In der Aufarbeitung des Falles Mesut Özil haben beide Seiten, Spieler und Verband, Fehler gemacht. Das befeuert die Probleme der Gesellschaft. Ein Stimmungswandel muss her, kommentiert Dirk Preiß.
Stuttgart - Man mag es kaum glauben, aber ein nüchterner Blick in den Kalender gibt Sicherheit. Ja, es ist gerade einmal vier Jahre her – 2014 wurde das deutsche Fußball-Nationalteam für den Gewinn des WM-Titels gefeiert. Ein ganzes Land lag den Helden in kurzen Hosen zu Füßen. Und ja, es ist auch gerade einmal acht Jahre her – 2010 wurde das deutsche Fußball-Nationalteam für Platz drei bei der WM in Südafrika bejubelt, darüber hinaus für begeisternden Fußball und: seine multikulturelle Zusammensetzung. Erstmals wurde den deutschen Fußballfans vor Augen geführt, wie groß die gebündelte Kraft sein kann, wenn alle in Deutschland lebenden – ganz egal, welcher Herkunft – sich für ein gemeinsames Ziel einsetzen. Der Fußball, das Nationalteam im Speziellen, gilt seitdem als Vorzeigemodell in Sachen Integration. Und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nahm die Rolle gerne an. Und nun?
Wer nicht richtig reagiert, schafft sich Probleme
Mitte Juli 2018 ist von dieser Begeisterung für ein gemeinsames Miteinander nicht mehr viel zu sehen. Die politische Lage im Land hat sich verändert, die Grundstimmung ist eine andere – damit hat der Fußball zunächst einmal überhaupt nichts zu tun. Sitten sind verroht, populistische Meinungen am rechten Rand gehören zum politischen Alltag, die Möglichkeit anonymer und idiotischer Frustabladung im Internet sind stetig gewachsen. Und all das hat dann doch wieder eine Bedeutung für den Fußball – aufgrund dessen exponierter Stellung in der Gesellschaft.
Sportliche Kritik wird zur Häme, Häme wird zu Wut, Wut wird zu Hass – die Grenzen sind mittlerweile fließend. Und wer auf kleinste Stimmungen nicht richtig reagiert, schafft sich Probleme, von denen er gar nicht ahnte, dass er sie einmal haben könnte. So wie der DFB. Der hat in der Aufarbeitung des Falles Mesut Özil/Ilkay Gündogan gründlich versagt. Und nun ein Rassismus-Problem.
Vor allem der DFB-Präsident wird attackiert
Das zumindest behauptet Mesut Özil, der am Sonntag mit einem beispiellosen Rundumschlag zurückgetretene Nationalspieler. Der 29-Jährige ging vor allem den Präsidenten des Verbands, Reinhard Grindel, frontal an, unterstellte diesem Rassismus und projizierte seinen Eindruck der alltäglichen Diskriminierung auf einen Großteil der deutschen Bevölkerung. Seine Botschaft: Gewinne ich mit der DFB-Elf, bin ich als Deutscher akzeptiert, verliere ich, bin ich der Immigrant, den keiner haben will.
Ist das so? Wurde Mesut Özil nur akzeptiert, wenn er bejubelt werden konnte? Hat ihn ansonsten Rassismus begleitet in den Jahren seiner bisherigen Fußballkarriere? Keineswegs. Niemand hatte vom Nationalspieler je verlangt, seine türkischen Wurzeln zu verleugnen. Keiner hatte für die Erklärung sportlicher Niederlagen seine Herkunft herangezogen. Und ohne die zur Schau gestellte Nähe zum türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan (der demokratische Werte mit Füßen tritt) wäre die Debatte der vergangenen Wochen gar nicht entstanden. Ein Alarmsignal für die hiesige Gesellschaft ist sie dennoch. Denn sie zeigt: Der Weg zu diskriminierendem Denken und zur Befürwortung fragwürdiger Wertvorstellungen ist wieder kürzer geworden. Das gilt für Deutsche, die Fremdenhass schüren. Das gilt aber auch für jene, die sich mit totalitären Systemen öffentlich identifizieren oder mit Aussagen, wie sie Özils teilweise tätigte eine weitere Spaltung der Gesellschaft zumindest in Kauf nehmen.
Die Kraft des Sports stößt an Grenzen
In der herrschenden Atmosphäre scheint die Kraft des Sports und des Fußballs im Besonderen an ihre Grenzen zu stoßen. Um so wichtiger ist es, sie weiter (oder wieder) zu stärken, in dem die durch beide Seiten völlig missratene Debatte über den Fall Özil wieder auf eine Ebene gezogen wird, die aktuelle Probleme der Integration sachlich thematisiert, statt Wut und Hass zu schüren. Ein Wertekanon muss vermittelt und eingefordert werden dürfen – auch von Menschen, die ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben. Der DFB fordert in seiner aktuellen Stellungnahme zu Recht „die Beachtung der im Grundgesetz verankerten Menschenrechte, das Eintreten für Meinungs- und Pressefreiheit sowie Respekt, Toleranz und Fair Play“. Andererseits darf der Verband nicht den Hauch eines Zweifels an den eigenen Slogans aufkommen lassen. Gibt es sie dennoch, sind Rücktritte notwendig.
Zugleich aber braucht es ein neues Gefühl des Miteinanders, der gegenseitigen Stärkung, des einander Beschützens in der deutschen Gesellschaft – also unter allen in diesem Land lebenden Menschen. Ganz egal, ob einer Nationalspieler ist, Torhüter im Kreisligaclub oder einfach nur Mitbürger und Nachbar. Schafft dieses Land diesen Stimmungswandel trotz einer ungesund aufgeheizten Stimmung, hätte der Fall Özil am Ende sogar noch sein Gutes gehabt. Der Preis dafür, das ist schon jetzt klar, ist extrem hoch.