Ausgerechnet in der Corona-Spielzeit hat die amerikanische Sängerin Rachael Wilson am Stuttgarter Opernhaus neu angefangen. Zwei Premierenabsagen musste sie schon verkraften. Wie geht sie damit um?
Stuttgart - Nun ist es schon wieder passiert, zum zweiten Mal in diesem kunstfeindlichen Jahr. Im Frühjahr sollte Rachael Wilson, die zu Beginn dieser Spielzeit von der Bayerischen Staatsoper ins Ensemble der Staatsoper Stuttgart gekommen war, in ihrem neuen Haus erstmals die Titelpartie einer Neuproduktion übernehmen. Dann kam die erste Pandemiewelle – und bedeutete im März das Aus für Antonio Vivaldis „Juditha triumphans“. Im November sollte mit der Charlotte in Jules Massenets „Werther“ die zweite große Premierenpartie folgen. Dann kam die zweite Welle mit dem zweiten Kultur-Lockdown.
Die Oper will die Premieren im Frühling nachholen. Aber zunächst ist von der Vivaldi-Oper nur ein Video übrig geblieben, das die Mezzosopranistin vor dem Vorhang im Opernhaus zeigt. Über dem Orchestergraben, alleine mit einer Mandolinenspielerin und drei Topfpflanzen, singt sie die Arie „Transit aetas“, die Vivaldi für seine starke biblische Opernheldin schrieb und deren Text klingt wie für dieses Jahr gemacht: „Das Leben vergeht, die Jahre verfliegen, und der Grund unseres Unglücks sind wir selbst.“
In Rachael Wilsons Familie gibt es – neben den Eltern, die beide bildende Künstler sind – zahlreiche Jazzmusiker, aber mit klassischer Musik hatte sich dort noch keiner näher beschäftigt. Die Siebzehnjährige sprang ins kalte Wasser: talentiert, aber naiv. Und ziemlich ahnungslos. Wenn ihre Mitstudenten über berühmte Sänger fachsimpelten, stand sie oft stumm daneben und wagte nicht zu fragen, was sie am liebsten gefragt hätte: „Wer um Himmels willen ist Maria Callas?“
Als Nobody an einer der besten Musikhochschulen der Welt
Für ihr Masterstudium bewarb sich die Sängerin an mehreren Hochschulen – auch („eher als Experiment“) an der berühmten Juilliard School in New York. Man hat sie dort angenommen, und so kam sie „als Nobody an eine der besten Hochschulen der Welt“. Über einen Wettbewerb erhielt sie danach ein Stellenangebot von der Deutschen Oper, aber die Bayerische Staatsoper kam den Berlinern zuvor, holte die damals 22-Jährige in ihr Opernstudio und zwei Jahre später ins große Opernensemble. „Da standen“, sagt Rachael Wilson, „die Türen ganz weit offen, und ich musste nur hindurchgehen.“ Und weitergehen nach Stuttgart. Viktor Schoner, der die Mezzosopranistin schon als Künstlerischer Betriebsdirektor in München gehört und geschätzte hatte, bot ihr als Intendant in seinem eigenen Haus in Stuttgart die Möglichkeit, sich auch mit größeren Rollen ihres Repertoires zu beweisen.
Nun ist Rachael Wilson ganz hier angekommen. Sie mag Stuttgart: „die vielen kreativen jungen Menschen hier“, die Topografie, die unterschiedlichen Viertel, die sie oft denken lassen, sie sei in einer viel größeren Stadt. Und, natürlich, das Opernhaus, seine familiäre Atmosphäre, seine Dimensionen, seine Offenheit. Wohltuend: „In diesem Haus geht es nicht um gesellschaftliche Repräsentation, sondern um das Nachdenken über Kunst, um Kreativität und Entdeckergeist – und ich mag das!“
Wilson träumt von Verdi, Strauss und Wagner
Als Bizets Carmen ist Rachael Wilson in Stuttgart schon aufgetreten. Und als Gräfin Malaspina in „Luci mie traditrici“ („Das ist weniger Oper als Theater mit Klang“). Aber die Charlotte in „Werther“, die sie jetzt in Stuttgart erarbeitet hat, ist ihre „absolute Traumpartie“ – noch dazu in einer Inszenierung (von Felix Rothenhäusler), die schon vor der Pandemie auf physischen Abstand, Intimität und Nähe zum Publikum setzte und das Orchester, das die Gefühle der handelnden Personen beschreibt, hinter den Sängern auf der Bühne platziert.
„Die berühmte Tränenarie“, sagt die Sängerin, „ist eine der ersten Arien, die man als Mezzosopran lernt“, und bei der Gestaltung der Charlotte sei man freier in der Gestaltung als bei bekannteren Opernpartien. Aber ein wenig fremd ist ihr deren Charakter auch. „Ich kenne nicht viele Menschen, die so streng und hart und kompromisslos mit sich selbst umgehen.“
Sie liebt Opern, die Geschichten erzählen
Jetzt denkt Rachael Wilson über neue Rollen und unbekanntes Repertoire nach, hält ihre Stimme beweglich, träumt auch ein wenig von Partien, die sie gerne mal singen würde: Octavian in Strauss’ „Rosenkavalier“, französisches Repertoire – Opern, die Geschichten erzählen und die eine so lebendige Darstellung brauchen, wie die Sängerin sie liebt; in ferner Zukunft vielleicht sogar einmal Verdi, Wagner und größere Partien von Strauss. Aber noch ist 2020. „Die Corona-Krise“, sagt sie, „zwingt uns dazu, Stücke mal in neuer Weise anzuschauen, vielleicht auch neue Zugänge zu schaffen, auf neue Weise kreativ zu sein. Und ich versuche gerade, diese Chance zu sehen. Also möglichst viele offene Türen zu entdecken – und nicht nur all die Türen wahrzunehmen, die zurzeit gerade verschlossen sind.“