Umbenannt und unter neuer Leitung: der Fachbereich Wald im Landratsamt und sein Chef Michael Nill. Foto: factum/Andreas Weise

Sehnsuchtsort, Wirtschaftsfaktor, Klimaschützer: An den Wald gibt es viele Anforderungen. Seit Jahresbeginn ist Michael Nill der oberste Förster im Landratsamt. Sein Fachbereich heißt jetzt anders. Und der Name soll Programm sein.

Kreis Ludwigsburg - Kleinholz machen, Pilze sammeln: „Ich war von klein auf viel im Wald, das hat mich geprägt“, erzählt Michael Nill. Seit Jahresbeginn ist der 41-Jährige, der in Mühlacker aufwuchs, in Freiburg studierte, ein Jahr mit dem Schwerpunkt Aquakultur in Norwegen dranhängte und über Rindenschäden durch Holzernte promovierte, Leiter des neu geschaffenen Fachbereichs Wald im Ludwigsburger Landratsamt. Früher hieß der Fachbereich „Forsten“.

Doch das beschrieb seine Bestimmung nur unzureichend, findet Nill. Der alte Name betone die wirtschaftliche Funktion des Waldes. Die sei in den kommunalen Wäldern im Kreis aber gar nicht mehr der Schwerpunkt. „Wir schreiben den Dreiklang aus Nutzung, Schutz und Erholung groß. Das wollen wir mit der Umbenennung zum Ausdruck bringen.“

Eigene Förster für den Staatswald

Vorbei die Zeiten des „Einheitsforstamtes baden-württembergischer Prägung, in der ein Förster für ein bestimmtes Gebiet zuständig war, egal ob es Staats-, Gemeinde- oder Privatwald war“, wie Michael Nill es beschreibt. Zum Jahreswechsel gab es eine Forststrukturreform. Hintergrund war, vereinfacht gesagt, dass Baden-Württemberg und seine Forstverwaltung lange für den Holzverkauf aus Staats-, Kommunal- und Privatwald zuständig waren, dass die Einheitsförster auch nichtstaatlichen Wald betreuten und seine Besitzer berieten. Doch das Bundeskartellamt forderte mehr Wettbewerb. Deshalb bewirtschaftet den Staatswald jetzt eine neu gegründete, rechtlich selbstständige Anstalt des öffentlichen Rechts – der Forst Baden-Württemberg – mit eigenen Förstern.

Die Folge im Landkreis Ludwigsburg: Der Fachbereich Wald ist jetzt nicht mehr, wie bisher, für Staatswald wie den Favoritepark, den Salonwald oder den Rotenackerwald verantwortlich. Die Reviere im Kreis wurden deshalb neu zugeschnitten – mit dem etwas kruden Nebeneffekt, dass in zusammenhängenden Waldgebieten, die in unterschiedlichem Besitz sind, unterschiedliche Förster zuständig sind.

Die Städte und Gemeinden im Kreis haben im Zuge der Reform beschlossen, dass sie ihre Wälder weiterhin von den Revierförstern des Landratsamtes betreuen – also etwa Holzverkauf, Naturschutz oder Biotop-Pflege in deren Hand belassen – wollen. 72 Prozent des Waldes im Kreis sind in Kommunalbesitz. Auch für Privatwaldbesitzer bietet der Fachbereich Wald weiterhin seine Dienste an.

Eiche vom Feinsten

Für den Holzverkauf ist jetzt Hartmut Flunkert zuständig, dessen früheres Revier im Zuge der Reform neu zugeschnitten wurde. Allein bei der Eichen-Submission wissen zwischen 20 und 30 Käufer aus nah und fern das Holz aus dem Landkreis zu schätzen – Sägereien, Furnierproduzenten, aber zum Beispiel auch ein französischer Fass-Hersteller, der auf die hiesigen Eichen schwört.

„Jeder Kunde hat seinen speziellen Blick und seine spezielle Verwendung“, sagt Michael Nill. „Für uns steht die größtmögliche Wertschöpfung im Zentrum.“ Auch die Brennholzverkäufe seien nach wie vor ein großer Markt. Den Leiter des Fachbereiches Wald freut’s: „So findet Holz, das weder für Bretter noch für sonst etwas geeignet ist, noch vor Ort Verwendung“, sagt er. „Es ist ein lokales, CO2 -neutrales Produkt. Und die Versteigerungstermine mit den Förstern sind ein gesellschaftliches Ereignis.“

Die nächste Generation beflügeln

Viel stärker als bisher nimmt der Fachbereich Wald die Kinder in den Blick – mit Angeboten, die auf die Bildungspläne der Schulen zugeschnitten sind, aber auch mit maßgeschneiderten Workshops. Das reicht von Walderlebnisführungen bis hin zu Arbeitseinsätzen und Projekten zur Be- und Verarbeitung von Holz. „Schwerpunkt ist dieses Jahr der Klimawandel“, sagt Michael Nill, „der Wald ist schließlich Klimaschützer Nummer eins. Gleichzeitig leidet er auch besonders stark unter dem Klimawandel.“ Erschreckende Beispiele der Folgen erlebte der Landkreis zuletzt mit verdursteten Buchen in Hemmingen, Heimerdingen und Schöckingen oder mit vertrockneten Kiefern im Kirbachtal.

Wann die Fachleute nach der Corona-Krise mit der Jugend wieder im Wald durchstarten können, ist zwar ungewiss. Das Team steht aber bereit: Kindern und Jugendlichen die Augen für die Bedeutung und die Fragilität des Waldes zu öffnen, das übernehmen die Revierleiter Simon Walz (Gerlingen), Theo Wöhr (Kirbachtal) und Jürgen Weis (Forsthof), überdies die Waldpädagogen Katharina Obermeier und Luca Schmid.

Der Wald und die Corona-Krise

Durch den Wald gehen, joggen, radeln – eine Wohltat. Die Menschen zieht es auch jetzt, in der Corona-Krise, in die Gesellschaft der Bäume. „Wir treffen aktuell deutlich mehr Erholungssuchende im Wald an als sonst üblich“, erzählt Michael Nill. „Unsere Wälder nehmen schon immer und besonders gerade eine sehr wichtige Funktion bei der Naherholung ein. Wohin sonst sollen denn die Menschen im Landkreis gehen, um vor Ort frische Luft zu schnappen, den Kopf frei zu kriegen und etwas Abstand vom Alltag zu bekommen, als in den Wald?“

Die Förster finden das gut, sofern die Grundregeln beachtet werden. Die besagen, „dass sich jeder so verhält, dass die Lebensgemeinschaft Wald und die Bewirtschaftung des Waldes nicht gestört und der Wald nicht gefährdet, beschädigt oder verunreinigt wird“, so Nill. Wenn derzeit die Menschen also mit Abstand unterwegs seien, die Erholung anderer nicht beeinträchtigten, keinen Müll hinterließen und Sperrungen etwa von Waldspielplätzen akzeptierten, „ist das eine gute Sache“.

Die Schönsten im Blick

Bei einem Streifzug durch das Pulverdinger Holz – vorbei an einem aus allen Bäumen herausragenden, prächtigen Mammutbaum, den König Wilhelm I. im Jahr 1864 hatte pflanzen lassen – zeigt Michael Nill, was den Gemeinden und Städten der Faktor Erholung wert ist. Auch wenn das Waldspaziergängern vielleicht gar nicht auffällt. „Der Weg, auf dem wir gehen, zum Beispiel“, erklärt er. „Wäre es ein reiner Wirtschaftsweg, käme niemand darauf, ihn so gut auszubauen, mit Splitauftrag, damit man ihn auch mit Kinderwagen oder Rad gut benutzen kann.“ Dass höhere Ausbaustandards mehr kosten, das sei es den Kommunen bisher immer wert gewesen. Auch dass besonders schöne Bäume an Waldwegen in den Blickachsen der Spaziergänger nicht gefällt, sondern stehen gelassen werden und die Besitzer auf die Vermarktungs-Einnahmen verzichten, zählt dazu.

Baden zwischen Bäumen

Der Klimawandel und die Frage, welche Bäume den Bedingungen der Zukunft trotzen, sind ein zentrales Thema, das die Mitarbeiter des Fachbereichs Wald umtreibt. „Wir pflanzen, und geerntet wird hundert Jahre später. Die Klimaveränderungen müssen wir antizipieren, aber eine gewisse Unsicherheit besteht immer“, sagt Michael Nill. Klimastabile Mischwälder seien das Gebot der Stunde, „reine Fichtenwälder brauchen wir keine mehr zu pflanzen“.

Der Fachbereich überwacht auch, wenn Unternehmen forstliches Saatgut sammeln, oder erteilt forstrechtliche Genehmigungen für Veranstaltungen im Wald wie Vereinsfeste oder Sportevents. Haben sie gewerblichen Charakter, stören sie Tiere oder versperren Wege, dann sind Gebühren für die Genehmigung fällig – falls sie überhaupt erteilt wird. „Orientierungsläufe durch den Wald sehe ich zum Beispiel kritisch, weil sie die Waldtiere beunruhigen“, merkt Michael Nill an.

Wie Menschen den Wald erleben, ist übrigens auch ein Zeitgeist-Thema. Eine ziemlich im Trend liegende Aktivität hat der Fachbereich mittlerweile schon mehrfach genehmigt: das Waldbaden.

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