Viele Regeln, viel Sicherheitspersonal: Mancher Kunde fühlt sich dabei nicht wohl und meidet die Stadt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Lockerungen in der Corona-Krise helfen dem Handel nicht. Die Stimmung ist kaputt. Als einen Grund hat man die Masken ausgemacht. Sie seien Shopping-Stopper. Breuninger zeigt, was in der Krise helfen kann.

Stuttgart - Die Öffnung nach dem Lockdown und die Lockerungen im Einzelhandel schlagen sich nicht nieder. Fast die gesamte Branche klagt über massive Umsatzrückgänge. Das zeigen auch die Ergebnisse einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart. „Der große Ansturm auf die Innenstädte ist leider ausgeblieben. Die Corona-Krise dämpft das Interesse und die Freude am Einkaufen bei vielen Kunden“, sagt IHK-Präsidentin Marjoke Breuning, die gleichzeitig die Geschäfte des Traditionsgeschäftes Maute Benger auf der Königstraße führt. Weiter sagt sie: „Viele Innenstädte sind wie leer gefegt. Wenn die Kunden weiter ausbleiben, laufen wir Gefahr, dass die Einkaufsstraßen auch nach der Corona-Krise nicht mehr so wie früher frequentiert werden.“

Die Lage ist auch nach Ansicht des Handelsverbandes (HBW) dramatisch. Es gebe einen historischen Umsatzeinbruch. Nicht zuletzt deshalb fordert der Verband für den Non-Food-Einzelhandel vom Land erneut einen Entschädigungsfonds. Denn durch die Corona-bedingten Geschäftsschließungen sanken die Erlöse im Vorjahresvergleich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 14,4 Prozent. Am schlimmsten sei jedoch der Textilhandel betroffen. Der Bekleidungshandel verlor über 70 Prozent seines Vorjahresumsatzes. Über 87 Prozent der Einzelhändler in der Region registrieren trotz der Öffnung weniger Nachfrage, 74 Prozent berichten, dass die Kundschaft um bis zu 50 Prozent abgenommen hat.

Textilhandel leidet besonders

Eine Umfrage des GfK Consumer Panel kommt zu weiteren Ergebnissen: Die verbliebenen Käufer wollen ihre Modeausgaben in Zukunft um mehr als 60 Prozent reduzieren. HBW-Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann spricht daher von „verheerenden Negativ-Umsätzen“ und sorgt sich wie Breuning um die innerstädtische Struktur.

Als Hauptgrund dieser Krise hat der Handel nach den Ergebnissen der Textilwirtschaft die Maskenpflicht ausgemacht. Im Branchenjargon heißt die Maske daher nur noch „Shopping-Stopper“. Der Mund- und Nasenschutz verderbe den Menschen die Kauflust. Damit werde das ehemalige Shopping-Erlebnis zu einer reinen Bedarfsdeckung degradiert. Natürlich wirken sich auch die Kurzarbeit und die Sorge um den Arbeitsplatz auf die Konsumlaune aus. Aber am stärksten entscheidet auch aus Sicht von Breuninger-Geschäftsführer Joachim Aisenbrey das Bauchgefühl. Ihm ist daher klar: Dass ohnehin geschmälerte Einkaufserlebnis ist ein zartes Pflänzchen, das gehegt werden muss. „Sicherheit steht natürlich ganz oben, aber die Kunden müssen sich wohlfühlen“, sagt er. Bei Breuninger werden daher gerade die Sicherheitsleute an den Eingängen so intensiv geschult wie sonst nur das Personal auf der Fläche. „Wir wollen Atmosphäre aufbauen“, sagt Aisenbrey. Und dies beginnt bei Breuninger eben am Eingang. Bei der Wiederöffnung hat die oberste Führungsriege die Kunden sogar persönlich begrüßt, zuvor sei man telefonisch mit Kunden im Kontakt gewesen. Alles mit dem Ziel, die Kundenbindung zu erhöhen.

Aisenbrey kennt die Berichte von Kunden, die sich andernorts teilweise kriminalisiert fühlen und rüde wegen unachtsamen Übertritten gegen die Coronaregeln vom Sicherheitspersonal angegangen werden. Aus Sicht des Breuninger-Geschäftsführer ist das ein Super-Gau. Genau das Gegenteil von dem, was man erreichen möchte: Stuttgarter Lebensgefühl vermitteln. „Ich erinnere mich gut daran, wie glücklich die Leute zu uns kamen, nachdem der Wochenmarkt auch wiedereröffnen durfte.“ Soll heißen: In der Stadt verweilen, kommunizieren, sich lebendig fühlen. Genau das hätten viele Stuttgarter noch schmerzlicher vermisst, als der Lockdown auch noch für die Gastronomie galt. „Die geschlossene Gastronomie hat unser Geschäft stark beeinflusst“, sagt Aisenbrey. So beginnt jetzt eine „Emotionalisierung-Kampagne“ auf der Fläche mit „Blumen, Farben und Musik“, aber noch ohne den obligatorischen Prosecco. „Unsere Kunden verbinden mit Breuninger auch Events“, sagt Christian Witt. Das gesellschaftliche Leben gehöre sozusagen zur DNA des Kaufhauses.

Wohl dem, der einen Online-Shop hat

Zusammengenommen sind dies alles Punkte, weshalb Breuninger die Krise offenbar besser meistert als viele andere, die laut Statistik in existenziellen Nöten stecken. Der Branchen-Primus leistet sich nicht von Ungefähr einen eigenen Thinktank, um gesellschaftliche und Branchen-Trends „antizipieren zu können“, wie Konzernsprecher Witt die Arbeit der Forschungsabteilung beschreibt. Möglicherweise kam aus dieser Abteilung auch schon vor Jahren der Vorschlag, viel Geld in den Online-Shop zu investieren. Sicher ist nur: Wer in diesen Tagen im Handel beim E-Commerce gut aufgestellt ist, kann die Einbußen in der Coronakrise besser kompensieren. Bei Breuninger hat Online-Verkauf „zu Beginn des Lockdowns zwar eine Schockstarre erlebt“ (Witt), bringt inzwischen veritable Umsätze. Insider berichten von einem Plus in Höhe von 40 Prozent. Meldungen, wonach der gesamte Online-Umsatz damit bald die Hälfte des Gesamtumsatzes ausmachen könnte, bestätigt Witt nicht. Er spricht von einem „Drittel“.

Dennoch wird in diesen Tagen eines deutlich: Die Coronakrise wirkt wie ein Brennglas. Wer im Handel auf Höhe der Zeit oder gar seiner Zeit voraus ist, kommt besser durch die Krise. Dennoch setzen nur 39 Prozent nun auf Maßnahmen der Digitalisierung. Breuninger geht auch hier einen anderen Weg. Und man fragt sich bereits jetzt: Was wird aus dem Handel nach der Krise? Christian Witt verrät nur so viel: „Der Konsum wird nachhaltiger und zielgerichteter werden. Darauf stellen wir uns ein.“

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