So sah Wohnglück in den Fünfzigern aus. Foto: J.H. Darchinger/J.H. Darchinger

Die Wohnungsfrage ist brisanter denn je. Zeit für einen Blick auf die Historie: Was hieß Mieten einst, was heißt es heute? Wir haben die wichtigsten Stationen und Fakten zusammengetragen.

Am Monatsende hieß es umziehen. Die paar Habseligkeiten schnappen und sich mit Kind und Kegel aus dem armseligen Loch davon machen – den Namen Wohnung hatte die verrußte, verschimmelte Hinterhofstube kaum verdient. Das Kahlpfändungsrecht erlaubte es Vermietern bis 1900, den kompletten Besitz ihrer Mieter zu pfänden, wenn die oft horrende Miete nicht entrichtet wurde.

 

Massen von in den neuen Fabriken Arbeit suchenden Landflüchtigen strömten mit Beginn der Industrialisierung in die Städte und brachten die Mietskasernen zum Bersten. Wege aus der Wohnungsnot zu finden wurde zur zentralen gesellschaftlichen Aufgabe – es war die Geburtsstunde der Sozialpolitik. Im Kaiserreich bauten Fabrikanten Werkswohnungen, nach dem Ersten Weltkrieg löste ein staatlich geförderter gemeinnütziger Wohnbau auf breiter Front solche privatwirtschaftlichen Ansätze ab. Die Weimarer Republik meißelte das Grundrecht auf gesunden Wohnraum sogar in die Reichsverfassung. Mit der Moderne und der Parole Licht, Luft, Sonne kamen innovative, funktionale Wohnungstypen auf. Die Nationalsozialisten wiederum favorisierten entsprechend ihrer Boden-Ideologie die Kleinsiedlung: Jedem sein Selbstversorger-Gärtchen hinterm Haus.

Wunder des sozialen Wohnungsbaus

Großsiedlungen im Westen, der Plattenbau im Osten waren nach dem Zweiten Weltkrieg Antworten auf die abermalige immense Wohnungsnot. Und Deutschland vollbrachte das Wunder des sozialen Wohnungsbaus. 24 Millionen Wohnungen entstanden zwischen 1950 und 2001, neun Millionen davon waren Sozialwohnungen. Heute weist die Statistik nur noch 1,1 Millionen Sozialmietwohnungen aus – 1990 wurde per Gesetz der gemeinnützige Wohnungsbau ad acta gelegt.

Die Aufzählung ist bruchstückhaft, Mieter habe es schon bei den alten Römern gegeben, weiß Christine Hannemann. Sie leitet an der Architekturfakultät der Universität Stuttgart das Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie. Die Professur, die vor ihr Tilman Harlander inne hatte, ist einmalig in Deutschland. Beide Stuttgarter Wissenschaftler gehören zu den allerersten Adressen, die aufsucht, wer sich für die Kulturgeschichte des Mietens interessiert.

Die soziale Frage schlechthin

Warum der Blick auf die Historie des Wohnens, das in Deutschland für 47 Prozent der Haushalte Mieten bedeutet? War die Wohnungsfrage im 19. Jahrhundert die soziale Frage überhaupt, ist sie es heute wieder. Mietwohnungen sind derart knapp und teuer, dass vom „Mietenwahnsinn“ die Rede ist – auch ohne die Mehrfachbelegung von Betten durch sogenannte Schlafgänger wie zu Zeiten der Industrialisierung.

Hannemann und Harlander können die Gründe hierfür aus dem Effeff herunterbeten. Sie nennen Stichworte wie Deregulierung und Neo-Liberalisierung, weisen auf renditehungrige Akteure wie börsennotierte Wohnkonzerne und Finanzinvestoren hin, denen Bund, Länder und Kommunen seit der Jahrtausendwende wachsende Marktanteile überließen. Die lang anhaltende Niedrigzinsphase, die Renaissance der Städte haben die Miet-Misere ebenso verschärft.

Die Mietpreisexplosion hat Stuttgart im Städte-Ranking auf Platz drei katapultiert, nach München und Frankfurt – Tilman Harlander kennt die Internetportale, die mit solchen Listen aufwarten. Rolf Gaßmann wiederum weiß, was der beispiellose Immobilienboom konkret für die Mieterbasis bedeutet. Seit 1985 ist er Vorsitzender des Mietervereins Stuttgart, seit 2004 Vorstand des Mieterbundes Baden-Württemberg.

Das Gemeinwesen ist in Gefahr

Derzeit ächzten und stöhnten die Mieter, die siebzig Prozent der Haushalte in der Stadt ausmachten, wie nie zuvor: 45 Prozent Steigerung bei den Bestandsmieten in den vergangenen zehn Jahren. Noch einigermaßen gut wegstecken können solche Sprünge die Gutverdiener. Die Nicht-so-gut- und vor allem die Schlecht-Verdiener hingegen haben ein massives Problem: die Mietbelastungsquote, die den Anteil der Bruttokaltmiete am Netto-Haushaltseinkommen misst. 25 bis 30 Prozent sei eine verträgliche Größe, sagt Harlander, doch 56 Prozent der Haushalte in Deutschland lägen drüber, zwölf Prozent erreichten sogar einen Anteil von mehr als 50 Prozent. In der Region Stuttgart geben 39 Prozent der Mieter, die über weniger als 2500 Euro Haushaltsnettoeinkommen verfügen, mindestens 40 Prozent davon für Miete und Nebenkosten aus, hat eine aktuelle Forsa-Umfrage unserer Zeitung zutage gebracht.

Für Geringverdiener nähmen die Mietpreise und die ebenso galoppierenden Energiekosten ein die Existenz gefährdendes Ausmaß an, sogar die Mittelschicht komme zunehmend unter Druck, sagt Hannemann. Wenn Mieten für Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrerinnen, Erzieher und Krankenschwestern unerschwinglich seien, so die Wohnforscher unisono, gerate die Funktionsfähigkeit des Gemeinwesens in Gefahr.

Mieter sitzen in der Falle

Mieter sitzen heutzutage vielfach in der Falle. Ein Wohnungswechsel kommt mangels Angebot und einer zu erwartenden Verschlechterung des Preis-Leistungs-Verhältnisses nicht in Frage. Locked-in nennen das die Fachleute. Laut der Forsa-Umfrage halten 68 Prozent der befragten Mieter, die zur Zeit nicht auf Wohnungssuche sind, es für „sehr schwer“, in der Region Stuttgart eine neue Wohnung zu finden. Das Versprechen von Flexibilität und Mobilität, das seit jeher mit dem Mieten einherging, ist nicht mehr zu halten. Zwar stärkt seit den Siebzigern „ein gutes Mietrecht“ den deutschen Mieterinnen und Mietern den Rücken, doch, so gibt der Mieter-Lobbyist Gaßmann zu bedenken, nicht wenige Gesetze erwiesen sich als zahnlose Tiger. So werde beispielsweise die Mietpreisbremse durch zahlreiche Ausnahmeregelungen unterhöhlt.

Und wie lebt es sich als Mieter heute im Vergleich zu früher? Eindeutig großzügiger: Beanspruchte eine Person 1950 noch 15 Quadratmeter Wohnfläche im Schnitt, sind es heute fast 50. Man wohnt zudem nicht mehr vorwiegend im Familienverbund wie einst, sondern zumeist allein oder zu zweit. Das ist in 80 Prozent der Stuttgarter Haushalte der Fall. Auf der Nachfrageseite habe sich die Situation stark ausdifferenziert, sagt Harlander. Singles, Studierende, Berufseinsteiger, Alleinerziehende, alleinlebende Ältere – sie alle suchen heute nach adäquatem Wohnraum, und was das bedeutet, davon hat jeder und jede, gemäß Milieu, Lebensstil und Lebensphase, eine eigene Vorstellung.

Wohnen als Statussymbol

Drei-Zimmer-Küche-Bad mit der Schrankwand im Wohnzimmer: Statt der standardisierten Wohnung des Industriezeitalters sei Wohnen heute „ein Mittel der Distinktion und Statussymbol“, so Harlander. Individuell, authentisch – so soll die Mietwohnung im Idealfall heute sein. Und sie muss Multitasking können – Stichwort Homeoffice –, weshalb zunehmend flexiblere Grundrisse gewünscht werden. Baugemeinschaften und Genossenschaften können das Bedürfnis nach Individualität besser befriedigen als Bauträger mit ihren Produkten von der Stange und bieten zudem einen Mehrwert, der an Bedeutung gewinnt: Gemeinschaftlichkeit.

Das Pendel im „Spannungsfeld zwischen marktwirtschaftlicher Ordnungspolitik und sozialstaatlicher Intervention“, in dem sich laut Harlander Wohnungspolitik seit jeher bewege, schlägt gerade wieder in die andere Richtung aus. Um die jährlich benötigten 400 000 neuen Wohnungen zu stemmen, will die Regierung neue Formen der Wohnbaugemeinnützigkeit entwickeln, der soziale Wohnungsbau soll wieder erstarken, Werkswohnungen erleben ein Comeback. Das Kahlpfändungsrecht aber darf gern in der Mottenkiste der Kulturgeschichte des Mietens begraben bleiben.

Stuttgarter Wohnforscher

Hannemann
Die Diplom-Soziologin Christine Hannemann hat an der TU Berlin über das industrielle Bauen promoviert. Ihre Habilitation schrieb sie 2003 an der Humboldt-Universität zu Berlin über die fragile Zukunft deutscher Kleinstädte. Seit 2011 leitet sie an der Architekturfakultät der Universität Stuttgart das Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem der Wandel des Wohnens sowie integrative Wohnformen.

Harlander
Tilman Harlander war von 1997 bis zu seiner Emeritierung 2011 Professor für Architektur- und Wohnsoziologie an der Architekturfakultät der Universität Stuttgart. Neben Lehre und Forschung war er von 1989 bis 1997 Vorsitzender des Aufsichtsrats der Aachener städtischen Wohnungsgesellschaft GEWOGE und von 2000 bis 2019 Mitglied des Städtebauausschusses der Landeshauptstadt Stuttgart.

So wohnt Stuttgart
Was bewegt Mieter in der Region Stuttgart – und wie ticken Vermieter? Wir freuen uns über Ihre Geschichten und Hinweise! Haben Sie den besten Vermieter der Stadt? Einen Geheimtipp für die Wohnungssuche? Oder wollen Sie Ihren Frust über den Wohnungsmarkt loswerden? Sind Sie Vermieter und wollen Ihre Mieter am liebsten für immer halten? Und was haben Sie auf der Suche nach dem richtigen Mieter für Ihre Wohnung schon erlebt?

Für diese und andere persönliche Geschichten zum Thema Mieten und Wohnen in Stuttgart ist ab sofort unsere E-Mailadresse wohnen@stzn.de freigeschaltet. Schreiben Sie uns!

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