Wie kann eine inklusive Community wie die Techno-Szene zum Schauplatz von Machtmissbrauch und Bro Culture werden? Alyne Reusch, Jenny Müller aka Kiti Arsa und Linda Crvadiku liefern Antworten. Foto: Press, Anthony Curri (Mi.)

Sexismus und Machtmissbrauch: Hinter der Fassade von Inklusion und Awareness kämpft die Techno-Szene mit toxischen Strukturen. Insiderinnen fordern jetzt harte Konsequenzen.

Es ist noch nicht lange her, dass die Vorwürfe eines ehemaligen Agenturmitarbeiters gegen die französische Booking-Agentur „Steer Management“ und einige dort unter Vertrag stehende DJs für Aufruhr in der Szene sorgten. Es ging um sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch und das Gefügigmachen durch Drogen. Mit Posts unter dem Instagram-Account @brandnolimit brachte der Ex-Agenturmitarbeiter einen Ball ins Rollen. Immer mehr Akteurinnen aus dem Nachtleben – DJs, Gästinnen, Veranstalterinnen – fingen an, ihre Erlebnisse in der Techno-Szene zu teilen. Sie handeln von Sexismus, Übergriffigkeit, Machtmissbrauch, patriarchale Strukturen und mehr.

 

Nach Rock, Punk, HipHop und vielen anderen Musikszenen erlebt nun auch Techno, die Sparte, die sich stets Awareness, Consent, Diversität und respektvollen Umgang miteinander auf die Fahnen geschrieben hatte, eine Art #metoo-Skandal. Wie konnten in einer aus der offenen, inklusiven Subkultur gewachsenen Szene Strukturen entstehen, die Machtmissbrauch begünstigen? Hat auch die Techno-Szene ein Bro-Culture-Problem?

„Ja“, sagt Jenny Müller, die als DJ Kiti Arsa seit neun Jahren auflegt. Einer macht was, zwei lachen mit, zehn andere schauen weg. Die Solidarität liegt in erster Linie beim ‚Bro‘. Szenen wie diese hat die Stuttgarterin schon oft genug erlebt. „Leute fassen mir einfach ins DJ-Pult, gehen an mein Equipment, wahren keinen Abstand, fassen mich beim Tanzen an.“ Übergriffiges Verhalten beginnt schon bei kleinen Grenzverletzungen wie diesen. „Ich kenne keine weibliche Person, die noch keine Übergriffigkeiten im Nachtleben erlebt hat“, sagt Müller. Und das immer wieder mit wenigen oder gar keinen Konsequenzen, schon gar nicht aus den eigenen Reihen.

Bro Culture: Speichellecken unter Männern

Genau da liegt das Problem. Wer Verantwortung von sich schiebt, nicht agiert, wenn Machtmissbrauch passiert und für seinen männlichen Kollegen ein oder zwei Augen zudrückt, kreiert ein Klima der Billigung übergriffigen Verhaltens und ein Netzwerk der gegenseitigen Abhängigkeit. Speichellecken unter Männern, Frauen gehören nicht zum Club. Betroffen von dieser sozialen Dynamik, die sich in männerdominierten Branchen wie dem Tech-Sektor entwickelt und unter dem Begriff Bro Culture läuft, sind dabei nicht nur die großen Bühnen, nicht nur die großen DJs. Auch im Lokalen, wo Vitamin B eine große Rolle spielt, finden sich solche Dynamiken, weiß Müller. Vor allem in ihren Anfangsjahren habe sie mit Vorurteilen, fehlendem Respekt und gläsernen Decken zu kämpfen gehabt. „Natürlich sind nicht alle Männer in der Branche Teil dieser Dynamik – da ist sie trotzdem.“

Wie konnte sie Einzug in die Techno-Szene finden? „Die Szene wurde schnell größer und kommerzieller. Dadurch kamen viele neue Menschen hinzu, die ganz andere Werte mitgebracht haben, als es in der Szene vorher üblich gewesen ist“, erklärt die Stuttgarter DJ. Ihre DJ-Kollegin Alyne Reusch, die seit zehn Jahren auflegt, pflichtet ihr bei: „Die Techno-Szene hat sich in den letzten Jahren zu Mainstream entwickelt, in dem inzwischen auch Geld eine Rolle spielt. Und wo Fame und Mainstream entstehen, entsteht auch ein Machtgefälle.“ Das wiederum kann von Menschen ausgenutzt werden.

Techno ist im Hintergrund oft männlich dominiert

Die natürlichen Feinde der Bro Culture sind Durchmischung, Inklusion, Diversität. Und was die Repräsentation von Frauen am DJ-Pult angeht, hat sich in den letzten Jahren im Techno viel getan. Doch die Strippenzieher-Positionen sind häufig noch immer männlich besetzt. „Veranstalter, Veranstaltungspromoter, Manager, Booker, Clubbesitzer, …“, nennt Reusch als Beispiele. Hinter den Kulissen herrschen über Jahrzehnte gewachsene Strukturen, in denen sich Männer gegenseitig schützen. Und damit sind nicht nur die DJs gemeint. „In der Techno-Szene gibt es verschiedene Beziehungen, in denen ein Machtgefälle herrscht, sei es zwischen DJs und Gästen, Türstehern und Gästen oder DJs und Veranstaltern“, gibt Jenny Müller zu bedenken.

Machtgefälle, die man ausnutzen kann, bestehen nicht nur zwischen DJs und Fans, sondern auch zwischen Gästen und Türstehern, Agenturen und Veranstaltern, Residents und Newbies und mehr. Foto: IMAGO/YAY Images/IMAGO/Kzenon

„Meiner Meinung nach sind daher alle in der Verantwortung – nicht nur die DJs selbst, sondern Veranstalter, Booker, Manager, Agenturen und Co.“, betont Reusch. Immerhin gäbe es ein kollektives Interesse der Szene daran, dass solche Vorfälle minimiert werden. „Ein großer Teil der Szene besteht immer noch aus lokalen Communities, Flinta*-Kollektiven oder alternativen Konzepten, das darf man nicht vergessen“, findet die Stuttgarter DJ.

Das Selbstbewusstsein, sich zur Wehr zu setzen, haben viele aber nicht einfach so. „Ich habe erst mit der Zeit gelernt, etwas zu sagen und meiner Stimme Raum zu geben“, sagt Jenny Müller. Doch nun ist sie in ihrem Handeln umso bestimmter. Erst vor Kurzem habe sie einen Mann aus dem Club entfernen lassen, der ihr mehrfach an den Hintern getatscht hatte. Wenn es sein muss, mischt sich die DJ auch in die Angelegenheiten fremder Partygäste ein und sorgt dafür, dass unangebrachtes Verhalten Konsequenzen hat, sagt sie. „Durch solche Erlebnisse schaffen wir Awareness und können uns gegenseitig bestärken, richtig zu reagieren.“

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Rückenwind bekommt sie dabei von Linda Crvadiku, ihrer Agentin von der Agentur 0711. Crvadiku kennt die Szene selbst aus ihren Zeiten als DJ. Mit übergriffigem, manipulativem Verhalten und Sexismus seitens männlicher Kollegen hatten sie und ihre damalige DJ-Kollegin Daniela schon vor Jahrzehnten zu tun. Unterbuttern ließen sich die Frauen davon nicht. „Wir waren beide immer sehr laut, wenn etwas vorgefallen ist“, erinnert sich Crvadiku. „Und das sage ich den Künstlerinnen, die ich jetzt betreue, auch immer: ‚Ihr müsst laut sein und direkt handeln, wenn jemand übergriffig wird.‘ Es ist wichtig klarzustellen, dass es nicht in Ordnung ist, was gerade passiert.“

Die Lösung gegen Machtmissbrauch: Hausregeln vertraglich festhalten

Aus ihrer Perspektive gibt es neben der Sensibilisierung der Gemeinschaft einen weiteren Kontrollmechanismus, den man nutzen könnte, wenn man ernsthaft daran interessiert wäre, Clubs und Festivals sicherer zu machen: den Vertrag zwischen Künstler und Veranstalter. Die Agentin schlägt vor, schon darin entsprechende Klauseln einzufügen, die Künstler zur verbindlichen Zustimmung zu klar definierten Hausregeln und sogenannten Safe-Space-Regeln verpflichten. Und zwar in allen vom Veranstalter organisierten Bereichen, einschließlich Stage, Backstage und Transportwegen bis zur Hotelunterkunft. „Aus meiner Sicht sollten diese Bedingungen auch Bestandteil der Sicherheitskonzepte sein. Es kann nicht angehen, dass aufgrund des Fehlverhaltens einzelner Akteure die gesamte Szene in Verruf gerät“, macht die Expertin klar.

Denn wenn man Menschen nicht an ihrer Moral packen kann, packe man sie am besten an ihrem Geld, so Crvadiku. „Bei Verstoß sollte es neben rechtlichen Konsequenzen auch direkte Folgen wie den Entzug der Gage nach sich ziehen“, schlägt sie vor. „Ein paar Postings auf Social Media in Bezug auf die Safe-Space-Regeln und Awareness-Teams allein – die in Backstagebereichen selten anzutreffen sind – reichen offensichtlich nicht aus. Ein Code of Conduct ist mittlerweile Standard in jedem Arbeitsvertrag – und muss auch in diesem Bereich dringend verbindlich eingeführt werden.“

Wer es ernst meint und sein Event möglichst sicher für alle gestalten möchte, habe keinen Grund, einen solchen Vertrag abzulehnen. „Das wäre der erste Schritt zu einer professionellen Sensibilisierung“, sagt Linda Crvadiku.

Dieser Text erschien erstmals am 4. April 2026 und wurde am 7. April 2026 aktualisiert.

Flinta*
Sammelbegriff für Personen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchaler Diskriminierung ausgesetzt sind. Steht für Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen.