Michael Haefliger Foto: Festspiele

Michael Haefliger hat gerade seinen Vertrag als Intendant des Lucerne Festivals bis zum Jahr 2020 verlängert. Der 53-jährige Schweizer steht nach dem Tod von Claudi Abbado vor der Herausforderung, das Lucerne Festival Orchestra ohne seinen Gründungs­direktor weiter zu entwickeln.

Michael Haefliger hat gerade seinen Vertrag als Intendant des Lucerne Festivals bis zum Jahr 2020 verlängert. Der 53-jährige Schweizer steht nach dem Tod von Claudi Abbado vor der Herausforderung, das Lucerne Festival Orchestra ohne seinen Gründungs­direktor weiter zu entwickeln.

Luzern - Herr Haefliger, in diesem Jahr steht Andris Nelsons am Pult, um das noch von Claudio Abbado konzipierte Brahmsprogramm zu dirigieren. Was bedeutet dieser Einschnitt für das Festival?
Von Einschnitt zu reden ist vielleicht nicht ganz korrekt. Es ist das Ende einer Ära - und der Beginn einer neuen. Wir sind sehr glücklich, dass Andris Nelsons für die Konzerte eingesprungen ist. Langfristig suchen wir einen neuen künstlerischen Leiter, den wir wahrscheinlich Ende des Jahres präsentieren werden.
Claudio Abbado hat das Lucerne Festival Orchestra gemeinsam mit Ihnen gegründet. Er hat die Musikerinnen und Musiker ausgesucht und das Repertoire bestimmt. Alles war auf seine Person zu geschnitten. Wie geht es nun weiter?
Das ist für mich schwierig vorauszusagen. Man muss abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Das Orchester hat aber durchaus seine eigene Identität, die nun noch stärker in den Vordergrund rücken wird.
Welche Anforderungen muss der neue künstlerische Leiter erfüllen?
Er muss zunächst die Fähigkeit haben, die Fußstapfen Claudio Abbados zu respektieren. Zugleich möchten wir aber auch keine kopierte Ära Abbado weiterführen. Wichtig für mich als Intendant ist es jetzt, nicht zu viele Schranken für den Nachfolger aufzubauen. Wir müssen auch loslassen und in die Zukunft schauen. Im Moment ist der Weg das Ziel. Diese Situation darf man jetzt nicht übermanagen. Vertrauen haben, Raum geben – das steht im Augenblick an.
Sie haben von der starken Identität des Lucerne Festival Orchestra gesprochen. Was macht das Orchester aus?
Das Orchester hat einen warmen Klang, der durchaus mit Brillanz versehen ist. Persönlichkeit und eine große Ausstrahlung besitzt das Lucerne Festival Orchestra auf jeden Fall. Sicher war dieser Klangkörper das Wunschtraum-Orchester für Claudio Abbado. Er brauchte von seinen Musikern schon das Gefühl der Zuneigung. Und das war in diesem Orchester über alle Maßen vorhanden. Er hatte ja doch eine sehr spezielle Art des Dirigieren und Führens – und hat in diesem Orchester dafür den idealen Partner gefunden. Das ist schon etwas ganz anderes als mit einem Berufsorchester zu arbeiten, wo die Besetzungen wechseln und sich der Dirigent auch in die Tradition einordnen muss.
Man hatte das Gefühl, dass der Tod von Claudio Abbado das Lucerne Festival überrascht hat. Die Programme für 2015 wurden ja auch noch mit ihm abgesprochen.
Es gab vor einem Jahr keinen Grund zu erwarten, dass er krank wird und stirbt. In dem Sinn waren wir sicherlich überrascht. Aber dieses Damoklesschwert schwebte schon lange über ihm. Ende Oktober, Anfang November 2013 ahnten wir, dass die gesundheitliche Situation Abbados sehr ernst ist. Er selbst hat immer auf Besserung gehofft – bis zum letzten Atemzug.
Sechs Wochen vor seinem Tod haben Sie ihn nochmals besucht. Welche Erinnerung nehmen Sie von dieser letzten Begegnung mit?
Er war mental sehr lebendig. Es ging ihm in jenen Tagen den Umständen entsprechend gut. Er hat uns die Übungen gezeigt, die sein Physiotherapeut für ihn ausgewählt hat. Wir haben auch über die Zukunft gesprochen. Gleichwohl ahnte ich, dass es das letzte ­Treffen gewesen sein wird.
Neben dem Lucerne Festival Orchestra stehen auch bei der Lucerne Festival Academy als Forum zeitgenössischer Musik Veränderungen an. Welche Pläne haben Sie hier?
Ich habe mich gerade in Baden-Baden mit Pierre Boulez getroffen, um nochmals Details der Akademie zu regeln. Wir hoffen, dass er uns so lange wie möglich als künstlerischer Leiter erhalten bleibt, aber natürlich machen wir uns Gedanken über die Zukunft. Ob Boulez beim Festival noch in Erscheinung treten kann, wissen wir nicht – aber er ist nach wie vor der Ideengeber und verantwortlich für die künstlerische Ausrichtung.
Sie haben gerade Ihren Vertrag bis zum Jahr 2020 verlängert. Was treibt Sie an?
Ich spüre eine große Verantwortung, den Veränderungsprozess, vor dem das Lucerne Festival steht, mitzugestalten. Neben den für uns sehr wichtigen und auch identitätsstiftenden Projekten Lucerne Festival Orchestra und Lucerne Festival Academy wird ein Fokus meiner Arbeit auf dem Bereich Jugend- und Vermittlungsarbeit liegen. Nicht als Alibiveranstaltung, sondern als wichtiger Teil des Festivalprogramms. Und natürlich brenne ich für die Vision Musiktheater, die ich 2007 mit der Salle modulable initiiert habe und die jetzt konkretere Formen annimmt. Inzwischen unterstützen auch die Stadt und der Kanton das Projekt eines Musiktheaterneubaus. Wir werden sehen, wie wir diese Vision realisieren können. Ich könnte nicht an einem Ort arbeiten, wo man mir sagt: Alles soll so bleiben, wie es ist.
Sondern?
Ich mag viel lieber die Aufgabenstellung: Erfinden Sie es neu. Auch in den vergangenen 16 Jahren beim Lucerne Festival war es immer wieder möglich, Dinge neu zu erfinden. In diesem Jahr starten wir mit „Young Performance“ das nächste neue Format.
Sie preisen es als „weltweit einzigartiges“ Konzept. Was ist so einzigartig daran?
Die Musiker sind Absolventen der Lucerne Festival Academy und müssen nicht nur erstklassige Instrumentalisten sein, sondern auch über eine große theatralische Präsenz verfügen und sich selbst bei der Entwicklung des Projekts kreativ einbringen. Tanz, Bewegung, Darstellungskunst – all das spielt eine Rolle bei den „Young Performance“-Konzerten. Dafür stellen wir Kreativteams zusammen. Und suchen Partner für Koproduktionen, damit diese Konzepte noch eine größere Ausstrahlung erfahren.
Das Lucerne Festival wird nur mit fünf Prozent subventioniert. 95 Prozent werden mit Sponsoren und Kartenverkäufen erwirtschaftet. In Deutschland halten sich Sponsoren bei der Kulturförderung eher zurück. Was ist anders in der Schweiz?
In Deutschland haben sich die Menschen ­daran gewöhnt, dass der Staat für die ­Kulturförderung zuständig ist. Dabei gibt es ja viel größere und bedeutendere Firmen als in der Schweiz. Die Wirtschaft wäre sicherlich in der Lage, in die Bresche zu springen, wenn die staatlichen Gelder knapper ­werden. Die Schweizer sind es dagegen ­gewohnt, mehr Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Die Möglichkeit, Dinge zu beeinflussen, mitentscheiden zu können, ist den Schweizern sehr wichtig. Dieses ­Verantwortungsgefühl betrifft auch die ­Kultur.

www.lucernefestival.ch

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