Minnie und Micky haben es eilig: Auch mit 90 geht es noch von Abenteuer zu Abenteuer. Foto: Egmont Ehapa Media, © 2018 Disney

Seit seinem Filmdebüt 1928 kennt Micky keine Tiefs. Erst war er Kinostar, dann Comicheld, und längst ist er das Symbol eines mächtigen Medienkonzerns. Seine Anfänge aber waren von bitterem Streit geprägt.

Entenhausen - Männer sind gerne mal machtbewusst. Mäusemänner auch. Micky Maus, das berühmteste und zivilisierteste Nagetier der Welt, feiert dieser Tage seinen 90. Geburtstag. Am 18. November 1928 flimmerte Micky ein Liedchen pfeifend über die Leinwände der USA, in Walt Disneys Zeichentrick-Kurzfilm „Steamboat Willie“. So keck, ja, übermütig er da am Steuerrad eines Flußboots drehte, die ganz große Weltkarriere hätte man dem Knirps in kurzen Hosen noch gar nicht zugetraut. Insofern: Herzlichen Glückwunsch!

Aber vergessen wird bei allen Micky-Jubiläen gern, dass auch Minnie Maus nicht irgendwann später hinzu kam, sondern schon in „Steamboat Willie“ ihren ersten Auftritt hatte. Auch Minnie wird 90, aber der große Scheinwerfer richtet sich auf Micky: Die beiden Mäuseturtler stammen aus einer Zeit, als die Frau Zierat im Leben des Mannes war. Und Micky trat nun mal jahrzehntelang in Comics, im Kino und im Fernsehen als Gewinnertyp auf, als agiler Schlaumeier, der immer einen Plan aus der Tasche ziehen konnte, wo andere verzweifelten, der entschieden Aufgaben verteilte, aber die wichtigsten und gefährlichsten Aktionen natürlich selbst übernahm. Da mag er Minnie noch so umwerben, anbeten, beschenken, eifersüchtig verteidigen, immer bleibt klar: Minnie spielt die Nebenrolle in Mickys Leben, nicht umgekehrt.

Micky drängt sich vor

Zum Jubeltag bringt Egmont Ehapa, der deutsche Verlag der Disney-Comics, ein Lifestyle-Sonderheft für erwachsene Fans auf den Markt, „Micky“, eine etwas sehr lockere Mischung aus Kurzinfos, Promi-Grüßen, Konsumtipps, Comics und ein paar Interviews, zum Beispiel mit dem Modemacher und Designer Michael Michalsky. Auch sonst kommen vor allem Männer zu Wort. Die schönste Idee daher: Die Rückseite von „Micky“ ist ebenfalls ein Glanzcover, „Minnie“ steht da, und Mickys Freundin lacht uns so groß an wie vorn der Kerl, der sie oft aus dem Rampenlicht schiebt.

Das Phänomen des Vordrängens ist eng verknüpft mit Mickey Mouse, wie er sich im Original schreibt. Denn diese Figur ist früh das Objekt eines Machtkampfs. Der junge Walt Disney war ein Mann mit Visionen, ein Themenfinder und Emotionssensor: Er glaubte an die großen Möglichkeiten des Trickfilms, als andere diesem Medium nur Pausenspäße zutrauten. Er spürte, wo Geschichten anders werden mussten, wo die Bilder noch nicht richtig aneinander saßen – aber ein großer Zeichner war er nicht, auch kein guter Erzähler: Er war in dem Studio, das er aufbaute, eher ein unerbittlicher, hellsichtiger Kritiker auf dem Chefsessel.

Bittere Enteignung

So formte denn Ub Iwerks, ein alter Freund und Weggefährte, aus einer Skizze Disneys die erste Variante von Micky. Und auch Mickys frühe Trickfilme entstanden ganz unter der Leitung und Feder von Ub Iwerks. Nach außen aber pries Disney stets sich selbst als Quell aller Bilder und Ideen, Iwerks trennt sich 1930 im Streit von ihm, und dass sein eigenes Studio jämmerlich scheiterte, während seine Micky Maus das globale Markenzeichen von Disney wurde, ist eine bittere Ironie.

In den USA wurde Micky zwar schnell zum Helden von Comics, mit denen Disney selbst nie etwas zu tun hatte. Er verkaufte nur die Lizenzen. Das Micky-Maus-Heft aber, das in vielen Ländern erscheint, in Deutschland seit 1951, ist längst ein europäisches Produkt. Wie sich Entenhausen hier ausweitete, wie immer neue Figuren hinzu kamen – das ist vielen kreativen Köpfen zu verdanken. In den amerikanischen Comics allerdings hielt man die Sphäre, in der Micky dem kriminellen Kater Karlo entgegen tritt, von der anderen, in der der superreiche Dagobert Duck sich gegen die Panzerknacker wehren muss, sauber getrennt: hie Mousetown, da Duckburg.

Schundvorwurf und Kinderliebe

In Deutschland dagegen, wo die Übersetzerin Erika Fuchs den Comics mit ihren Texten eine zusätzliche Dimension verlieh, spielt alles in Entenhausen. Wobei Pädagogen einst auch den genialen Witz der Fuchs-Übertragungen für Schund hielten, was die Liebe der Kinder zu Micky-Heften nur förderte.

Zugegeben, der sympathische Verlierer und Choleriker Donald Duck hat zum Hefterfolg wohl mehr beigetragen als der strebsame Micky. Aber verschiedene Zeichner und Erzähler interpretieren ihn immer wieder neu. Er ist nicht nur der Besserwisser und Spießer, zu dem er zwischenzeitlich verkam, er zeigt immer wieder die Frechheit seiner Jugend.

Was in ihm steckt, wird auch vom Lifestyle-Magazin „Micky“ nur angedeutet. Vielleicht sollte man bei Egmont also doch mal über ein Entenhausen-Magazin speziell für die erwachsenen Fans nachdenken. Selbst beim „Lustigen Taschenbuch“, sagt der Verlag, sei jetzt schon gut die Hälfte der Leser älter als 19 Jahre.

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