Ladenbesitzer und Helfer Zebur Isoski hat die vergangene Nacht kaum geschlafen, die Erlebnisse beschäftigen ihn. Foto: /Emanuel Hege

Ein Tag nach der Messerattacke am Bahnhof in Sachsenheim werden immer mehr Details bekannt – unter anderem über die engagierten Helfer. Einer von ihnen ist Ladenbesitzer Zebur Isoski, der zuschlug und damit womöglich zwei Leben rettete.

Am Mittwochnachmittag gegen 14.40 Uhr hat ein 52-jähriger Mann auf sich und seine Frau eingestochen – und das mitten auf dem Bahnhofvorplatz des 19 500-Einwohner-Städtchens Sachsenheim. Einen Tag nach der blutigen Attacke ist am Tatort nichts mehr von dem Verbrechen zu sehen. Keine Polizei, keine Kampfspuren oder Blut. Im Café gegenüber unterhalten sich einige ältere Männer über die Tat, schimpfen auf die Politik und dass in der Stadt immer weniger los sei. Den Angriff hätten sie nicht gesehen, nur dass da jemand gelegen sei.

 

Er hätte nur noch gesehen, wie die Feuerwehr das Blut weggespritzt hat, sagt Achmet Kücük. Er betreibt einen Kiosk direkt neben dem Tatort, hatte seinen Laden aber zum Zeitpunkt des Angriffs geschlossen. „Ich hatte einen Termin, eigentlich habe ich nie zu, vielleicht war das aber wirklich besser so.“ Die Messerattacke sei Thema in seiner Freundesgruppe, sagt ein Schüler, der gerade einen Energydrink im Kiosk kauft: „So etwas passiert in einer Stadt wie Sachsenheim ja eigentlich nicht.“

Foto: Andreas Essig

50 Meter weiter betreibt Zebur Isoski seit einigen Monaten einen Balkan-Supermarkt. Der gebürtige Albaner guckt etwas misstrauisch, als er auf die gestrige Tat angesprochen wird. Ja, er habe die Messerattacke gesehen und ja, er habe eingegriffen. „Ich war gegenüber vom Bahnhof einen Kaffee trinken, als ein junger Mann um Hilfe gerufen hat“, berichtet Isoski. Er sei direkt aufgestanden und in Richtung des Tatorts geeilt. Als er die Straße überquerte, habe er schon gesehen, wie ein Mann auf eine Frau einstach. Als er näher gekommen sei, habe der Mann bereits den zweiten Hieb mit dem Messer ausgeführt. „Wenn er noch einmal zugestochen hätte, wäre sie bestimmt tot gewesen.“

Laut eigener Aussage erwischte Isoski den Täter aber rechtzeitig und schlug ihn zu Boden – das Messer sei dem Mann aus der Hand und einige Meter weiter geflogen. Mehrere Personen seien zu Hilfe geeilt und hätten die Frau versorgt. „Ein Mann hat sein Hemd ausgezogen und damit das Bein abgebunden, die Wunde am Oberschenkel war bestimmt 20 Zentimeter lang“, sagt Isoski. „So viel menschliches Blut habe ich noch nie gesehen.“ Erst kurze Zeit später habe er bemerkt, dass auch der Angreifer schwere Verletzungen hatte. Einige Ersthelfer hätten versucht, seine Blutung mit einer Küchenrolle zu stillen.

Zeigen und Helfer können psychologische Hilfe bekommen

Viele Passanten seien aber auch stehen geblieben und hätten nur geguckt, sagt Isoski. Das ärgere ihn auch jetzt noch, einen Tag nach der Tat. „Zum Zugucken kann man zum Tennis gehen, aber das geht nicht bei so einer Tat.“ Woher er seinen Mut nahm, als er auf den Täter zustürmte – das könne er sich auch nicht erklären, sagt Isoski. Ihm sei erst viel später aufgefallen, in welche Gefahr er sich dabei selbst gebracht hat. Die Ereignisse wirken immer noch nach, „ich habe letzte Nacht auch nicht wirklich geschlafen“. Psychologische Hilfe, die Polizei und Rettungskräfte den Augenzeugen und Helfern anbieten, hat der Ladenbesitzer bisher nicht in Anspruch genommen. „Das schaffe ich auch so.“

Auf die psychologische Betreuung weist auch Bürgermeister Holger Albrich am Tag nach der Tat hin. Die Stadt nehme die Sorgen der Bewohner und Zeugen ernst – „wir können Hilfe vermitteln.“ Albrich dankte noch einmal den couragierten Helfern, die eingeschritten sind. Neben den Passanten hätten sich auch Ärzte und Fachpersonal aus den gegenüberliegenden Praxen schnellstens um die Versorgung der verletzten Personen gekümmert, berichtet der Bürgermeister. „Ihr Einsatz zeigt, dass die Bereitschaft der Menschen zu helfen viel größer ist, als man es immer hört und liest.“

Neue Infos der Polizei

Währenddessen haben das Polizeipräsidium Ludwigsburg und die Staatsanwaltschaft Heilbronn am Donnerstag einige weitere Informationen zur Tat bekannt gegeben. Der 52-jährige Angreifer und seine 50-jährige Frau sind demnach beide ukrainische Staatsangehörige, bei dem Angriff handelt es sich um eine sogenannte Beziehungstat. Sowohl der Tatverdächtige als auch seine Frau mussten operiert werden. Während sich der Mann in einem stabilen Zustand befindet, ist die Lage der Geschädigten nach wie vor lebensbedrohlich.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Heilbronn wurde gegen den Tatverdächtigen durch das Amtsgericht Heilbronn Haftbefehl wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung erlassen. Die richterliche Vorführung fand noch im Krankenhaus statt, wo der Haftbefehl in Vollzug gesetzt wurde. Der Tatverdächtige wird also demnächst in ein Justizvollzugskrankenhaus überstellt.