Die Größenverhältnisse sind eindeutig: Die kleinen Ludwigsburger müssen gegen die großen Berliner ihre Nachteile durch Schnelligkeit ausgleichen. Foto: Baumann

Der Name ist nicht Programm: Die MHP Riesen sind mit 1,93 Meter im Schnitt das kleinste Team der Bundesliga. Am Dienstag treffen die Ludwigsburger Basketballer auf die Längsten der Branche – und rechnen sich gegen Alba Berlin trotzdem Außenseiterchancen aus.

Ludwigsburg - Von „Muggsy“ Bogues gibt es die verbürgte Geschichte, dass er zu einem seiner ersten Spiele in der nordamerikanischen Profiliga (NBA) für die Washington Bullets vom Sicherheitspersonal erst einmal nicht in die Halle gelassen wurde. „Du und Basketballprofi . . .“, lachten die Security-Hünen. Der Aufbauspieler war mit 1,60 Meter der kleinste Mann der NBA-Geschichte. Dem Zwerg unter den Riesen stand der Chinese Sun Ming Ming mit einer Länge von 2,39 Meter gegenüber. Selbst für die Verhältnisse in dieser Sportart sind das gigantische Dimensionen, mit denen in der NBA einst Gheorghe Muresan und Manute Bol (je 2,31 Meter) am ehesten mithalten konnten.

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Das sind Extreme, die in diesem Maße bei der Basketball-Bundesliga-Partie zwischen den MHP Riesen Ludwigsburg und Alba Berlin an diesem Dienstag (20.30 Uhr/MHP-Arena) nicht aufeinanderprallen. Aber dennoch stehen sich die kleinste Mannschaft der Liga und die größte gegenüber. Die Ludwigsburger Spieler sind im Durchschnitt 1,93 Meter groß, die Albatrosse (gleichauf mit dem FC Bayern München) 2,00 Meter. Mit Elias Harris und Jonas Wohlfarth-Bottermann sind nur zwei Riesen-Spieler über zwei Meter groß, bei den Bayern deren neun.

„Jeder Zentimeter kostet Geld“

Wird Ludwigsburgs Trainer John Patrick auf die Gründe für diese unterschiedlichen Größenverhältnisse angesprochen, antwortet er mit dem lapidaren Satz: „Jeder Zentimeter kostet Geld.“ Und Alba hat mit einem geschätzten Jahresetat von elf Millionen Euro mehr als das Doppelte an Mitteln zur Verfügung, verglichen mit den Gelb-Schwarzen aus der Barockstadt. Aber heißt es nicht manchmal auch: Weniger ist mehr? Im Basketball gilt das weder für Etatgröße noch Länge der Spieler. Denn ein geflügeltes Wort lautet: „You can’t teach height.“ Körpergröße kann man niemandem beibringen. Aber es lässt sich auch mit einer Mannschaft mit ein paar Zentimeter weniger ein Spielsystem implementieren, das gegen die Langen der Branche zündet. Patrick gelingt dies seit Jahren.

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Dem kontrollierten Spielaufbau von Teams wie Alba, den langen Angriffen mit dem Warten auf den bestmöglichen Wurf, stellt er Hochgeschwindigkeits-Basketball entgegen – und eine kraftvolle und schlaue Spielweise unterm Korb. „Wir sind schnell, wir sind flink, wir sind aggressiv. Wir stehen dem Gegner sozusagen auf den Füßen. Und so nah dran zu sein kann sehr unangenehm sein“, sagt Patricks Assistent David McCray. Schon häufig kam es in der Vergangenheit vor, dass Ludwigsburg die Favoriten mit kraftvollem und höchst intensivem Zerstören ihrer Stärken beraubte und sie damit in höchstem Maß frustrierte. Nicht nur dieses Wissen macht den Gastgebern Mut mit Blick auf eine mögliche Revanche für das verlorene Finale um die deutsche Meisterschaft im vergangenen Juni (65:88, 74:75).

Berliner Reisestrapazen

Denn die Berliner klagen über großes Verletzungspech – zuletzt fehlten Marcus Eriksson, Simone Fontecchio, Lorenz Brenneke und Ben Lammers allesamt wegen Sprunggelenksverletzungen. Erschwerend hinzu kommt die enorme Belastung durch die Auftritte auf der internationalen Bühne. Vergangenen Dienstag ging es in der Euroleague nach Mailand (55:75), am Donnerstag nach Valencia, wo Alba als erstes deutsches Team überhaupt mit 100:92 gewinnen konnte, und am Sonntag quälte sich das Team von Trainer-Routinier Aito Garcia Reneses (74) im Bundesliga-Spiel bei Medi Bayreuth zu einem 71:69. Nach dem Spiel in Ludwigsburg geht die Terminhatz gleich am Donnerstag (20 Uhr) gegen Fenerbahce Istanbul weiter.

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„Vor allem die vielen Reisen durch verschiedene Länder gehen schon gewaltig an die Substanz“, fühlt Patrick mit dem Rivalen mit. Der Riesen-Coach ist heilfroh, dass sein Team, trotz der erfolgreichsten Saison der Vereinsgeschichte und dem Gewinn der Vizemeisterschaft, in weiser Voraussicht auf die Teilnahme an der Basketball Champions League (BCL) verzichtete – aufgrund der mit der Corona-Pandemie verbundenen Probleme. Auch wenn sich Ludwigsburg (6:2 Punkte) komplett auf die Liga konzentrieren kann, ändert das für Patrick nichts an der Ausgangsposition für das Spiel gegen Alba (8:0 Punkte): „Wir sind und bleiben der Underdog.“ Und das bezieht er nicht nur auf die Größenverhältnisse in den Kadern.

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