Die Autorin und Regionalrätin Heike Schiller. Foto: hs

Frauen sollten nicht zum zweiten Mal zu Opfern werden. Dies fordert die grüne Regionalrätin und Autorin Heike Schiller in der MeToo-Debatte um Dieter Wedel. 1999 hatte der Regisseur wegen ihr das „Nachtcafé“ verlassen.

Stuttgart - In der Debatte über sexuelle Übergriffe hat die Stuttgarter Autorin Heike Schiller Schauspielerinnen verteidigt, denen man vorwirft, so spät ihre Anschuldigung gegen Regisseur Dieter Wedel vorgebracht zu haben, so dass sie nicht mehr strafrechtlich relevant sind. „Dies zeigt nur, dass Frauen immer noch meist die Schuld bei sich suchen, wenn so etwas passiert“, sagte die grüne Regionalrätin gegenüber unserer Zeitung und prangert an, dass es „noch immer die gesellschaftliche Übereinkunft“ gebe, wonach sich „Frauen nicht so haben sollten“. Sie warnt davor, „die Betroffenen zum zweiten Mal zu Opfern zu machen“.

Backes rief Wedel hinterher: „Schönen Gruß an die Familie“

Heike Schiller, Mitglied in der Regionalversammlung seit der ersten Stunde, hat selbst unschöne Erfahrungen mit Wedel gemacht – im Jahr 1999 als Gast im „Nachtcafé“ bei Wieland Backes im SWR-Fernsehen. Die Sendung mit dem Titel „Wie viel Freiheit verträgt die Liebe?“ ging in die Geschichte der Talkreihe ein. Wutentbrannt verließ der Regisseur nach acht Minuten die Sendung, weil er sich von der Autorin provoziert fühlte. Sie hatte ihm vorgehalten, er habe seine „hormonellen Geschichten“ nicht unter Kontrolle und meine, „Mädchen, die halb so alt sind wie er, in Mallorca am Strand umlegen zu müssen“. Verärgert sprang der heute 75-Jährige auf und sagte: „Wenn diese Talkshow auf diesem Niveau ist, dann muss ich leider gehen, ich habe nicht gewusst, dass Sie hier die Privaten, über die Sie sich in den öffentlich-rechtlichen Sendungen beklagen, in dieser Weise nachmachen. Auf Wiedersehen. Ich möchte hier nicht bleiben.“ Sehr schön war, was Moderator Backes ihm hinterherrief: „Schönen Gruß an die Familie.“

Backes bewies 2014 Männersolidarität

Heike Schiller erinnert sich an die Post, die sie nach der Sendung bekam: „Unter anderem haben mir zwei Schauspielerinnen geschrieben, die sich darüber freuten, dass mal jemand öffentlich etwas zu den von Wedel stolz vor sich her getragenen Frauengeschichten gesagt hat. Sinngemäß meinten sie, er sei tatsächlich oft zudringlich geworden, und getroffene Hunde bellten halt.“

Wieland Backes bewies Männersolidarität, als er in seine Abschiedssendung im Dezember 2014 nur Dieter Wedel einlud, um über dessen damalige Flucht aus der Sendung wegen einer Lesbe zu reden, nicht aber Heike Schiller. Der Regisseur tat Buße und räumte ein, damals „unendlich humorlos herausgestapft“ zu sein. Flugs habe er unmittelbar danach seine PR-Beraterin gefeuert, weil sie ihm nicht verraten hatte, dass es im „Nachtcafé“ um „Seitensprünge“ gegangen war. Obendrein beschrieb der heute im Zuge der Metoo-Debatte scharf Kritisierte sein eigenes Wunsch-Happy-End: „Ich möchte als 104-Jähriger vom 30-jährigen Ehemann meiner Geliebten erschossen werden.“

Dass Wieland Backes zu seinem Abschied nur Dieter Wedel einlud und nicht sie, hat Heike Schiller nicht verärgert, wie sie heute sagt: „Ich erinnere mich aber, es doof gefunden zu haben, diesem Kerl noch mal eine Plattform zu geben.“ Der Moderator habe den Regisseur wohl „als Wiedergutmachung für Jahre zuvor erlittene Schmach“ in seiner letzten Sendung 2014 entschädigen wollen.

Man dürfe die Schauspielerinnen nicht zu „Feiglingen“ machen

Dass sich nun die Diskussion darum dreht, ob die Schauspielerinnen nicht schon früher den Regisseur wegen sexueller Übergriffe angezeigt hätten, ist für die Regionalrätin „auch ein Zeichen“. Wenn man sie dafür kritisiert, dass sie erst jetzt mit der Wahrheit herausrückten, zu spät für eine Anklage vor Gericht, sei dies „perfide“, findet die Texterin und Fotografin: „Jetzt macht man die Schauspielerinnen auch noch zu Feiglingen. Dies geht gar nicht.“

Der Grundsatz der Unschuldsvermutung, versichert Heike Schiller, müsse auch im Fall von Dieter Wedel gelten. Dennoch sagt die Grüne, dass sie ihm die Vorwürfe sexueller Übergriffe „sehr wohl zutraut“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: