Auf der Messe Invest 2025 heben Finanzexperten die Ruhe der meisten Privatanleger trotz turbulenter Börsen hervor. Viele beschäftigt die Frage, wie stark man nun noch in US-Werte investieren sollte.
Besser kann eine Anlegermesse kaum losgehen als mit einem Dax-Allzeitrekord. Kurz nach Handelsbeginn erreicht der Deutsche Aktienindex mit über 23 500 Punkten einen neuen Spitzenwert. Doch der Traumstart der Invest ist bei genauerem Blick keiner – zu groß ist die Unruhe in der Finanzwelt infolge der unabwägbaren Zollpolitik von Donald Trump. Sie hat speziell bei den Privatanlegern in den vergangenen Wochen für heftige Irritationen gesorgt. Zugleich hat ein großer Teil deutliche Verluste erlitten – ein kleinerer Teil aber auch Gewinne erzielt, wie sich auf dem sehr stark frequentierten Gelände der Stuttgarter Messe zeigt.
An der Börse Stuttgart immerhin hat man festgestellt, dass viele Aktieninhaber seit der Verhängung der US-Zölle gegen den Rest der Welt einen „kühlen Kopf bewahrt“ und möglicherweise das eine oder andere „Schnäppchen im Discount“ erworben haben, wie Dragan Radanovic, Handelsvorstand der Börse Stuttgart, im Eröffnungsforum berichtet. Selbst bei Kryptowährungen seien viele ruhig geblieben und hätten zum großen Teil „sehr geschickt agiert“. „Wir erwarten, dass die Volatilität der Märkte erhalten bleibt“, sagt Radanovic. Man könne daher „den einen oder anderen Aussetzer“ an den Börsen nutzen, um in spezielle Werte zu investieren.
„Nicht schönzureden: Viele haben Geld verloren“
In einem weiteren Forum bekennt Markus Jung, führender Experte für strukturierte Wertpapiere an der Börse Stuttgart, dass „extrem viele Aufträge“ in der volatilen Phase zu verzeichnen gewesen seien. Die Kunden seien zwar „einigermaßen rational“ geblieben. Dennoch bestehe die Gefahr, dass sich die Masse der Anleger über Wochen und Monate zurückhalte, denn das Handelsaufkommen habe schon „merklich nachgelassen“. Jung: „Viele haben Geld verloren – das muss man nicht schönreden.“ Andere hätten die niedrigeren Kurse für den Einstieg genutzt, sodass ihre Depots gut dastünden.
Entsprechende Empfehlungen gibt auch ein prominenter Vertreter der vielen Finanzblogger: Lars Erichsen betreibt einen eigenen Youtube-Kanal mit rund 180 000 Abonnenten und rät, Korrekturphasen zum Kauf zu nutzen – dies sei ein „simpler Grundsatz der langfristigen Geldanlage“, sagt er. „Da hat man noch nie etwas falsch gemacht.“ Allerdings verkennt er nicht die politischen Unsicherheiten. Zukünftige Zoll-Deals habe der Markt eingepreist. Sollte sich abzeichnen, dass die Deals der USA etwa mit China und der EU nicht kommen, dann „werden die Börsen das nicht mit Gewinnen honorieren“.
Ein zentrales Thema auf den Podien ist die Frage, ob der US-Markt nun noch der Renditebringer ist, der er die vergangenen 15 Jahre war. Es ist viel Vertrauen verloren gegangen, und Anleger fragen sich, ob das starke US-Gewicht in beliebten Indizes wie dem MSCI World (knapp 71 Prozent) nun noch ratsam ist für den eigenen ETF-Sparplan.
Der Unternehmer und Tech-Investor Frank Thelen sieht in Europa keine Alternative zum US-Aktienmarkt: „Europa fehlt ein klarer Plan.“ Die großen Themen der Zeit seien Robotik und Künstliche Intelligenz, „und da werden die USA nicht schwächeln“, meint er. Thelen rät Anlegern nicht dazu, sich aus dem US-Markt zurückzuziehen, auch wenn Trump sich mit den Zöllen „total verritten“ habe.
Ähnlich sieht es auch Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baader Bank: „Man wird Amerika nicht abschreiben dürfen.“ Der Trader, Finanzinfluencer und Gründer der Trading-Plattform Goldesel, Michael Flender, stimmt dem zu: „Die Stimmung gegenüber den USA ist extrem negativ, aber die Musik spielt mit den Milliardeninvestitionen weiter dort“, sagt er mit Blick auf die Tech-Branche. Er sehe an den Börsen keine große Trendwende in Richtung Europa.
„MSCI-World-ETF verwässern, nicht verkaufen“
Der Investmentbanker und Autor Gerd Kommer weist darauf hin, dass die Bewertungen von US-Aktien auch nach dem „Mini-Crash“ Anfang April nun immer noch 18 Prozent über ihrem historischen Durchschnitt lägen. Europa hingegen sei 14 Prozent unterbewertet. Sein Rat: „Nicht raus aus den USA, aber eine gesündere Mischung.“ Etwaige Anteile an einem MSCI-World-ETF sollten Anleger jetzt auch nicht verkaufen, sondern ihn besser „verwässern“, indem sie nun beispielsweise einen Europa-ETF zukaufen.
Und wie geht es weiter? Wie Radanovic von der Börse Stuttgart gehen viele Experten auf den Podien davon aus, dass das Börsenjahr 2025 turbulent wird, sprich: hohe Volatilität. Laut Radanovic haben schon viele Börsenhändler und Privatanleger die Online-Plattform von Donald Trump, Truth Social, auf ihrem Smartphone. Denn: „Trump bewegt die Märkte“ – und seien es auch nur die Gerüchte über seine neuesten Ankündigungen.
Publikumsmagnet Invest
Aussteller
Die Invest rühmt sich, das „größte deutsche Finanzevent“ zu sein. Geboten werden gut 250 Programmpunkte an zwei Tagen. Rund 140 Unternehmen präsentieren insbesondere auf fünf Bühnen ihre Produkte, Dienstleistungen und Fachwissen.
Besucher
Neu sind diesmal etwa der Zukunftstag für junge Menschen und ein deutlich erweiterter Female Finance Day an diesem Samstag. Im Vorjahr kamen weit mehr als 13 000 Besucherinnen und Besucher.