So frech sich Lena Meyer-Landrut außerhalb der Musik gibt, so brav singt sie sich durchs Repertoire ihres Albums „Stardust“. Schade eigentlich, denn einige der Songs, die etwa Rosi Golan oder Miss Li für die Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin von 2010 geschrieben haben, sind richtig gut.

Was wird bleiben vom frühen Ruhm der Lena Meyer-Landrut? Woran wird man sich in 20 Jahren noch erinnern? An das kecke Teenager-Mädchen aus Hannover, das sich im Jahr 2010 in Oslo mit einem ­ulkigen britischen Akzent zum Song ­„Satellite“ vergnügt im Kreis drehte – und 28 Jahre nach Nicole die erste war, die für Deutschland den Eurovision Song Contest gewann? Wird sie als die ­Zicke in Erinnerung bleiben, die sie seither gerne gespielt hat und als die sie Frank Elstner in einem denkwürdigen grob-arroganten Interview auflaufen ließ? Oder wird sich gar keiner mehr an den Namen Lena Meyer-Landrut erinnern?

Eine Ahnung von Vergänglichkeit scheint das neue Album der inzwischen 21-Jährigen zwar zu haben. Schließlich beschreibt „Stardust“ das Glitzern, das übrig bleibt, wenn Sterne vergehen. Doch der Titelsong erweist sich dann doch als unternehmungslustig aufstampfender Gassenhauer, der selig ­glühend vom unendlichen Spaß träumt und davon, den Mond einzufangen.

Die Lieder tragen nach wie vor die Handschrift anderer.

Die Single „Stardust“ betört mit sanftem Pathos, wehmütigen Harmonien und einem großartigen hymnischen Finale. Der Song hätte das Zeug dazu, ein Indiepop-Klassiker zu werden – wenn Lena Meyer Landrut ihn nicht so lieblos absingen würde. Denn nachdem sie sich nicht mehr als Kate-Nash-Imitatorin verdingt und den falschen Cockney-Akzent abgelegt hat, hat ihr Gesang leider auch jede Eigentümlichkeit verloren. Viele Lieder auf dem Album sind jedoch so gut, dass meistens gar nicht auffällt, wie wenig Ausdruck, wie wenig Timbre Meyer-Landrut den raffinierten Songinszenierungen entgegenzusetzen hat, die mal lustig twisten („Neon“, „Bliss Bliss“), mal opulenter Popentwurf („I’m Black“), mal intimes Kammerspiel („Goosebumps“) sind. Zwar möchte einem die Plattenfirma gerne weismachen, dass „Stardust“ Lena Meyer-Landruts persönlichstes Album ist, dass sie sich auf der Platte von niemanden hat hereinreden lassen. Doch ihre eigene Stimme hat sie auf der Platte trotzdem noch nicht gefunden – auch wenn sie nun bei einigen der Songs als ­Co-Autorin genannt wird. Sie darf nun in eigenen Worten von romantisch-faulen Tagen zu Hause, vom Nimmersattsein oder vom Gänsehautkriegen erzählen.

Das macht Lena Meyer-Landrut aber noch lange nicht zur Songwriterin. Die Lieder tragen nach wie vor die Handschrift anderer. Die besten stammen von Rosi Golan („Stardust“), John McDaid („Don’t ­Panic“) oder Ian Dench und Martin Sutton („Better News“). Und vor allem die unerhört kreative Linda Carlsson – besser bekannt als Miss Li – prägt den Ton des Albums.

Miss Li, war einst das Mädchen, das kieksend im Fahrstuhl „Oh Boy“ sang, im überkandidelten „Bourgeois Shangri-La“ den Shoppingwahn in Suburbia verulkte und prompt von Apple engagiert wurde, mit dieser Nummer für den iPod Nano Reklame zu machen. Jetzt hat sie mit und für Lena Meyer-Landrut Lieder wie die niedliche Ballade „Day To Stay“ oder „Mr. Arrow Key“ geschrieben, das exaltiert Ragtime, Chanson und Pop zusammenbringt.

Nummern, die noch besser wären, wenn sie nicht Lena Meyer-Landrut singen würde, sondern Kate Nash, Lykke Li, Marina Diamandis, Florence Welch – oder Miss Li selbst. Das führt die Nummer „ASAP“ vor, die erst dann richtig aufregend wird als in der zweiten Strophe mal nicht Lena sondern Miss Li singt. Und auf einmal beginnt der Song tatsächlich so wunderschön zu strahlen und zu glitzern, als ob man ihn in Sternenstaub getunkt hätte.