Sitz in seiner Wohnung fest: Werner Müller kann das Haus wegen des kaputten Aufzugs nicht mehr verlassen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ein Aufzug steht seit einer Woche still. Für die Bewohner eines Hauses für Betreutes Wohnen in Degerloch eine schlimme Situation, denn sie sind auf Hilfe angewiesen. Vom Hausbesitzer, der SWSG, fühlen sie sich tagelang im Stich gelassen.

Werner Müller hat das Gefühl, eingesperrt zu sein. Der 64-Jährige sitzt im Rollstuhl. Um sich aus seiner Wohnung fortbewegen zu können, braucht er ein weiteres Hilfsmittel: einen Aufzug. Er wohnt im dritten Stock eines fünfstöckigen Gebäudes für betreutes Wohnen in der Jahnstraße 14 in Degerloch. Seit der Aufzug nicht mehr geht, beschränkt sich sein Radius auf seine Wohnung. Der Rentner sagt am Telefon, er sei „komplett blockiert“. Er komme nicht mehr unter die Leute. „In der eigenen Wohnung gefangen zu sein, ist etwas Schlimmes.“ Müller ist Witwer; seine Tochter versorgt ihn mit Lebensmitteln und – was ebenso wichtig ist – mit Ansprache.

 

Der Weg in den dritten Stock wird zur kaum überwindbaren Hürde

Der kaputte Aufzug schränkt auch den Bewegungsspielraum vieler anderer Hausbewohner ein. Ursula Sellweg ist 80 Jahre alt und als ehemalige Abteilungsleiterin bestens organisiert. Doch auch sie steht vor kaum überwindbaren Hürden. Den kleinen Rollkoffer mit den Einkäufen in den dritten Stock zu schleppen, brachte sie an den Rand ihrer Kräfte. Körperlich wie mental.

Auf den Vermieter, die städtische SWSG, ist sie nicht gut zu sprechen. Deren Hilfe bestand zunächst darin, in jedem Stockwerk einen Aushang mit Servicenummer anzubringen. Ursula Sellweg griff umgehend zum Telefon, musste jedoch feststellen, dass sich Hilfe nicht so leicht organisieren lässt. Zwei Tage lang sei niemand rangegangen, berichtet sie. Auf Nachfrage bei der SWSG habe sie dann eine Handynummer erhalten. „Nach viermal Klingeln wurde das Handy abgestellt.“

Wenig tröstlich war für sie auch der Hinweis auf einen Mitarbeiter der Johanniter, der täglich zwei Stunden vor Ort ist. Der werde nur aktiv, wenn man ihn direkt anspreche, sagt die 80-Jährige. Viele Hausbewohner hätten dazu aber nicht die Möglichkeit. „Arme Teufel seien darunter“, sagt sie. Menschen, die sich schwer täten zu lesen und zu verstehen. „Hier leben Mieter mit Rollstuhl, viele Mieter mit Rollator“, sagt sie weiter. „Alle müssen zum Briefkasten, den Müll wegbringen, eventuell Wäsche im Trockenraum auf- und abhängen, einkaufen, Termine wahrnehmen und anderes mehr.“ Viele davon seien alt und krank, und nicht jeder habe Angehörige, die helfen könnten.

Viele der Bewohner sind alt und krank

Von der SWSG fühlte sie sich „abgespeist“. Ein Aushang am Aufzug? „Das mag für ein normales Mietshaus reichen, hier aber nicht“, sagt Ursula Sellweg Das sieht die SWSG anders: Am 1. August habe man von dem Aufzugausfall erfahren: „Unser Aufzugsmanagement hat unmittelbar die Wartungsfirma beauftragt. Am selben Tag wurden die Mieter*innen per Aushang informiert. Mit dieser Information haben wir unseren Mieter*innen auch über den Trageservice und sonstige Unterstützungsangebote informiert.“ Man arbeite in solchen Fällen mit Kooperationspartnern zusammen. Nicht nachvollziehbar sei, „warum die Aushänge als ungenügend empfunden werden“.

Scharfe Kritik von der Mieterinitiative

Ursel Beck von der SWSG-Mieterinitiative spricht auf Nachfrage von einem „untragbaren Zustand“. In dem Haus wohnten 31 Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, die Hilfe benötigten – und zwar in aufsuchender Form. Nachdem Mieter Unterschriften sammelten und ankündigten, die Sache öffentlich zu machen, soll es diese Hilfe nun auch geben. Am Dienstag erhielt Ursula Sellweg von der SWSG Nachricht, dass man einen Dienstleister engagiert habe, der unentgeltlich Lebensmittel und Medikamente besorge, sich um die Müllentsorgung kümmere, den Briefkasten leere und helfe, Rollatoren, Rollstühle und anderes im Haus zu befördern – so lange, bis der Aufzug repariert ist. Das soll diesen Freitag der Fall sein.

Ein zusätzlicher Dienstleister, wo die Versorgung doch bereits gewährleistet ist? Zur Erklärung heißt es: „Es ist unüblich, dass die SWSG einen Lieferservice finanziert, da die SWSG über Ihre Kooperationspartner sicherstellt, dass mobilitätseingeschränkte Mieter*innen das Haus verlassen können und auch in die Wohnung kommen.“ In diesem Fall habe man den Mietern jedoch einen besonderen Service bieten wollen.

SWSG verspricht „angemessene Mietminderung“

Ob das an Hilfe reicht? Angesichts der Verfassung etlicher Mieter ist Ursula Sellweg skeptisch. Betreutes Wohnen, sagt sie, sei wörtlich zu nehmen. „Da muss auch wirklich jemand da sein und auf die Leute zugehen“. Werner Müller, dessen E-Rollstuhl 160 Kilo wiegt, unterstreicht dies ausdrücklich. Ebenso die Mieterinitiative. „Ich finde es auch eine Selbstverständlichkeit, dass die SWSG für den dann fast zwei Wochen währenden Aufzugsausfall eine 50-prozentige Mietminderung gewährt“, fordert Beck. Eine „angemessene Mietminderung“, sagte die SWSG auf Anfrage unserer Redaktion schon mal zu.