Kaum zu glauben: die Mezzosopranistin, temperamentvolle Sängerin und Vollblut-Darstellerin Helene Schneiderman wird 70.
Gefühlt ist sie immer schon dagewesen und wird immer da sein. Egal, ob jetzt wieder ein runder Geburtstag an das Vergehen der Zeit erinnert. Kaum glaubliche 38 Jahre (von 1984 bis 2022) hat Helene Schneiderman auf der Bühne des Stuttgarter Opernhauses gestanden; dort hat man sie 1998 zur Kammersängerin, 2023 zum Ehrenmitglied ernannt. Sie war Bizets Carmen, Rossinis Cenerentola, Händels Giulio Cesare, Humperdincks Hänsel, Mozarts Cherubino. Und noch so viel mehr. „Ich bin die Königin der kleinen Rollen“, hat die in New Jersey geborene Mezzosopranistin einmal im Interview mit dieser Zeitung gesagt, „ich habe alles gesungen, was so über die Bühne läuft.“
Ihre Stimme ist bis heute beweglich
Sie ist aber nicht nur gelaufen. Sondern hat sich auch lasziv die Beine eingecremt, während sich neben ihr ein Mensch die Todesfurcht aus dem Leib sang (in Henzes „Prinz von Homburg“), hat uns in Jommellis „Berenike“ die Empfindungs-Untiefen einer abgelegten Geliebten spüren lassen, hat die Suzuki in Puccinis „Madama Butterfly“ mit stiller Hingabe ausgestattet.
Helene Schneiderman füllt Räume. Sie ist eine Vollblut-Darstellerin – und eine Sängerin, die ihre Stimme dank exzellenter Technik bis heute beweglich und präzise halten konnte. Das hat sie zu einer immer noch weltweit gefragten Solistin gemacht.
Dabei hat zwar ab und zu die Diva kurz hinter der Kunst hervorgelugt. Aber nie zu sehr. Helene Schneiderman ist eine Teamplayerin, die im Stuttgarter Ensemble ihre Zweitfamilie fand, jüngeren Fach-Kolleginnen gerne Ratschläge gab und zur Probe auch mal selbstgebackene Brownies mitbrachte.
Seelenton einer jüdischen Künstlerin
In der Stadtgesellschaft hat sich die zweifache Mutter ebenfalls engagiert, vor allem mit einem Thema, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: dem Respekt für andere Kulturen und Religionen. 2013 hat sie gemeinsam mit dem Pianisten Götz Payer eine CD mit jiddischen Liedern aufgenommen, bei der wir als Nachgeborene des Holocaust den (wunderschönen!) naiven Volkston kaum ertragen. Die Stimme einer jüdischen Künstlerin wird hier zum Seelenton eines tief empfindenden Menschen. Dieser trug auch den Abend, mit dem Helene Schneiderman an ihre Mutter erinnerte: Passagen aus der Autobiographie der Auschwitz-Überlebenden, durchsetzt mit Liedern und Chansons. „Aus Vernichtung und Tod kann neues Leben wachsen“, schreibt Judith Schneiderman; dieser Satz hat auch das Wesen und Wirken ihrer Tochter geprägt.
An diesem Freitag, den 15. November, feiert die temperamentvolle Sängerin ihren 70. Geburtstag.