Ein Drogenabhängiger trinkt eine Dosis Methadon Foto: dpa

Das beste Mittel gegen Drogen ist die Abgabe von Ersatzstoffen – doch für die Mediziner birgt das Risiken.

Stuttgart - Vor der Praxis von Andreas Zsolnai im Stuttgarter Westen steht ein Dutzend Menschen Schlange. Der Andrang an diesem Morgen ist groß wie immer. Auf dem Tisch neben der Arzthelferin, die die Daten der Patienten notiert, steht ein 50 Zentimeter hoher Glaswürfel. Darin befindet sich eine Plastikflasche auf einer elektronischen Waage – 3702 Gramm zeigt das Display.

Ein Computer dosiert den Flascheninhalt auf den Milliliter genau. Die Flüssigkeit tropft in eine weiße Plastiktasse,wird mit Tee verdünnt und an die Patienten ausgegeben. Sie wirken erleichtert, wenn sie den Becher wieder auf den Tresen stellen. In den Tassen befindet sich ihre tägliche Dosis Methadon – die Ersatzdroge für Heroin.

137 Menschen sind im vergangenen Jahr im Südwesten an den Folgen ihrer Drogensucht gestorben. Das sind 31 weniger als im Vorjahr. Im Jahr 2000 lag die Zahl bei 287. Viele Opfer stammen aus ländlichen Gebieten. Der Ostalbkreis verzeichnete 18 Drogentote – die meisten in Baden-Württemberg.

Keine offene Drogenszene in Stuttgart

„In Stuttgart gibt es heute keine offene Drogenszene mehr“, sagt Uwe Collmar. Er ist der Chef von vier Sozialarbeitern der Drogenberatung Release, die in der Praxis im Westen arbeiten. Der Großteil der Heroinsüchtigen in der Landeshauptstadt bekommt Ersatzstoffe wie Methadon. „Dadurch entfällt der Zwang, Drogen auf dem Schwarzmarkt zu kaufen“, sagt Collmar, „und ohne diesen Druck gibt es kaum noch Beschaffungskriminalität.“ Eine weiterer Effekt der Drogensubstitution: Im Stuttgarter Stadtgebiet sind im vergangenen Jahr nur sieben Drogentote gezählt worden.

„Eigentlich wollte ich in den ­Umweltschutz“, erzählt der Sozialarbeiter. Doch dann wurde sein Bruder heroinabhängig. „Ich dachte, dass man vieles in der ­Drogentherapie besser machen kann, als ich es damals gesehen habe.“ Seit elf Jahren arbeitet er mit Schwerstabhängigen. „Gegen die zerstörerischen Folgen von Heroin ­vorzugehen, das gebietet die Menschlichkeit“, sagt er.

Im hinteren Bereich der Praxis steht ein Regal. „Das ist unsere Tauschbörse. Hier können sich die Patienten mit Klamotten versorgen“, sagt er und fügt hinzu: „Babykleidung ist besonders gefragt.“ Vor dem Regal steht ein runder Tisch mit schwarzer Decke. Darauf liegt ein Buch. Auf der rechten Seite klebt das Foto einer jungen Frau. „Das war eine unserer Patientinnen“, sagt Collmar, „sie ist an Heiligabend beim Besuch bei ihren Eltern in Bayern gestorben.“ Andere Patienten haben ihre Trauer neben dem Foto in Worte gefasst.

Andreas Zsolnai kommt in das Büro von Uwe Collmar, lässt sich erschöpft in einen Sessel fallen und atmet tief durch. „Eine 35-Stunden-Schicht in der Klinik ist ein Witz gegen vier Stunden hier.“ Es ist Mittag. Der Mediziner hat gerade 30 Minuten mit einem Süchtigen gesprochen, mit dem er diese Woche bereits fünf intensive Gespräche geführt hat. Am Nachmittag wird er sich erneut mit dem Patienten zusammensetzen. „Der hat mir gerade seinen Arm gezeigt. Mindestens 60 Einstiche hat er da.“

Für die Arbeit mit diesem Patienten bekommt Zsolnai 35 Euro pro Quartal. „Dasselbe bekommt ein normaler Hausarzt, der alle drei Monate ein Schnupfenmittel verschreibt und den Patienten sonst nie sieht.“

Guter Ärzte-Nachwuchs ist schwer zu finden

Die intensive Arbeit mit den Suchtkranken lohnt sich für den Arzt finanziell nicht. Die schlechte Bezahlung, der Stress, die Klientel, das alles sind Gründe, warum es so schwer ist, guten Nachwuchs zu bekommen. Immer mehr Ärzte in der Suchttherapie geben ihre Praxen auf. „Ich mache Minus“, sagt Zsolnai, „das Defizit füllt Gott sei Dank die Stadt auf.“ Dass die Methadontherapie in Stuttgart gefördert wird, ist für Zsolnai der wesentliche Grund, warum die Stadt besser dasteht als viele andere Gemeinden.

„Wenn man diesen Job nach Vorschrift macht, kann man seinen Patienten kaum helfen“, sagt der Mediziner. Die rechtlichen Probleme in seinem Beruf sind ein weiterer Grund, warum kaum ein Arzt in der Substitution arbeiten will. „Andere Ärzte riskieren vielleicht ihre Zulassung. Ich riskiere täglich einen Besuch vom Staatsanwalt.“

„Ich erzähle Ihnen einen fiktiven Fall, ­damit Sie verstehen, in welcher Zwickmühle wir Ärzte oft stecken“, beginnt er. „Sagen wir, zu mir käme ein Patient, der bereits Drogen konsumiert hat.“ Nach ­geltendem Recht, darf kein Arzt an diesen Süchtigen Ersatzdrogen abgeben. ­Sogenannter Beikonsum ist in der Methadontherapie verboten. „Was aber, wenn ich befürchten müsste, dass dieser Patient Selbstmord begeht oder ich mir sicher wäre, dass der sich auf dem Schwarzmarkt andere Drogen besorgt, wenn ich ihm kein Methadon gebe?“ Geht der Arzt auf Nummer ­sicher und verweigert die Ersatzdroge, ­riskiert er unter Umständen das Leben des Patienten. Gibt er Methadon ab, verstößt er sicher gegen das ­Betäubungsmittelgesetz.

Wenn ein Süchtiger mit der Methadonbehandlung beginnt, muss er täglich in die Praxis kommen. Nur dort bekommt er die Ersatzdroge. Den Becher muss er sofort leer trinken. Jeden dieser Besuche kann Zsolnai mit fünf Euro bei der Kasse abrechnen. Werden die Patienten stabiler, können sie Methadon für ein paar Tage mit nach Hause nehmen. „Das ermöglicht ihnen, wieder einen Job aufzunehmen“, erklärt der Mediziner.

Finanzielle Hürden

Ein solcher Erfolg ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Doch diese Arbeit wird finanziell bestraft. Kommen die Patienten nur einmal die Woche, kann Zsolnai auch nur diesen einen Besuch bei der Kasse abrechnen. „Wir fordern seit Jahren eine Take-home-Ziffer“, sagt er. Das würde bedeuten, er könnte nach der abgegebenen Dosis Methadon und nicht nach der Zahl der Besuche abrechnen. „Die aktuelle Praxis ist widersinnig.“

Ihre Arbeit wollen Collmar und Zsolnai auf alle Fälle weiterführen. Trotz aller Probleme. „Wir hoffen, dass wir Ende des Jahres unsere nächste Praxis in der Kriegsbergstraße eröffnen können“, sagt der Mediziner. Dort soll dann Heroin als Medikament eingesetzt werden. „Da wollen wir die richtig akuten Fälle behandeln und uns hier weiterhin um unsere Stammgäste kümmern.“

Zsolnai: „Die Finanzierung hat die Stadt schon grob durchgewunken.“ Die Ärzte, die er dort beschäftigen will, kann er angemessen bezahlen – eine Ausnahme, wie er sagt. „In Leonberg löst gerade ein Kollege mit 160 Patienten seine Praxis auf. Der konnte finanziell nicht überleben.“ Wo diese Methadonpatienten jetzt ihre Ersatzdrogen herbekommen sollen, weiß niemand. „In der Region sind fast alle Therapieplätze belegt“, sagt Uwe Collmar, „viele von denen werden sich ihren Stoff also wieder auf der Straße besorgen müssen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: