Migranten Ältere Ausländer meiden Pflegeheime

Von Maria Wetzel 

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Politiker und Wissenschaftler suchen nach Lösungen - Zahl von betagten Migranten steigt an.

Stuttgart - Die meisten Gastarbeiter der ersten Generation wollten spätestens als Rentner wieder in ihre alte Heimat zurückkehren. Doch viele sind in Deutschland geblieben. Damit kommen auch auf die Altenpflege neue Aufgaben zu.

Kenan Can hat eine Marktlücke gefunden. Am 1. September 2009 hat der gebürtige Freiburger in Stuttgart-Feuerbach einen interkulturellen Pflegedienst eröffnet. Mittlerweile betreuen seine 20 Mitarbeiterinnen rund 60 Frauen und Männer, die meisten von ihnen stammen aus der Türkei. "Viele Familien empfinden unser Angebot als große Entlastung", sagt der 29-Jährige, der nach dem Abitur eine Ausbildungen zum Altenpfleger und später zum Pflegedienstleiter gemacht hat. Denn die Angehörigen müssen nicht übersetzen, wenn sich die Mitarbeiterinnen um die Patienten kümmern. Auch die Pflegekräfte kommen nämlich aus Einwandererfamilien und sind zweisprachig. Dass diese nicht nur Pflege anbieten, sondern für ihre Klienten auch die nötigen Schreibarbeiten übernehmen, Anträge stellen oder sie zu Arztbesuchen begleiten, schätzen viele als weiteres Plus. "Das erleichtert es den Familien, fremde Hilfe anzunehmen", berichtete Can bei einem Fachgespräch, zu dem Sozialministerin Monika Stolz (CDU) und Staatsrätin Regina Ammicht-Quinn Wissenschaftler, Politiker und Pflegeexperten eingeladen hatten. Pflegedienste und -heime seien bisher nur bedingt auf die Bedürfnisse älterer Migranten eingestellt, so Stolz. Dabei steigt ihre Zahl kontinuierlich. Etwa zehn Prozent der über 60-Jährigen in Baden-Württemberg sind eingewandert, ein Zehntel der nicht Eingebürgerten unter ihnen wohnen mit mehreren Generationen unter einem Dach.

Von den deutschen Senioren leben noch zwei Prozent in einer Großfamilie. Doch es hängt nicht nur mit deren traditionellem Familienverständnis zusammen, dass ältere Ausländer seltener Pflegedienste in Anspruch nehmen und kaum in Pflegeheimen zu finden sind. "Die Zugangsbarrieren zu ambulanten und stationären Hilfen sind hoch", sagen die Esslinger Sozialwissenschaftlerinnen Ulrike Zöller und Andrea Janßen. Zum einen gebe es sprachliche Probleme. Zum anderen wüssten viele ausländische Familien zu wenig über entsprechende Angebote. "Das Altenhilfesystem ist überwiegend monokulturell ausgerichtet, und es existiert wenig Sprachenvielfalt. Die Zusammenarbeit von Altenhilfesystemen mit den Migrationsdiensten muss noch weiter ausgebaut werden", sagen die beiden Professorinnen.

Nicht nur in kirchlichen Pflegeeinrichtungen gibt es zwar Pflegekräfte aus vielen Ländern, aber nur wenige Ausländer. Ähnliche Erfahrungen bestätigt auch Sabine Grethlein von der Arbeiterwohlfahrt. Die Hälfte der neuen Auszubildenden kämen aus anderen Ländern, "allerdings nicht immer mit den Sprachen, die wir für unsere Zielgruppen bräuchten". Offene Angebote in der Altenarbeit würden eher angenommen, oft aber blieben ethnische Gruppen unter sich. "Wir brauchen eine kultursensible Pflege." Dazu gehöre nicht zuletzt, auch auf Speisegewohnheiten Rücksicht zu nehmen.

"Der Bedarf an Unterstützung bei der Pflege ist da", erklärt Gökay Sofuoglu von der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg. Ein Teil der ersten Einwanderergeneration sei in die Türkei zurückgekehrt, in den nächsten zehn bis 15 Jahren komme die zweite Generation ins Rentenalter. Doch für sie werde es schwieriger, denn ihre Anbindung an die Türkei sei geringer.

Die Israelitische Religionsgemeinschaft in Württemberg hat ebenfalls einen eigenen Pflegedienst für russischsprachige Migranten eingerichtet. Viele jüngere Frauen seien berufstätig und könnten sich nicht selbst um die Pflege ihrer Eltern kümmern, sagt deren Vorsitzende Barbara Traub. "Zudem haben manche Ältere Angst, sie könnten in einem Heim ehemaligen Nazis begegnen."

Nathalie Kayaoglu, Referentin für Migrationsarbeit beim Deutschen Roten Kreuz, hofft dennoch, dass künftig in den Pflegeheimen ältere Deutsche und Einwanderer zusammen leben. "Bei einer guten Pflege sollte immer der einzelne Mensch im Mittelpunkt stehen, nicht seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe", meint die Sozialpädagogin. Daran will auch der Landesseniorenrat mitarbeiten. Dessen Landesvorsitzender Roland Sing kündigt an: "Wir werden uns dafür einsetzen, dass darüber in den Kommunen gesprochen wird."

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