Messianisches Judentum Ein Streitgespräch ohne Ergebnisse

Von Markus Brauer 

„Was heißt Messianisches Judentum?“ Foto: dpa
„Was heißt Messianisches Judentum?“ Foto: dpa

Dass die messianischen Juden vom Kirchentagspräsidium nicht zum Markt der Möglichkeiten eingeladen worden sind, hat Pietisten verärgert. Beim Podiumsgespräch „Was heißt Messianisches Judentum?“ in der Liederhalle gibt es viele Antworten auf noch mehr Fragen – aber kein Ergebnis.

Stuttgart - „Was heißt Messianisches Judentum?“ Ein kontroverses Thema, das an diesem Freitag von 15- 18 Uhr für ein bis auf den letzten Platz gefüllten Mozartsaal in der Liederhalle sorgt. Für Richard Harvey, Theologe von der Messianischen Gemeinde Beit Nitzachon in London, ist der Glaube an Jesus, den Messias und der jüdische Glaube kein Widerspruch. Jesus sei Jude gewesen. Für Juden ist er nicht der Gesandte Gottes. Juden würden den Messias, der ihnen im Alten Testament von den Propheten verheißen wurde, noch erwarten. Für messianische Juden dagegen sei er schon in die Welt gekommen. Dies verbinde sie mit dem Glauben der Christen. Messianische Juden würden das Gemeinsame aus Judentum und Christentum verbinden, sagt der Theologe aus Großbritannien.

Das Thema ist umstritten auf dem Kirchentag. Vor allem aufgrund der Absage des Kirchentagspräsidiums an die Messianischen Juden, einen eigenen Stand auf dem Markt der Möglichkeiten zu haben.

„Es gibt kein anderes Judentum als das rabbinische Judentum“, sagt dagegen der jüdische Theologen Micha Brumlik vom Zentrum Jüdische Studien der Jüdischen Gemeinde in Berlin. „Entweder Jude oder Christ. Beides geht nicht.“ Messianische Zeiten? Die würden für einen Juden noch kommen, sagt der jüdische Theologe. „Ein Blick auf die jüdische Geschichte zeigt, dass auch bedeutende Theologen meinten, dass der Messias schon gekommen sei. Doch der Messias ist für Juden noch nicht gekommen – ungeachtet aller Erlösungshoffnung auf christlicher oder jüdischer Seite.“

„Messias now“ – Der Messias ist gekommen. Diese Parole von Juden aus New York in den 1990er Jahren habe sich bis heute nicht erfüllt, so Brumlik. „Jesus kann genauso wenig für Juden der Messias sein wie andere, die von sich in der Geschichte behaupteten, der Messias zu sein.“ Es gebe keine sachlichen Argumente dafür, dass der Messias bereits in die Welt gekommen sei. „Mit Anhängern der messianischen Juden kann ich genauso gut oder genauso schlecht diskutieren wie mit Anhängern von anderen Gruppen, die meinen, der Messias sei bereits gekommen.“

Wir brauchen den kritischen Dialog

Aus christlicher Sicht argumentiert der evangelische Landesbischof aus Hannover Ralf Meister. „Es ist gut, dass der Evangelische Kirchentag diese Diskussion über das messianische Judentum ermöglicht.“ Für den christlichen Theologen ist dies allerdings eine theologische Sachfrage. „Ich habe eine ganze Menge Anfragen an die Theologie der Messianischen Juden. Sie ist nicht wissenschaftlich lauter. Aber wir brauchen den kritischen Dialog, der auch auf einem Kirchentag geführt werden muss.“

„Messianisches Judentum habe ich in den zurückliegenden 25 Jahren in seiner Mission so erlebt, dass ich sie im Dialog mit dem Judentum nicht tolerieren kann.“ Mit seinem Verständnis als Christ sei dies nicht „vereinbar“. „Wie kann eine Mission von Juden aussehen, ohne dass die schmerzhafte Geschichte zwischen Juden und Christen nicht noch zusätzlich belastet wird?“ Für Bischof Meister ist das eine solche Mission unmöglich.

„Die jüdische Tradition hat über 2000 Jahrtausende nicht anerkannt, dass Jesus der Messias ist. Als messianischer Jude glaube ich an die Unfehlbarkeit der biblischen Botschaft“, sagt Richard Harvey. Der jüdische Theologe Brumlik dagegen fühlt sich von den Erklärungsversuchen der messianischen Juden vereinnahmt. Dass Jesus der Sohn Gottes sei, hätten christliche Glaubensversammlungen in den ersten Jahrhunderten nach dessen Tod behauptet, nicht aber Juden.

Es gebe weltweit rund 150.000 messianische Juden, so Harvey. Eine verschwindend geringe Zahl gegenüber den rund 16 Millionen Juden weltweit. Ihm gehe es vor allem um den interreligiösen Dialog, um das Gespräch mit dem Judentum. „Wir sind mit den jüdischen Theologen einig, dass wir uns nicht einig sind.“

„Ich kann das als ihr Glaubensbekenntnis akzeptieren“, erklärt Bischof Meister. Aber ihre Sicht der Dinge lasse sich weder aus der christlichen Theologiegeschichte noch aus der christlich-jüdischen Geschichte herleiten, entgegnet der christliche Theologe Meister dem messianischen Theologen Harvey.

„Wie definieren wir das Missionsverständnis gegenüber dem Judentum“

„Es gab Christen, die jüdische Wurzeln hatten und christlich getauft waren, denen wir als Christen während des Nationalsozialismus nicht geholfen haben“, sagt die Moderatorin Cornelia Coenen-Marx, Oberkirchenrätin aus Hannover. Warum gebe es messianische Juden, wenn es doch gläubige Juden und Christen gebe, die vom Judentum zum christlichen Glauben konvertiert seien? Eine sehr berechtigte Frage, die sich an die Identität und das Selbstverständnis der messianischen Juden richtet.

Der Glaube der messianischen Juden würde das Verständnis der Juden von ihrem eigenen Glauben vertiefen und weiterführen, antwortet Richard Harvey. Er verweist auf die Leidensgeschichte seiner eigenen Familie während des nationalsozialistischen Völkermordes am jüdischen Volk, an den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

„70 Jahre nach dem Holocaust diskutieren wir diese Frage auf dem Kirchentag. Warum gerade jetzt diese Diskussion“, fragt Coenen-Marx. Es gebe keine andere evangelische Landeskirche wie die württembergische, die „so hinter dem Projekt Judenmission durch messianische Juden“ steht, betont Micha Brumlik. „Mich überzeugt es nicht, das alles zusammenführen.“

„Wie definieren wir das Missionsverständnis gegenüber dem Judentum“ – das sei die zentrale Frage, gibt Bischof Meister. Die Landeskirchen würden sich in der Interpretation der Frage, welche Rolle das messianische Juden spielen, deutlich unterscheiden. Dasselbe gelte auch für die Frage der Homo-Ehe. „Wir dürfen uns von diesen Fragen als Landeskirchen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland nicht zerreißen lassen.“

Ist das messianische Judentum das theologische „Missing link“ - das fehlende Bindeglied zwischen Juden und Christen? „Die Annahme ist weder von der jüdischen noch christlichen Geschichte akzeptabel. Das ist eine ungeheure Anmaßung“, sagt Bischof Meister. Die Buhrufe aus dem Saal zeigen, dass nicht alle seiner Meinung sind.

Ein Fazit aus der Sicht des Autors, der selbst katholischer Theologe ist: Bischof Meisters Ablehnung einer christlichen Judenmission ist die einzig legitime Antwort. Es ist eine theologische und geschichtliche Unmöglichkeit, den jüdischen Glauben christlich zu „vereinnahmen“. Das jüdische Volk ist - auch nach christlichem Glauben - das von Gott auserwählte Volk, das Volk Gottes, das Jahwe aus der Knechtschaft Ägyptens befreit und zu einer neuen Identität geführt hat. Christentum und Judentum verbindet die Geschichte des Alten Bundes, jener Geschichte, die Gott mit dem Volk Israel begründet hat. Doch die Geschichte des Neuen Bundes, die Gott nach christlichem Glauben mit Jesus von Nazareth gestiftet hat, bedeutet nicht das Ende der Geschichte des Judentums. Das Judentum ist genauso wie das Christentum eine historisch gewachsene Weltreligion.

„Über zwei Milliarden Christen haben einen Missionsauftrag“, sagt Bischof Meister. Und es gebe Grenzen. „Die Ausnutzung von Armut und Not gehöre nicht zum christlichen Auftrag. Wenn Christen in Asylantenheimen missionieren hat das mit meinem Verständnis von Mission nichts zu tun.“ Entscheidend sei der gegenseitige Respekt und die gegenseitige Toleranz, so Landesbischof Ralf Meister .

Und damit ist auch klar: Wer als Christ Juden missionieren will, verletzt diese grundlegende und unveräußerliche Maxime des interreligiösen Dialogs.

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