Ein ganz normaler Abend im Schwarzen Keiler in Stuttgart Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Beim Metal Karaoke Massacre wird die Stuttgarter Kneipe Schwarzer Keiler zur lauten, aber erstaunlich herzlichen Mitsingzone für Hardrock- und Heavy-Metal-Fans.

Eben noch ist der Mann, der sich Bergi nennt, ganz schüchtern auf die Bühne gekommen. Doch als er beim Refrain von „Hail and Kill“ von Manowar angekommen ist, reckt er die Faust in die Höhe und heizt dem Publikum ein. Während Che, der „Blut im Auge“ von Equilibrium interpretiert, selbst wie ein Rockstar aussieht, hört sich Sandra bei Bon Jovis „These Days“ fast so an wie einer. Und Tom, der sich „Persecution Mania“ von Sodom für seine Bühnenshow ausgesucht hat, trägt nicht nur eine Zottelperücke, sondern hat sich auch eine aufblasbare Gitarre umgehängt, die er im Songfinale vergeblich zu zertrümmern versucht: Willkommen beim Metal Karaoke Massacre in der Stuttgarter Heavy-Metal-Kneipe Schwarzer Keiler.

 

Bei dieser Partyreihe wird mal mehr, mal weniger hemmungslos zu Songs von Linkin Park, Slipknot, Marilyn Manson, Black Sabbath oder Iron Maiden geflüstert, gegrölt, gegrunzt, gekreischt – und erstaunlich oft richtig gut gesungen. Hinter der Idee stecken Elmar Jäger und Pierre Seidel. Jäger ist der Live-DJ, Seidel der Moderator. Er nimmt den Gästen die Angst, auf die Bühne zu kommen, und feuert sie an, als ob sie nicht Lari, Chrissi oder Wolfgang, sondern Ozzy Osbourne, Doro Pesch oder Bruce Dickinson heißen würden. Dass er eigentlich gar kein richtiger Hardcore-Metalhead ist („Ich bin im Herzen ein alter Punkrocker“) und früher nichts mit Karaoke anfangen konnte, merkt man Seidel kein bisschen an.

Los ging es mit „Wild Child“ von W.A.S.P.

„Ich fand vor allem die Art, wie Karaoke-Partys normalerweise ablaufen, doof“, sagt er. Sein Eindruck: In Karaokebars blitzt und glitzert alles, in einer Ecke singt irgendjemand die immergleichen Popsongs, die anderen sitzen gelangweilt herum und hören gar nicht zu. Auch die Musikdateien hätten dort meist eine so schlechte Qualität, „dass das Publikum nicht wirklich abgeholt wird“, glaubt er.

Seidel und Jäger kommen beide aus dem Veranstaltungssektor. Als sie vor drei Jahren bei einem Feierabendbier zusammensaßen, kam ihnen die Schnapsidee, es selbst besser zu machen: Karaoke als Mitmachformat, bei dem alle, die sich trauen zu singen, gefeiert werden und sich jeder und jede wohlfühlen kann. Seidel erinnert sich, dass er beim ersten Test auf einer Holzkiste „Wild Child“ von W.A.S.P. gesungen hat. Ein halbes Jahr später, Anfang 2023, fand dann die erste Party statt – und sofort war der Schwarze Keiler voll.

Kein Ort für „Atemlos“ oder „Mamma Mia“

Schnell wurde das Metal Karaoke Massacre zum Erfolgskonzept. Diesen Sommer war die Partyreihe bereits zum zweiten Mal beim Wacken Open Air dabei. Und jetzt geht die Show sogar auf Tour: „Drei Städte, die Nächte, null Ausreden“, heißt der Slogan für die Partys am 27.11. in Stuttgart, am 28.11. in Karlsruhe und am 29.11. in Heilbronn. Wer beim Metal Karaoke Massacre auf die Bühne will, muss sich inzwischen rechtzeitig auf die digitale Liste eintragen; sonst wird’s nichts mit den paar Minuten im Scheinwerferlicht. Höchstens 40 bis 60 Performerinnen und Performer schaffen es pro Abend auf die Bühne. Mehr ist in vier Stunden nicht drin.

Pierre Seidel ist beim Metal Karaoke Massacre für die Moderation zuständig. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Metal Karaoke Massacre hat dafür eine spezielle Software entwickelt, mit der sich die Partygäste Songs aussuchen und in die Warteliste eintragen können. Die rund 300 Lieder, aus denen sie inzwischen wählen können, wurden aufwendig bearbeitet: Es handelt sich um die Originaltracks, bei denen mithilfe von KI die Gesangsspur entfernt wurde. „Vor fünf Jahren hätte man das technisch noch gar nicht machen können“, sagt Seidel, der bei der Auswahl des Repertoires nicht allzu dogmatisch ist. Hier finden sich nicht nur Songs von Cannibal Corpse, Metallica oder Slayer, sondern auch von My Chemical Romance, Billy Idol oder Foreigner. Wer sich allerdings Wolfgang Petry oder Falco wünscht, ist hier am falschen Ort.

Mit High Heels und Metal-Shirt

Während bei klassischen Karaoke-Partys die beliebtesten Mitsingsongs „Atemlos“, „Sweet Caroline“ oder „Mamma Mia“ heißen, ist hier der meistgewünschte Song „Bring Me to Life“ von Evanescence. Und wer glaubt, Metal sei Männersache, war noch nie bei der Party im Schwarzen Keiler. Die Zahl der Frauen, die sich auf die Bühne wagen, wird von Mal zu Mal größer. „Es war von Anfang an unsere Hoffnung, dass sich herumspricht, dass das ein Safe Space ist“, sagt Seidel.

Elmar Jäger kümmert sich um die Songs. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Und das Tolle an der Party ist sowieso, dass man nie weiß, was auf der Bühne passieren wird – und dass man den Menschen, die dort auftreten, ihr Potenzial oft gar nicht ansieht. Seidel erinnert sich an eine junge Frau, die Metallicas „Nothing Else Matters“ so eigenwillig performt hat, dass es im Laden ganz still wurde. Oder an eine trans Person, die in High Heels und Metal-Shirt auf die Bühne kam und verblüffend intensiv „Mother“ von Danzig interpretierte. Oder an einen Typen im dreiteiligen Anzug, der ohne eine Miene zu verziehen „Black Sabbath“ von Black Sabbath gesungen hat. „Mittlerweile bin ich durch und durch Karaoke-Fan“, sagt Seidel.

Partys in Stuttgart, Karlsruhe und Heilbronn

Metal Karaoke Massacre: Die nächsten Termine sind am 27.11. im Schwarzen Keiler in Stuttgart, am 28.11. im Club Die Stadtmitte in Karlsruhe und am 29.11. im Freien Kulturzentrum Maschinenfabrik in Heilbronn. Infos gibt es hier.