1958 kam Micheline Faure als damals jüngste Solistin ans Württembergische Staatstheater. In ihrer Biografie erzählt die Tänzerin auch von der Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren.
Stuttgart - Bei wie vielen jungen Mädchen hat der Film „Die roten Schuhe“ den Wunsch geweckt, Tänzerin zu werden? Auch Micheline Faure gehört dazu, in einem Kino trifft sie 1948 die Entscheidung ihres Lebens. „Ich will, ich muss Tänzerin werden! Mir ist das sofort klar, leider nicht meinen Eltern“, schreibt die 1939 in Grenoble geborene ehemalige Stuttgarter Solistin in ihrer Biografie, die unter dem Titel „Unterwegs“ erschienen ist.
Dass Micheline Faure bei ihrer Berufswahl bereits neun Jahre und damit zu alt für die Ballettschule der Pariser Oper ist, dass sie ihre Eltern überzeugen kann und eine harte Ausbildungszeit an verschiedenen privaten Schulen auf sich nimmt, dass sie weit entfernte Gala-Auftritte akzeptiert, um ihren Mädchentraum zu verwirklichen, zeigt, welche Energie in dieser Tänzerin schlummerte. Die mag auch der Stuttgarter Ballettmeister Nicholas Beriozoff gesehen haben, als er Michelin Faure von einem Training in einem Pariser Studio weg engagierte.
Die älteren Kolleginnen sind neidisch auf die junge Konkurrenz
1958 war das, mit nur 18 Jahren wird sie damals als jüngste Solotänzerin an die Stuttgarter Oper engagiert. „Zauberhaft leicht“, „schmiegsam“ sind die ersten deutschen Vokabeln, die sie aus dem Wörterbuch sucht, um Kritiken über ihre Auftritte zu übersetzen. Wenig geschmeidig ist die Reaktion der neidischen Kolleginnen; Intrigen der Platzhirschinnen schienen damals nicht unüblich, um die junge Konkurrenz auszubremsen.
Micheline Faure blickt zurück auf die spannende Zeit, in der John Cranko erst als Gerücht, dann als Balletterneuerer in Stuttgart auftauchte. Sie selbst wird gleich zu Beginn ihres Engagements von Beriozoff nach London geschickt, um dort die Hauptrolle in Crankos „Pagodenprinz“ einzustudieren.
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„Es ist sehr schön, mit ihm zu arbeiten. Er hat viel Geduld und erklärt alles bis ins letzte Detail“, notiert sie am 12. Oktober 1960 in ihr Tagebuch, als Cranko sein Stück in Stuttgart einstudiert. „Das ist kein oberflächliches Choreografieren, das ist eine Arbeit, die in die Tiefe geht. Und er spricht fließend Französisch!“
Später wird der neue Stuttgarter Ballettchef der jungen Französin, die ihn als Tänzerin berührt, wichtige Rollen anvertrauen. Noch später, als die frischverliebte Faure bei einem Auslandsjahr mit ihrem Mann, dem Spielleiter Robert H. Pflanzl, und als Gastsolistin in Linz nicht straff genug Kontakt zur Mutterkompanie hält, wird Cranko sehr ernst mit ihr ins Gericht gehen und sie in einem strengen Brief an ihre „Pflicht für die Kompanie“ erinnern.
Zwei Wochen nach der Entbindung trainiert sie wieder
Lesenswert ist Micheline Faures Biografie aus mehreren Gründen. In Zeitdokumenten, in Tagebucheinträgen und Briefen hat die Tänzerin sehr lebendige Eindrücke aus ihrer Zeit in Stuttgart, auch damals eine Stadt mit „zahlreichen Baustellen“, versammelt. Vor allem aber schildert sie sehr nachvollziehbar die Zerrissenheit einer jungen Frau, die sich zwischen Beruf und Familie entscheiden muss, weil sich beides damals nicht vereinbaren ließ, auch wenn Micheline Faure viel dafür tut.
Im Oktober 1963 wird ihre Tochter geboren, nur zwei Wochen später trainiert sie wieder. Doch am Stuttgarter Ballett ist eine neue Ära angebrochen. Beruf und Familie? Der Druck ist zu groß, sie kündigt. Doch weil Micheline Faure schon immer nicht eine „liebliche“ Tänzerin sein will, sondern eine „voller Kraft und Energie“, gelingt ihr eine zweite Karriere: 1973 gründet sie eine Ballettschule in Salzburg und stürzt sich in die Malerei; heute lebt sie in Großgmain.
Info
Tänzerin
Micheline Faure wird 1939 in Grenoble geboren. In Paris entdeckt der Stuttgarter Ballettmeister Nicholas Beriozoff die Tänzerin am Ende ihrer Ausbildung und holt sie nach Stuttgart. Hier tanzt sie mit kurzer Unterbrechung bis 1964 als Solistin, dann widmet sie sich komplett der Erziehung ihrer zwei Kinder. 1973 zieht sie mit ihrem Mann Robert H. Pflanzl nach Salzburg und gründet ihre eigene Ballettschule. Nebenbei startet sie eine zweite Karriere als Malerin.
Buch
Micheline Faure: Unterwegs – mit Spitzenschuh und Staffelei. Erinnerungen einer Tänzerin. Herausgegeben von Robert H. Pflanzl. Böhlau-Verlag. 174 Seiten. 25 Euro