Mieter aus Botnang klagen über die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft. Vieles liege in dem Haus im Argen. „Man kann das Alte doch nicht verkommen lassen“, sagt ein Mieter.
Es liegt direkt am Waldrand. Geradezu malerisch ist die Lage dieses Gebäudes an der Millöckerstraße in Stuttgart-Botnang, das neben anderen steht, die fast identisch aussehen. Dennoch ist es nicht nur der verhangene Wintertag, der alles grau und etwas unwirtlich erscheinen lässt. Vielleicht sind es die winzigen Spielplätze neben den Wohnkomplexen, die heruntergekommen sind und sicher auch im Sommer nicht genutzt werden. Vielleicht sind es auch die etwas trostlosen und angeschmutzten Fassaden.
Am Klingelschild stehen viele Namen, Winfried Schnerr wohnt mit seiner Frau im fünften Stock des sechsgeschossigen Hauses aus dem Jahr 1971. „Warum haben Sie nicht den Aufzug genommen, gerade tut er“, mit diesen etwas süffisanten Worten nimmt er seinen Besuch in Empfang. In seinem Esszimmer sind die Nachbarn aus fast allen Stockwerken zusammengekommen, um sich zu beklagen: über ihren Vermieter, die SWSG, also die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft.
Der Aufzug im Botnanger Haus ist zweimal über Wochen ausgefallen
Es geht, wie schon an Schnerrs Begrüßung abzulesen war, unter anderem um den Aufzug. Dieser sei bereits zweimal über Wochen ausgefallen, im Jahr 2023 und im Jahr 2024, und zwar einmal über die Dauer von fünf, einmal von neun Wochen. Nun wohnen in dem Haus aber vor allem ältere Menschen, die nicht mehr unbedingt gut zu Fuß sind.
Sei es das fast 90-jährige Ehepaar aus dem sechsten Stock, das sowieso immer ein Stockwerk zu Fuß bewältigen muss, da der Fahrstuhl nur bis in den fünften Stock reicht. Sei es die Dame aus dem fünften Stock, die an Grünem Star leidet und fast nichts mehr sieht und zudem seit einem Sturz in der Badewanne und einem Bandscheibenvorfall den Pflegegrad 2 hat. Sei es die andere Dame, die ebenfalls im fünften Stock wohnt und der es damals wegen einer Schilddrüsenerkrankung sehr schlecht ging. Oder sei es die Dame aus dem ersten Stock, die es zwar nicht weit hat, sich aber wegen eines kaputten Beines jedes Mal am Geländer hochziehen muss. Ein Mieter aus dem vierten Stock musste 2024 einziehen – ohne den Aufzug nutzen zu können.
Das sei für die meisten eine schwere Zeit gewesen, sagt Schnerr. Was die Mieter aber vor allem ärgert ist, dass die SWSG einen dieser Vorfälle lange Zeit nicht anerkennen wollte. Erst kurz vor diesem Treffen kam ein Schreiben der SWSG, dass nun doch beide Vorfälle anerkannt werden und die betroffenen Mieterinnen und Mieter für beide Zeiträume eine Mietminderung erhalten.
Generell beklagen die Mieter, dass die SWSG auf Briefe und Telefonate entweder gar nicht oder nur sehr spät reagieren würde. Die Mieterin unter ihm, berichtet Schnerr, habe im Frühjahr 2024 Schimmelbefall in ihrer Wohnung bemerkt und gemeldet. Ein halbes Jahr lang sei nichts passiert, bis Schnerr eines Tages unter der Dusche stand und die Nachbarin von unten bei ihm klingelte, weil kleine Tröpfchen Wasser bei ihr an der Tapete runter liefen. „Da war uns klar, das muss ein Wasserrohrbruch sein“, sagt Schnerr. Dem war dann auch so. „Aber auf Schimmelbefall, da muss man doch sofort reagieren, zumal Kinder in dem Haushalt leben.“
Die SWSG stellt den Vorfall anders dar: „Im konkret genannten Fall wurde ein Schimmelschaden gemeldet, bei dessen Behandlung wurde durch die von der SWSG beauftragten Handwerksfirma festgestellt, dass ein Wasserrohrbruch vorlag.“ Daraufhin seien umgehend die notwendigen Instandsetzungs- und Trocknungsarbeiten eingeleitet worden.
Schnerr persönlich klagt zudem darüber, dass er keinen Zuschuss für die Sanierung seines Fußbodens im Schlafzimmer bekomme – und dass nur, weil die Unterschrift des Verwalters fehle, der zu der Zeit aber seine Frau verloren habe. „Das sind doch einfach private und sehr widrige Umstände, dass kann man weder dem Verwalter noch mir anlasten“, sagt er. Auf Anfrage will die SWSG „den Fall nun prüfen und den Mieter anschließend über das Ergebnis informieren“.
Im Keller des Stuttgarter Hauses laufe Wasser aus einem Rohr
Aber auch weitere Dinge liegen laut den Mieterinnen und Mietern im Argen: Sie klagen über zu hohe Nebenkostenabrechnungen, die sich dann auch teilweise als falsch erwiesen hätten. Eine Mieterin erzählt, dass im Keller Wasser aus einem Rohr laufe. „Ich muss immer einen Eimer drunterstellen.“ Die Liste an kleineren Mängeln und Beschwerden könnte laut der Bewohner noch ewig weitergeführt werden.
Zudem wollen viele der größtenteils älteren Mieter gerne ihr Bad umbauen lassen und statt einer Badewanne eine Dusche einbauen lassen. Bei der Mieterin mit dem Pflegegrad 2 sei das kein Problem gewesen, sagt sie. Andere Mieter ohne Pflegegrad hätten auch Interesse angemeldet, aber keine Rückmeldung bekommen, ob das auch ohne Pflegegrad möglich sei und vielleicht zumindest bezuschusst werde.
Auf Nachfrage unserer Zeitung teilt die SWSG mit, dass sie sich an den Kosten für den Umbau eines Bades – beispielsweise den Ausbau einer Badewanne und den Einbau einer Dusche – beteiligt, wenn eine anerkannte Pflegebedürftigkeit des Mieters vorliegt. Voraussetzung ist also ein anerkannter Pflegegrad oder ein anerkannter Grad der Behinderung (GdB). Zusätzlich ist eine Beratung durch die Wohnberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) erforderlich.
Letztlich ist es die Gesamtheit der – nach Meinung der Mieterinnen und Mieter – nur unzureichend Ernst genommenen und nur unzureichend beseitigten Mängel, die für die Mieter das Fass zum Überlaufen bringt. „Die pauschale Aussage, dass es viele Beschwerden über verspätete Reaktionen der SWSG auf Briefe und Telefonate gäbe, können wir nicht bestätigen. Auch die objektivierten Zufriedenheitswerte unserer regelmäßigen Kundenzufriedenheitsanalysen zeugen von einer sehr hohen Zufriedenheit unserer Mieterinnen und Mieter“, heißt es dazu von Seiten der SWSG. Man lege großen Wert auf eine zeitnahe und verlässliche Bearbeitung von Mieteranliegen.
Die Mieter indes haben den Eindruck, „dass die SWSG sich derzeit vorrangig um den – durchaus auch wichtigen – Neubau kümmert, die alten Immobilien und deren Sanierung und Instandhaltung aber auf der Strecke bleiben. Neubau wird im Hochglanzprospekt gezeigt, der Bestand vernachlässigt“, wie Schnerr sagt.
Dagegen wehrt sich die SWSG vehement: „Die Aussage, die SWSG würde den Neubau zulasten der Bestandsimmobilien priorisieren, können wir nicht bestätigen“, sagt die Sprecherin Saskia Bodemer-Stachelski. Die Fakten sprächen für sich. Ihr zufolge investiert die SWSG jährlich erhebliche Mittel sowohl in die Modernisierung als auch in die Instandhaltung ihres Wohnungsbestands. „Jährlich wendet die SWSG für Instandhaltung und Modernisierung etwa 75 Millionen Euro auf und liegt damit je Quadratmeter Wohnfläche weit über dem Branchenschnitt.“
„Man kann das Alte doch nicht verkommen lassen“
Hinzu komme, dass die SWSG mit einer energetischen Modernisierungsrate von vier Prozent dafür sorgt, dass die Dekarbonisierung – also die Reduzierung von Kohlenstoffdioxid- und anderen Treibhausgasemissionen – des Bestands konsequent voranschreitet. „Im Hinblick auf die klimagerechte Transformation des Gebäudebestands nimmt die SWSG damit deutschlandweit einen Spitzenplatz innerhalb der Wohnungswirtschaft ein“, sagt Bodemer-Stachelski.
In Baden-Württemberg sei die SWSG das einzige Wohnungsunternehmen mit einer derart hohen Dekarbonisierungsrate. „Unser Ziel ist es, sowohl neuen als auch bestehenden Wohnraum nachhaltig, zukunftsfähig und bezahlbar zu gestalten und dabei die Wohnqualität für alle Mieterinnen und Mieter kontinuierlich zu verbessern.“
Durchaus beeindruckende Zahlen und Aussagen. Wie die Situation im Einzelfall aussieht, bleibt indes freilich ungewiss. Teils steht hier die Aussage der Mieter gegen die Aussage der SWSG. Tatsache ist: nicht nur die Gebäude altern, sondern auch die darin lebenden Menschen. „Man kann das Alte doch nicht verkommen lassen“, sagt Schnerr, dem es trotz allem daran gelegen ist, „keinen Krach zu provozieren“: „Ich will nicht nur schimpfen und habe durchaus viel Verständnis für die derzeitige schwierige Situation auf dem Wohnungsmarkt. Aber irgendwo hört der Spaß auf.“