstelle, Krankenversicherung, Bank und Ärzte informiert. Er hat einige wenige Kisten mit Büchern, Geschirr und den Fotos gepackt und seine Dreizimmer-Wohnung an eine Nichte vermittelt. Er hat einen Flug gebucht: 27. September, 14.45 Uhr, 80 Euro ohne Rückflugticket. Er wird hier nicht viel vermissen, sagt Semeraro.

Aber vielleicht wird er das mit dem Vermissen erst dann sagen können, wenn er 1500 Kilometer entfernt unter einem Feigenbaum sitzt und durch die farbigen Fotos blättert, die vom Leben in Stuttgart erzählen: Von der Holzgroßhandlung, der Bocciabahn, den Alpini und dem AC Atlantis, der Getränkehandlung und den Festen mit Freunden. Von seinem Leben mit Schnurrbart eben. Wobei, den nimmt er ja mit.

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