Als Sänger der US-Metal-Band Queensryche wurde Geoff Tate berühmt, nach deren Erfolgsalbum er seine neue Gruppe benannt hat – Operation: Mindcrime. Foto: Frontier Record

Als Sänger der US-Band Queensryche wurde Geoff Tate zur Ikone. Nun hat der gebürtige Stuttgarter mit Operation: Mindcrime seine eigene Band gegründet. Beim Ortstermin im Breisgau möchte er trotzdem lieber über Wein reden – eine Begegnung.

Eichstetten - „Ach, der Wein“, sagt Geoff Tate, schaut verträumt über die Weinberge, den Hang hinauf, und zupft sich eine Traube von der Rebe. „Jahrhunderte schon hat der Wein die Kulturen zu großen Taten inspiriert.“ Dann muss er ­lachen: „Na ja – oder eben auch auf ziemlich doofe Ideen gebracht, es kommt ja auch immer darauf an, wie viel man davon trinkt.“ Rockstars können ja von Berufs wegen viele Lieder singen – das vom Alkohol aber kennen sie alle. Und Tate ist ein Rockstar.

Fast 30 Jahre lang war er die Stimme und der Frontmann der stilbildenden US-Progressiv-Metal-Band Queensryche: Millionen verkaufter Alben, unzählige Nachahmer, ein Albumklassiker mit Operation: Mindcrime, ein Welthit mit „Silent Lucidity“; und mit Q-Prime teilte man sich einst auch das Management mit AC/DC, ­Metallica, Def Leppard oder den Red Hot Chili Peppers.

Allein seine glasklare Stimme würde als Reisedokument ausreichen, so einzigartig klingt sie. Den großen Wurf zur Arena-Band schafften Queensryche nie, denn es kam viel mieser: Erst der Karriere- und Kreativknick Mitte der 1990er Jahre, und vor drei Jahren trennte sich der Ausnahmesänger dann nach hässlichen Streitereien von Queensryche.

Auf dem Album sind ein paar der stärksten Stücke, die Queensryche nie hatten

Einige Gerichtstermine und viel schmutzige Wäsche später hat der gebürtige Stuttgarter mit Operation: Mindcrime nun seine eigene Band. Stilecht benannt nach dem Queensryche-Erfolgsalbum aus dem Jahr 1988. An diesem Freitag ist das erste Album „The Key“ erscheinen, und es klingt tatsächlich wie Queensryche – nur eben durch Tates Augen.

Die Platte ist Teil eins einer Trilogie und einer inhaltlich abgeschlossenen ­Geschichte. Doch auch ohne theoretischen Überbau funktioniert das Album prächtig. Mit „Re-Inventing­ The Future“, „Ready To Fly“ oder „Life or Death?“ sind gar ein paar der stärksten Stücke enthalten, die Queensryche nie im Angebot hatten. „Burn“ erinnert fast an Soundgarden oder Tool. Und wenn’s hart auf hart kommt, dann greift Tate auch mal selbst zum ­Saxofon. Wahnwitzig: Seine Ex-Band wird im ­Oktober ihre Platte „Condition Hüman“ veröffentlichen.

Doch es ist nicht die Musik, die Geoff ­Tate ins mit knapp 3500 Einwohnern recht ­beschauliche Eichstetten am Kaiserstuhl führt, sondern der Wein. Er besucht übers Wochenende das Weingut von Friedhelm Rinklin und lässt sich bei der Gelegenheit gleich in die Kunst des Bioweinbaus einführen. Denn davon versteht die Familie Rinklin sehr viel, schließlich betreibt sie hier bereits seit den 1950er Jahren ökologischen Anbau. Als 1971 mehrere Landwirte das Gütesiegel beziehungsweise die Marke Bioland ins Leben riefen, saßen die Rinklins ebenfalls am Tisch.

Tates Weinmarke heißt „Insania“

Tates Interesse wiederum ist nicht nur groß, weil seine Ehefrau Susan über mehrere Ecken mit den Rinklins verwandt ist oder weil er selbst gerne ein gutes Gläschen trinkt: Zu Hause im US-Staat Washington, im Columbia Valley, baut er selbst Wein an – „Insania“ heißt seine Marke.

„Meine Winzerkarriere begann, als ich 14 Jahre alt war“, sagt Tate und lacht. „Um ein weiteres Abzeichen bei den Pfandfindern zu verdienen, sollten wir etwas zum Trinken herstellen und vermarkten. Ich entschied mich für Wein aus Löwenzahn. Meine Oma hatte eine große Wiese davon hinter dem Haus und ein Buch, in dem stand, wie das alles überhaupt geht.“ Tate schmunzelt: „Die Kritiken waren umwerfend. Ich befürchte allerdings, dass meine Familie damals in erster Linie freundlich sein wollte. Ich selbst konnte das ja nicht beurteilen. Ich war zu jung, um Wein zu trinken.“

Ganz der große Künstler, braucht Tate ­natürlich nicht lange, um einen Bezug zur Kunst herzustellen – es ist die Sorgfalt: „Auf eine Art ist das wie Musik. Du startest mit einer einzelnen Note, dann versuchst du aus vielen Noten einen Akkord zu bilden, der sich gut anhört. Beim Wein sind das die Trauben. Und ähnlich wie bei der Musik merkt man erst am Schluss, ob alles wirklich harmoniert.“

Geboren ist er auf einer Militärbasis in Stuttgart

So scheint sich der Weinbau vielleicht auch deshalb als guter Freizeitsport im Progrock-Geschäft zu etablieren. Auch beispielsweise Maynard James Keenan, Sänger des US-Progband Tool, ist seit Jahren erfolgreicher Winzer in Arizona. Tate schmunzelt: „Na ja, es ist auch eine durchaus kultivierte Art, sich mal ordentlich ­abzuschießen.“

Und dann wäre da noch Stuttgart, hier wurde Geoff Tate 1959 geboren. „Ich habe kaum Erinnerung an meine Kindheit in Stuttgart. Klar, ich kenne Bilder von der ­Militärbasis, auf der ich geboren wurde. Sonderlich schön war die aber offensichtlich nicht. Als ich vier Jahre alt war, zogen wir dann weiter nach Seattle.“ Eine Art von Verbundenheit mit der Stadt fühlt Tate dennoch. „Ich denke, das ist normal, obwohl ich mit dem eigentlichen Leben dort gar nichts zu tun habe und meist nur auf Tournee in der Stadt war.“

Aber an das erste Mal erinnert sich Geoff Tate noch genau: „Das zweite Deutschlandkonzert, das wir mit Queensryche gespielt haben, war sogar in Stuttgart beziehungsweise Böblingen. Das war 1984 als Vorgruppe von Dio. Ich weiß noch, dass ich mich auf der Bühne ziemlich blamiert habe. Ich erzählte völlig euphorisiert, dass ich in Stuttgart geboren sei und ich mich wahnsinnig freuen würde, hier zu sein. Das Publikum schaute mich entgeistert an. Ich bin mir nicht sicher, ob das alleine an der Sprachbarriere lag. Vielleicht war es ihnen auch ziemlich egal.“

Seine Tochter Emily nennt ihn nicht Papa, Sondern Geoff Tate

Dann biegt plötzlich Tates 18-jährige Tochter Emily um die Ecke und ruft: „Auf geht’s, Geoff Tate. Lass uns zum Weinfest ins Dorf gehen.“ Er klopft auf den Tisch, rückt sich den Hut zurecht und sagt: „Dann ­machen wir das!“. Und er lacht noch mal: „Sie hat mich schon wieder Geoff Tate ­genannt“.

„The Key“, das erste Album von Tates Band Operation: Mindcrime, ist an diesem Freitag erschienen bei Frontier Records/Soulfood.

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